KUG: Sandy Lopicic – „Unwiederholbar, intuitiv und mit offenem Ende“

    KUG: Sandy Lopicic – „Unwiederholbar, intuitiv und mit offenem Ende“

    Sandy Lopicic über die Menschenorgel, Improvisation und den Wert unbeantworteter Fragen.

    Mit dem Konzert „Drum & Voice“ am 22. Jänner 2016 feiert die Kunstuni Graz eine Weltpremiere. Sandy Lopicic – gefeierter Balkanmusiker, Regisseur und Schauspieler – inszeniert als Lehrender für Theatermusik an der KUG zum ersten Mal „seine“ Menschenorgel im Rahmen einer Liveaufführung. Im Zusammenspiel mit Perkussionsmusik unter der Leitung von Ulrike Stadler erwartet das Publikum ein improvisatorisches Musikerlebnis. „Achtzig“ wollte vorab mehr erfahren.

    In wenigen Wochen erlebt Graz die Menschenorgel live. Schon der Name des „Instruments“ regt die Fantasie an. Was kann man sich darunter vorstellen?

    Wir haben bewusst einen provokativen Begriff gewählt, der auf die zunehmende Instrumentalisierung von Menschen anspielt. Ein Wortspiel, das bewusst den Zeitgeist widerspiegelt und dabei auch exakt die Funktionalität unseres Experiments auf den Punkt bringt. Die Menschenorgel besteht aus 24 Sängerinnen und Sängern, die auf den Impuls des Orgelspielers reagieren. Diesen Impuls erhalten sie über ein Seil, das ich wie ein Puppenspieler ziehe.

    Wer hat das gar so menschliche Instrument erfunden?

    Ich bin auf die Idee gemeinsam mit meinen Studenten letztes Jahr im Oktober bei den Theatermusikimprovisationen gekommen. Sowohl mit den Schauspielern als auch mit den Musikern. Wir beschäftigten uns mit chorischen Stücken, erforschten die Töne einer 15 Personen starken Truppe. Eigentlich dachte ich, es müsste so etwas bereits geben. Das war aber nicht der Fall. Umso stolzer bin ich nun, dass es uns gelungen ist, dieses Projekt umzusetzen. Wir hatten dann für zwei Tage die Möglichkeit, im Mumuth unsere Idee erstmals auszuprobieren, wobei uns die Technik ein aufwendiges Seilzugsystem konstruiert hat. Ursprünglich war das Ganze als Video-Projekt angedacht, bald aber wurden wir gefragt, ob wir unser Vorhaben auch live umsetzen könnten. Am 22. Jänner ist es nun so weit. Die Aufführung wird eine Improvisation werden und in Dialog mit der Perkussionsmusik unter der Leitung von Ulrike Stadler treten.

    Es heißt, es wird eine „Battle“ werden. Stehen Trommeln und Stimmen in Konkurrenz?

    Ich erwarte mir vielmehr eine Gegenüberstellung. Interessant wird jener Teil im Konzert, an dem wir zusammenkommen. Spannend daran ist, dass auch dieser Part nicht geprobt werden kann. Das Stück ist nicht wiederholbar. Das finde ich sehr schön und es spiegelt ein wenig das Prinzip des klassischen Happenings Anfangs des 20. Jahrhunderts wider. Ein Happening ist nie wiederholbar, jedes hat seinen eigenen Charakter. Oft waren sie unangekündigt – wer dabei war, war dabei. Es handelt sich dabei um keine fixierte Form, es ist heute so und morgen ganz anderes. Dieses Wesen entspricht auch dem Theater selbst – im Unterschied zum Film, der einmal auf ein Medium gepresst wird und dadurch unveränderbar bleibt. Theater lebt, keine Vorstellung ist wie die andere. Egal, wie fixiert etwas auch sein mag.

    Die Improvisation ist auch einer der ganz großen Unterschiede zwischen Theatermusik und „normaler Musik“?

    Vorerst unterscheidet man zwischen Musiktheater und Theatermusik. Ersteres ist Oper, Musical oder Operette. Theatermusik hingegen ersetzt den Begriff Bühnenmusik. Sie findet in einem Sprechtheaterstück statt. Lange Zeit war es ja verpönt, im Theater Musik zu benutzen, seit den 90ern ist es aber wieder angesagt und man engagiert Livemusiker dafür.

    Was macht anspruchsvolle Theatermusik aus?

    Mein Anspruch liegt darin, dass Theatermusik und ihre Musiker auf ein und dasselbe Level mit den Schauspielern kommen. Sie sollen mehr als Begleitung oder Untermalung sein, sondern Teil der Aussage. Sie sollen mit der Sprache kommunizieren. Das kann das Geheimnis guter Theatermusik sein. Sie braucht den Raum, das Stück auch zu beeinflussen.

    Welchen Stellenwert hat Theatermusik heute?

    Es ist von Theater zu Theater verschieden, und hängt immer vom jeweiligen Intendanten ab. Theatermusik ist immer auch ein Kostenpunkt. Für mich aber ist Theatermusik genauso wichtig wie ein Bühnenbild. Aber es gibt auch Stücke, die keine Musik vertragen. Doch auch in so einem Fall braucht es einen Theatermusiker um das herauszufinden.

    P1050802 (Medium)Wann studiert man Bühnenmusik – bzw. was macht ihre Faszination aus?

    Es ist ein freies Wahlfach, das es seit dreieinhalb Jahren an der KUG gibt. Zu meinen Studierenden zählen Musiker aus den Bereichen Klassik, Jazz und anderen Sparten. Es sind Leute, die noch etwas anderes suchen als die fixe Welt der Noten. Sie erhalten die Möglichkeit, ihr Instrument beim Improvisieren anders zu behandeln und sich bewusst in den Hintergrund zu rücken. Es geht nicht um Virtuosität und schon gar nicht um ein ausgelebtes Ego. Beides wird aber dem klassischen Musiker anerzogen, um Erfolg zu haben. Hinzu kommt, dass Theatermusik eine wirkliche Berufsalternative zum klassischen Orchesterjob darstellt.

    Zu Beginn unseres Gesprächs haben Sie die zunehmende Instrumentalisierung der Menschen als symbolische Aussage hinter der Menschenorgel angeführt. Hat Kunst in Zeiten wie diesen die Verpflichtung, politisch zu sein?

    Eigentlich schon. Auf bestimmte Art und Weise weigere ich mich aber dagegen, um jeden Preis politisch denken zu müssen. Die Kunst darf auch unterhalten. Und auch Fragen stellen, sollte aber nicht unbedingt Antworten liefern. Viele Kunstschaffende denken, sie müssten mit ihrer Kunst so viel Aufmerksamkeit wie möglich generieren, um Parolen zu verkünden. Künstlerisches Tun sollte hingegen Fragen stellen, das versuche ich auch meinen Studenten zu vermitteln. Die Theaterbesucher sollen mit offenen Fragen nach Hause gehen und sich selbst damit beschäftigen. Vorgefertigte Antworten, die vorgeben, wie es sein soll, finde ich nicht so spannend. Schon Albert Einstein kam zu dem Entschluss, dass es Fragen gibt, auf die es keine endgültigen Antworten geben kann. Es bringt nichts, Leute bekehren zu wollen.

    Sie selbst stammen aus Bosnien. Ist die aktuelle Flüchtlingsituation eine persönliche Triebfeder, um als Künstler seine Aussage zu treffen?

    Ich denke, man reagiert auf das Thema unterbewusst. Ich komme selbst aus Sarajevo, bin 1991, ein Jahr vor dem Krieg, nach Graz gekommen. Ich bin sozusagen nachträglich zum Flüchtling geworden und habe die damalige Flüchtlingswelle hautnah miterlebt. Ich war sehr aktiv, habe Straßenkonzerte gegeben und in den Flüchtlingslagern und Heimen geholfen. Diese Bilder kommen nun wieder hoch und zeigen, wie schnell es gehen kann.

    Text: Stefan Zavernik

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