Christopher Drexler: „Die europäische Außenpolitik unterliegt einer schleichenden Austrifizierung“

    Christopher Drexler: „Die europäische Außenpolitik unterliegt einer schleichenden Austrifizierung“

    Christopher Drexler in der Redaktion von Achtzig - die Kulturzeitung.

    Er ist als Landesrat für Gesundheit, Pflege, Wissenschaft und Personal bekannt. Und wird gerne als politischer Querdenker gehandelt: „Achtzig“ hat Christopher Drexler zum Interview getroffen, um über ein Thema zu sprechen, das ganz Europa seit Monaten beschäftigt und Tag für Tag neue Fragen aufwirft.

    Kann man in Bezug auf die Flüchtlingskrise tatsächlich von einem „gesamteuropäischen Versagen“ sprechen?

    Ja, nur hat das angefangen, lange bevor der erste Flüchtling seinen Fuß über die Grenze gesetzt hat. Europa hat tatenlos zugesehen, wie sich der Bürgerkrieg in Syrien entwickelt hat. Man könnte auch sagen, dass die europäische Außenpolitik einer schleichenden ‚Austrifizierung‘ unterliegt: Man gefällt sich in der Rolle des nicht Auffallens.

    Aber was ist der konkrete Vorwurf an Europa?

    Insgesamt hat Europa es versäumt, sich als Hegemonie in seinem näheren Umfeld zu betätigen. Man hofft immer, dass die Amerikaner kommen und alles richten.

    P1050395 (Medium)Was wäre Ihr Lösungsansatz?

    Zu allererst müssen die Flüchtlinge, die hier sind, versorgt werden und zweitens muss der Krieg in Syrien beendet werden. Es braucht letztlich also auch militärisches Engagement, weil man mit den Vertretern des sogenannten Kalifats nicht in konstruktive Verhandlungen treten kann.

    Das klingt alles sehr einfach auf den ersten Blick?

    Die ganze Debatte bleibt eine gesamteuropäische Herausforderung. Diese völlig unkontrollierte und völlig unüberblickbare Situation, wie wir sie in Europa derzeit haben, muss man natürlich in den Griff bekommen. Die Weltgemeinschaft muss sich für eine Lösung in Syrien einsetzten. Dann muss in den direkten Nachbarregionen bis in die Türkei die Versorgung der Flüchtlinge sichergestellt werden, damit die Situation in Nordeuropa abgeschwächt wird. Und bei den vielen, die schon da sind, ist es wichtig Integrationspolitik zu betreiben.

    Wie muss diese aussehen?

    In erster Linie geht es darum, die Bildung von Parallelgesellschaften zu verhindern. Und eines ist klar: Wir müssen einsehen, dass Europa ein gewisses Maß an Immigration braucht. Schon allein wegen seiner alternden Gesellschaft. Aber diese Immigration muss geregelt ablaufen und braucht System. Da kann man sich durchaus etwas von erfahrenen Einwanderungsländern wie den Vereinigten Staaten abschauen.

    Sie haben vorher kurz die Grundversorgung der Flüchtlinge angesprochen: Wie könnte beispielsweise die gesundheitliche Versorgung der Flüchtlinge ablaufen?

    Es ist wichtig, vor Ort in den Camps eine Grundversorgung zu etablieren. Das hat beispielsweise am Schwarzlsee sehr gut funktioniert. Von 1.800 Versorgungen kamen nur 61 in die Spitalsambulanz. Allerdings ist die Grundfrage, wie es insgesamt weitergeht.

    Das Land kämpft mit einer Neuverschuldung von 192 Mio. Euro. Welche Rolle spielen dabei die Kosten für die Flüchtlingshilfe?

    Die meisten Kosten entstehen in den Bereichen Soziales, Gesundheit und Personal. Die Flüchtlingshilfe spielt da keine so gewichtige Rolle. Das Minus rührt vor allem aus Investitionen.

    Text: Barbara Jernej

     

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