Literaturhaus Graz-Chef Klaus Kastberger: „Pure Quantitäten verwaschen die eigenen Konzepte“

    Literaturhaus Graz-Chef Klaus Kastberger: „Pure Quantitäten verwaschen die eigenen Konzepte“

    Mit Klaus Kastberger steht nach dem Abgang von Gerhard Melzer ein wissenschaftliches Schwergewicht dem Literaturhaus Graz vor. Wir sprachen mit dem neuen Chef über sein Haus, die Mär vom versoffenen Wolfi Bauer und den „Song Contest für Literatur“.

    Nach zehn Jahren hat das Literaturhaus politische Zielsetzungen erhalten. Zu Recht?

    Ich finde es gut, Ziele klar zu formulieren. In Graz hat man das ja in nahezu allen Häusern gemacht, die neu zu besetzen waren. Man weiß dadurch einfach, woran man ist. Vieles von dem, was gefordert wird, ist goldrichtig – wie etwa die Synchronisierung von Nabl-Institut und Literaturhaus; neue, diskurslastige Veranstaltungsformate; das Weggehen von reinen Präsentationsformaten sowie die besondere Unterstützung der lebendigen, produktiven Dinge, die es hier schon immer gegeben hat, wie die der Plattform oder der Jugendliteraturwerkstatt. Ein bisschen ein Problem habe ich mit Zielsetzungen, sofern diese nur ein pures Mehr beispielsweise an Veranstaltungen und Kooperationen fordern, da ist man im Literaturhaus schon jetzt relativ am Limit.

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    Klaus Kastberger im Garten des Literaturhaus Graz

    Was wollen Sie?

    Wichtig ist, dass man das Konzept, unter dem das Literaturhaus steht, nach außen möglichst gut erkennt und man erkennt, dass diese Konzepte auch „inhäusig“ produziert werden. Das Literaturhaus ist ja nicht nur ein eigener Veranstaltungskörper, sondern es steht auch freien Kulturschaffenden aus Graz und der Steiermark zur Verfügung. Für mich war bislang nicht immer klar ausgewiesen, welche Veranstaltung zu welchem Bereich gehört. Dass man den Raum hier öffnet, ist gut, aber man sollte diese Gastveranstaltungen trennen von den konzeptionellen Programmen, die wir hier – auch in Zusammenarbeit mit anderen – erarbeiten. Pure Quantitäten verwaschen die eigenen Konzepte und ich sehe es als Gefahr, wenn man den Erfolg nur in Quantitäten messen wollte.

    Planen Sie abseits der Bespielung Neuerungen am Haus?

    Das Nabl-Institut etwa, grundsätzlich ein Literaturarchiv mit Vor- und Nachlässen von Gerhard Roth, Werner Schwab, Barbara Frischmuth oder Klaus Hoffer, gehört eng mit dem Literaturhaus zusammen. Als Besucher nimmt man das gar nicht so wahr, denn man kommt herein, muss sich orientieren und durch ein Lokal in den Keller zu unserem Veranstaltungssaal gehen. Von unserem Haus in seiner Gesamtheit sieht man aber eigentlich nichts. Ich will dem Besucher auch zeigen, dass der Saal eigentlich gar kein Keller, sondern ein offener Raum in Richtung eines wunderschönen Garten ist. Oder dem Besucher ein Gefühl davon vermitteln, dass man im Veranstaltungssaal unmittelbar unter dem Vorlass von Gerhard Roth sitzt. Das gehört einfach zum Verständnis dieses Hauses dazu und ist in der Öffentlichkeit nicht genügend ausgewiesen. Wir überlegen Maßnahmen, das Haus als Ganzes wahrzunehmen und ein Gefühl dafür zu bekommen, um was es sich hier eigentlich handelt, nämlich einem sehr umfassenden Ort der Literatur.

    Was sind Ihre ersten Eindrücke vom Haus und der steirischen Szene?

    Ich bin fasziniert von der Lebendigkeit und Offenheit der Grazer Szene. Auch das internationale Programm hier halte ich im Vergleich mit anderen Literaturhäusern für vorzüglich. Die Ausrichtung nach Südosteuropa ist fantastisch und die Ausgewogenheit, eine Drittelparität Steiermark-Österreich-Internationales, ist ein Faktor, der absolut so bleiben soll. Ein weiterer Vorteil dieses Literaturhaus ist, dass Graz nach wie vor von seinem Mythos lebt. Grazer Literatur hat automatisch den Background Wolfi Bauer, Forum Stadtpark und all das, was in den 60er- und 70er-Jahren hier passiert ist. Erfüllt mit einer unglaublich lebendigen jungen Szene. Zwei Stars, Clemens Setz und Valerie Fritsch, hat Graz nun aktuell hervorgebracht und man kann regelrecht davon sprechen, dass diese Stadt für Literatur einer der besten Orte überhaupt ist. Graz ist in diesen Dingen viel konzentrierter als Wien und ein Zentrum für sich und genießt einen Ruf, der von den Grazern selbst vielleicht sogar unterschätzt wird. Wenn man 200 km weg ist aus Graz, dann ist Wolfi Bauer, zum Beispiel, ein Autor, der perfekte Stücke geschrieben hat, die auch heute noch gespielt werden können. In der Grazer Wahrnehmung ist er eher ein versoffener, schlampiger Dichter, der sich nicht ordentlich bemüht hat. Das ist eine Rolle, die er zeitlebens gespielt hat, aber in Bonn oder Berlin würde niemand auf die Idee kommen, seine Stücke vor diesem Hintergrund zu beurteilen. Sein Image verstellt vor Ort vielleicht sogar eine adäquate Beurteilung der Perfektion seines Schreibens.

    Das Literaturhaus schaffte bisher den Spagat zwischen Kunst und Kommerz. Hat Show unter Ihnen noch Platz?

    Ich mache meinen Geschmack nicht zum Gradmesser, für das, was hier passiert. Ich möchte ein Programm bieten, das vielfältig ist und viele Bereiche der Literatur, die eine Stadt braucht, abdeckt. Literatur muss in ihrer ganzen Breite stattfinden. Show und Spektakel sehe ich gar nicht negativ, denn für mich ist beispielsweise jedes Herbstprogramm der Frankfurter Buchmesse Show und Kommerz. Aber es gibt daneben auch Bücher, die vor zwei Jahren oder vor 20 erschienen sind und es darf nicht alles im aktuellen Kommerz untergehen. Es ist klar, dass Verlagsmarketing und Show nicht gleichzusetzen sind mit Literatur. Das Gesamtprogramm muss ein Korrektiv zum Kommerz sein.

    Apropos Show: Der „Song Contest für Literatur“, wie Sie den Bachmann-Preis einmal bezeichneten, hat Sie in die Jury geladen …

    Davon war ich sehr überrascht, weil ich den Bachmann-Preis in den letzten Jahren immer stark kritisiert habe. Dort findet eben Literatur fürs Fernsehen statt und das hat mit meinen Literaturinteressen eigentlich wenig zu tun. Für mich gehört es zur Literatur, dass ich mit einem Buch allein bin, mich kontemplativ hineinversetze und mir Komplexitäten und neue Räume erschlossen werden. Aber wenn der Bachmann-Preis dazu beiträgt, ein Einstiegsportal für Literatur zu eröffnen und auch nur ein einziger Zuschauer das Gefühl hat, was diese Kasperln da auf der Bühne abziehen, könnte etwas sein, was ihn interessiert und zu einem Buch greifen lässt, dann wäre die Show ja schon gelungen.

    Text: Wolfgang Pauker

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