Jörg Schlick: Nachruf – Zuruf – Anruf

Jörg Schlick: Nachruf – Zuruf – Anruf

Jörg Schlick: 23.6.1951 – 29.12.2005

Grade gestern erst, wenn man die Traumzeit in Deinen Dimensionen betrachtet, hast Du uns verlassen und bist uns doch in Deinen Taten, Werken und Visionen so nah wie noch nie. Ein Kunstgigant bist Du, der durch seine fast schon unendliche Riesenhaftigkeit vom Rande des Ereignishorizontes auf uns herüberschaut und uns einfache Menschlein vor der kosmischen Hintergrundstrahlung, von der Du Dich scheinbar ausschließlich nährst, filternd beschützt.

„Mein Name ist Jörg Schlick und ich bin Künstler“, so stelltest Du Dich uns vor und so wird sich keiner mehr vorstellen, wenn ihm nicht zufällig der gleiche Namen gegeben wird und er sich, dem Gesetz der Serie folgend, auch der Kunst widmet.

Schon lachst Du aus den Seiten dieser Kulturzeitschrift zu uns heraus, in unsere Welt hinein und führst uns verbildlicht vor Augen, warum Du Deinen Körper, in dem wir Dich kannten und der Dir schließlich so plötzlich gebrach, bis zum letzten Atemzug ausnutztest, um Dich in so vielen verschiedenen Gestalten zu zeigen. Die Möglichkeiten des irdischen Daseins auslotend, mit Fokus auf die sinnhafte Wahrnehmung, hast Du uns hinausgelockt aus unserem, von der permanenten Propaganda verseuchten Alltagstrott und uns Pforten geöffnet, durch die wir jetzt noch mit Leichtigkeit hindurchschreiten können und dem größeren Dasein nahe sind.

So feiern wir Dich und Dein Tun und schlürfen auf der ganzen Welt gierig Deine Echos, die Du zum Beispiel 1993 im Centre Pompidou, 1996 im Museum Ludwig in Köln und 2000 im Musée d’Art Modern et Contemporain in Genf sowie in einigen steirischen herbsten hinterlassen hast.

Kartensujet des Künstlers Jörg Schlick
Kartensujet des Künstlers Jörg Schlick

So machten wir im 10. Jahr Deiner Apotheose das Grazer Künstlerhaus zu Deinem wahren Tempel, wohin aus nah und fern die Jünger_innen pilgerten, um endlich ganz einzutauchen in das erhellende Fluxusliquid, das zu destillieren Dir so gut gelang.

Nun sind wir alle, die durch Deine Hallen schritten, heftig berührt von Deinen schalkhaften bildlichen Sensationen und kehren nie mehr in die gleiche Art der Weltwahrnehmung zurück, mit der wir eingetreten sind.

Auf die Urschrift wirfst Du uns Zwischen Euphrat und Tigris zurück, auf die Korrumpierbarkeit jeglicher gewollten bildlichen Bedeutung stößt uns beispielhaft Dein Flaggenalphabet. Schonungslos wiegst Du uns nicht in ästhetischer Sicherheit, obwohl Du uns bei jedem ersten Hinschauen auf eines Deiner Werke damit fängst, sondern zwingst uns schließlich in die Konfrontation mit der nackten Existenz allen Seins. Über Spiegel und Schatten erhaschen wir indirekt Blicke auf das vermeintlich Unfassbare wie zum Beispiel Kronos, dem Herrn der Zeit. Du bist der wahre Mittler zwischen den Welten, möchten wir in die Welt hinausschreien, doch dabei machst Du uns begreiflich, dass auch Du nur ein Teil des kosmischen Chaos bist, mit dem wir uns in hellen Momenten verbinden. So wie Du Dich heiter mit den Besten Deiner Art, die auf ihrer Reise durch das Universum auch gerade durch dieses Graz gewandert sind, verbunden hast, um dem Hochmut, der sich für die geheimen Herrscher der Welt haltenden und dem Kleinmut all derer, die an solch geheime Herrscher glauben, einen entlarvenden Spiegel vorzusetzen. In dem Ihr Euch selbst zur ehrenwerten Lord Jim Loge zusammengeschlossen habt und Eure Werke mit Sonne, Busen und Hammer brand- und vermarktet habt, habt Ihr uns für kurze Zeit von aller machtgierigen Weltverschwörung erlöst, da wir uns endlich auf die Kunst allein einschwörten. Und auch diesem schönen Schein hast Du selbst erbarmungslos den verführerischen Glanz genommen, indem Du das Logenrecht noch zu Deiner irdischen Lebzeit einfach an eine andere vorbeiziehende Truppe zur Verwertung weitergabst.

Lieber Jörg, mit einem Hoffnungsschimmer, den wir mit jedem Sinn anders erfassen und den wir mit dem bloßen Verstand nur erahnen, lässt Du uns nach 10 Jahren Deines körperlichen Verschwindens immer noch erstaunt zurück. Wir schauen auf die mannigfaltigen Beweise Deiner Existenz, auf die Wandelbarkeit Deines Ausdrucks und feiern Dein Gedächtnis und die Auferstehung deines Oeuvres jeden Tag aufs Neue, denn Du bleibst in Herrlichkeit. Noch tausende Erdenjahre werden wir damit beschäftigt sein, Dein Werk zu entschlüsseln, und jede Gelegenheit werden wir nutzen, den Verstand auszuschalten und den Groove Deiner Arbeit zu erspüren. So ist dies hier kein Nachruf, sondern vielmehr ein Zuruf oder auch ein Anruf. Schön, dass Du unter uns weiltest, weilst und weilen wirst.

Text: Jimi Lend

 

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