Günter Brus: „Die Konzentration hat die Schmerzen verdrängt“

    Günter Brus: „Die Konzentration hat die Schmerzen verdrängt“

    „Achtzig“ – die unabhängige Kulturzeitung, sprach mit Kunststar Günter Brus über seine Aktionen, Schmerzen und Skandale.

    Günter Brus "Der helle Wahnsinn", 1968
    Günter Brus
    „Der helle Wahnsinn“, 1968

    Sie haben die Body Art „erfunden“, heißt es …

    … manche sagen das. Sie mögen recht haben.

    Unterstreicht die aktuelle Ausstellung im Bruseum diese Tatsache?

    Der Schwerpunkt wurde auf das Thema „Selbstverletzung als Kunstform“ gesetzt. Die Ausstellung handelt von der Zeit um 1970. In dieser Zeit fand auch meine „Selbstverletzung“ im Jahre 1968 statt. Body Art mit der Selbstbemalung wurde von mir ja schon viel früher betrieben, etwa ab 1964.

    Wie betrachten Sie eigentlich ihre Nachfolgegeneration, die noch extremere Aktionen durchführte? Chris Burden ließ sich zum Beispiel mit einer Pistole anschießen?

    Ich sehe das nicht als extremer an. Im Fall von Burdon war der Schütze ja sehr zielsicher. Es war nur ein Streifschuss. Das ist für mich dasselbe als würde man sich schneiden. Außerdem war es eben ein Nachfolger – seine Idee ist meiner Idee hinterher gekommen. Wie auch alle anderen Künstler in der aktuellen Ausstellung nur Nachfolger sind. Ein paar Ausnahmen gibt es vielleicht in Japan. Die Selbstverletzung liegt aber auch in der japanischen Kultur.

    "Zerreissprobe", 1970
    „Zerreissprobe“,
    1970

    In Ihren Aktionen gingen Sie oft bis an die körperliche Zumutbarkeit, wie lange hat es eigentlich gedauert, sich von diesen, allen voran die „Zerreißprobe“, körperlich und auch psychisch zu erholen?

    Davon brauchte ich mich nicht zu erholen. Die Aktionen waren die Erholung. Ich hatte auch keine Nachwirkungen.

    Die sich selbst zugefügten Wunden haben Sie niemals nähen lassen. Warum?

    Ich hatte mich auf Mutter Natur verlassen … das Ganze würde schon irgendwie heilen, dachte ich, und lag richtig. Bei der „Zerreißprobe“ ist ein Schnitt im Oberschenkel allerdings zu tief geraten. Das hätte, im Nachhinein betrachtet, genäht gehört – die Zeit damals war aber eine unbekümmerte. Ein Arzt meinte, dass mein Schnitt am Kopf an der Grenze war. Wäre er noch tiefer gewesen, wäre ich daran wohl gestorben. Auch diese Verletzung wurde nicht genäht, es ist mir davon nicht einmal eine Narbe geblieben.

    Hatten Sie damals eigentlich Angst vor den Aktionen und den Wunden, die Sie sich zufügen würden?

    Ob ich mich davor gefürchtet habe? Nein. Im Gegenteil. Gefreut habe ich mich.

    Wurden die Schmerzen von Aktion zu Aktion erträglicher?

    Erträglicher kann man nicht sagen. Aber es sind andere Schmerzen als jene, die durch Zufall, bei einem Unfall entstehen – sagen wir in der Küche, wenn man sich schneidet. Die enorme Konzentration hat die Schmerzen verdrängt.

    IMG_0496 - Kopie (Large)Wie sehr waren die einzelnen Aktionen eigentlich durchgeplant? Haben Sie mit der Rasierklinge improvisiert?

    Gerade bei der Zerreißprobe war ich höchst konzentriert. Es gibt dazu eine eigene zeichnerische Partitur. Der Film ist mit dieser deckungsgleich. Zufällig ist dabei nichts entstanden.

    Nach der „Zerreißprobe“ haben Sie mit der Body Art aufgehört. Vor allem Ihre Frau konnte es nicht mehr ertragen, heißt es. Hätten Sie ohne sie weitergemacht?

    „Willst du, dass deine Tochter einen verstümmelten Vater hat?“, fragte sie mich. Das stimmt, sie hatte mir die Rute ins Fenster gestellt. Es war aber auch bei mir so weit, dass ich nicht mehr weitermachen wollte. Obwohl ich bereits zeichnerische Entwürfe für noch extremere Aktionen angefertigt hatte …

    … welche waren das?

    Ich hatte zum Beispiel die Idee, mir einen Silbernagel durch den Fußrist zu treiben, um daran ein kleines Brettchen zu befestigen. Damit wäre ich dann spazieren gegangen. Es hätte aber meinen künstlerischen Weg nicht weitergebracht.

    Wie kamen Sie eigentlich auf die Idee, von der Selbstbemalung zur Selbstverletzung überzugehen?

    Theoretisch ist es wohl so zu erklären, dass ich nach und nach immer nackter wurde. Zuerst bemalte ich mich im weißen Anzug. Dann wurde ich auf den Aktionen immer nackter. Schlussendlich blieb mir nichts anderes mehr übrig, denn ich wollte auch keine weiteren Malutensilien mehr einsetzen. Meine Idee war, direkt am Körper zu arbeiten, es bot sich die Rasierklinge regelrecht an. Wenn man so will, das Skalpell.

    Ihre damaligen Aktionen waren radikal, auch nach heutigen Maßstäben. Müssen junge Künstler radikal sein?

    Bis zu einem gewissen Prozentsatz schon. Es muss keinen Skandal geben, auch wenn ein solcher bei heute weltberühmten Künstlern oft vorgekommen ist. Aber Kunst sollte eine gewisse Verstörung auslösen. Ohne eine solche gäbe es keine Erneuerung. Es gäbe auch keinen Unterschied zwischen der allgemeinen unbedarften Gesellschaft und dem Künstler, dem Individuum.

    Dennoch sind Sie kein Freund von programmierten Skandalen …

    … in meiner Laufbahn gab es nur eine Ausnahme, bei der wir bewusst provozieren wollten. Das war die Aktion „Kunst und Revolution“ an der Universität in Wien. Da waren wir alle auf Skandal aus. Wir rechneten aber nicht damit, dass er solche Ausmaße annehmen würde.

    Sie wurden danach gerichtlich von einem Psychiater als Psychopath bewertet. Dieser Psychiater war, darauf ist man 2005 drauf gekommen, ein NS-Verbrecher …

    Das war Herr Gross. Er hatte viele Menschen auf dem Gewissen. Ein Mörder. Er wurde damals gestützt. Leider muss ich sagen, dass seine Unterstützer aus dem sozialistischen Lager kamen. Als man ihn verurteilen wollte, war er zu alt dazu.

    Wie stehen Sie eigentlich zu jungen Aktionisten in der Steiermark?

    Da kenne ich keine. Wer sollen die sein? Heute gibt es eigentlich keine Aktionen in klassischem Sinne mehr. Das heißt nun Performance, und ist grundverschieden. Es geht heute auch gar nicht mehr wie früher. In der jetzigen Zeit einen Skandal zu erzeugen, der noch als Kunst gilt, ist unheimlich schwierig geworden. Wenn ich heute in den Grazer Dom gehe und auf den Altar uriniere, wird das zwar ein Skandal sein, aber mit Kunst hat das nichts zu tun.

    Gibt es noch Aktionen, die Sie reizen würden?

    Nein. Das Kapitel ist abgeschlossen. Es drängt mich nicht mehr das Geringste dazu.

    Wie sieht es mit der Kunst generell aus. Arbeiten Sie an neuen Werken?

    Meine Werkstatt habe ich seit März kein einziges Mal mehr betreten. Ich habe sporadisch im Caféhaus skizziert. Aber mir geht momentan nichts ab. Ich befinde mich momentan in einer größeren Pause, so wie viele große Künstler vor mir auch. Es handelt sich aber um keine Krise. Ich jammer nicht vor mich hin. Ich mag jedoch keine Wiederholungen – soll ich immer das Gleiche zeichnen?

    Text: Stefan Zavernik

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