Theater im Keller: „Diesen verfluchten Dreck schrieb ich in der Trunkenheit“

Theater im Keller: „Diesen verfluchten Dreck schrieb ich in der Trunkenheit“

Mit seiner neuen Reihe „Classics in the basement“ will das TiK einen kritischen Blick hinter die glänzende Fassade der deutschen Klassik werfen. Den Anfang bildet das Stück „Diesen verfluchten Dreck schrieb ich in der Trunkenheit“ nach Texten von J. W. Goethe, das am 4. November 2015 Premiere feierte. Wie der Titel bereits vermuten lässt, wird man dem Genie dabei von seiner dunkelsten Seite begegnen.

Es ist nicht alles Gold, was glänzt

TIK_Goethe_017 (Medium)Die Klassik: Das goldene Zeitalter der deutschen Literatur. Sinnbild für die Schönheit der deutschen Sprache und Kultur. Johann Wolfgang von Goethe: ehrwürdiges Genie und wichtigster Vertreter einer Epoche, deren literarische Auswüchse den Nationalstolz ganzer Generationen begründeten. Dass Goethe erst vergleichsweise spät zu jenem dichterischen Genie aufstieg, das wir heute kennen und dass er davor auch weniger Gediegenes produzierte, wird dabei gänzlich ausgeklammert. Ein Phänomen, dem man im TiK nun kritisch auf den Zahn gefühlt hat: Im Rahmen der neuen Reihe Classic in the basement wurden Werke des deutschen Autors für die Bühne adaptiert, die ihm sein Können nicht streitig machen, sehr wohl aber seine teils unreflektierte Verherrlichung parodieren. Getreu dem Motto: „Prodesse et delectare“ fasst Alfred Haidacher seine Motivation für die Inszenierung folgendermaßen zusammen: „Ziel ist es, nicht einfach ‚Goethe zu spielen‘, sondern einen informellen Mehrwert zu erarbeiten, der die wenig bekannten Seiten, die abseitigeren Arbeiten eines großen Säulenheiligen der deutschsprachigen Literatur ausleuchtet.“

TIK_Goethe_019 (Medium)Egal wie dicht man ist: Goethe war Dichter!

Diesen verfluchten Dreck schrieb ich in der Trunkenheit ist dabei weit mehr geworden, als ein theatralisches Spiel, das die dunklen Seiten eines literarischen Säulenheiligen ans Licht bringt. Denn selbstreflexiv angelegt, gewährt es zudem einen Blick hinter die eigenen Kulissen. Alles beginnt mit einer locker inszenierten Probenszene. Ein naiv wirkender Einstieg, der dabei hilft die Aufmerksamkeit des letzten Skeptikers zu gewinnen. Dann, ganz langsam schlüpfen Ute Walluschek-Wallfeld, Katrin Ebner, Eva Weutz, Alfred Haidacher, Christian Krall, Alexander Kropsch und Bernd Sracnik in ihre Rollen. Im Laufe der bunten und teils ungestümen Inszenierung verliert man sich als Besucher gerne in Details. Schmunzelt oder lacht, wenn man nicht gerade gezwungen ist konzentriert zu lauschen. Denn Goethe hat auch in der Trunkenheit komplexer geschrieben, als mancher im nüchternen Zustand zu denken vermag. Bevor der Text zu anstrengend wird, folgt der nächste Grund sich zu amüsieren. Insgesamt ist dem TiK mit Diesen verfluchten Dreck schrieb ich in der Dunkelheit eine sehr ansprechende Inszenierung gelungen. Es wird mit unterschiedlichsten Perspektiven und Emotionen gespielt und dadurch das Beste aus einem Stoff herausholt, der über zwei Jahrhunderte lang im Verborgenen lag.

Ein kleiner Vorgeschmack

„Ein junger Mensch ich weiß nicht wie,/ Starb einst an der Hypochondrie/ Und ward dann auch begraben./ Da kam ein schöner Geist herbei/ Der hatte seinen Stuhlgang frei,/ Wie ihn so Leute haben./ Der setzt sich nieder auf das Grab,/ Und legt ein reinlich Häuflein ab,/ Schaut mit Behagen seinen Dreck,/ Geht wohl erathmend wieder weg,/ Und spricht zu sich bedächtiglich:/ „Der arme Mensch, er dauert mich/ Wie hat er sich verdorben!/ Hätt’ er geschissen so wie ich,/ Er wäre nicht gestorben!“ (J. W. Goethe, Nicolai auf Werthers Grab, etwa 1775)

Karten & Infos: www.tik-graz.at

 

Text: Barbara Jernej

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