Constantin Luser: Am Anfang war die Zeichnung

Constantin Luser: Am Anfang war die Zeichnung

Constantin Luser in seinem Büro für Raumzeichnung Foto: Viktoria Morgenstern

Sie ist der Ursprung von Constantin Lusers Gedankenwelt, die auf Papier, an Wänden und durch musikalische Skulpturen zum physisch erfahrbaren Raum wird. 80 traf den Künstler mit Grazer Wurzeln vor der Eröffnung seiner Personale zum Interview.

Das Kunsthaus Graz zeigt eine umfassende Personale zu Ihrem 40.Geburtstag. Was erwartet das Publikum?
Wir haben auf einige Schlüsselarbeiten des Skulpturenverleihs zurückgegriffen. Das heißt, ich musste nicht komplett von Null anfangen. Viele Arbeiten werden also im Rückblick gezeigt. Dadurch wird ein spezieller Aspekt meiner Arbeit – der instrumentale Teil, Instrumente als Skulptur – hervorgehoben. Speziell für die Ausstellung fertige ich eine große Bodenzeichnung an. Da fange ich wirklich von Null an. Einerseits werde ich Informationen einbauen über die Arbeiten selbst, über die Geschichte der Bestandteile. Das Ganze geht dann in einen freien und ungreifbaren Teil über; in einen bestialischen.

In der Kunsthaus-Ausstellung zeigen Sie unter anderem fünf spielbare Instrumenten-Skulpturen. Muss Kunst für Sie angreifbar sein?
Ein Teil meiner Arbeiten ist angreifbar, ein anderer Teil nicht. Es gibt viele Arten Kunst zu machen; fast so viele wie es unterschiedliche Persönlichkeiten bei Menschen gibt. Manchmal ist es wichtig provokant zu sein. Mir geht es vor allem um den hohen handwerklichen Anspruch. Ich versuche mit diesem Anspruch auch andere Bereiche zu erreichen, wie den der Musik. Vieles spielt sich auch an der Grenze zwischen Musik und Skulpturalem ab.

Luser_Sujet_300dpi (Medium)Lässt sich Ihr handwerklich hoher Anspruch am Filigranen, Feingliedrigen Ihrer Arbeiten festmachen?
Ja. Zeichnen ist handwerklich sehr anspruchsvoll. Es geht um die Liebe zum Detail. Um das sich Verlieren in Miniaturen. Die Zeichnung ist einfach die Basis, weil sie die Vorstellungskraft widerspiegelt. Dann wird es erst Schritt für Schritt konkreter. Es ist als ob man auf vier Ebenen und das zeitgleich arbeitet; konsequent immer weiter. Es findet schon noch Fortschritt statt, aber er verlangsamt sich.

Was ist für Sie das Besondere am Zeichnen?
Zeichen ist wahnsinnig direkt und schnell. Im Grunde genommen ist jeder Fehler, jede Regung sichtbar. Alles bleibt. Es wird ja nichts überarbeitet. Auf diese Weise ist Zeichnen etwas sehr Transparentes. Meine Arbeiten beginnen immer mit einer Zeichnung. Zuerst in Tagebuchform, wo ich etwas andenke. Lange Zeit habe ich dann Wände dafür benutzt. Dabei ging es mir mehr darum, den Raum zu füllen, als präzise etwas darzustellen. Es war so eine Art Kilometer-Zeichnen. Eine Zeichnung ist immer sehr persönlich und nicht übertragbar. Später habe ich Drahtzeichnungen angefertigt, räumliche Zeichnungen. Jetzt habe ich ein Büro für Raumzeichnung gegründet, das so etwas wie eine Werkstatt für Messingarbeiten ist. Dort wird an zeichnerischen Ideen gearbeitet, aber als Team. Zeichnen ist ja sonst eher ein sehr einsamer Job. Das Büro war der Versuch, das mein Arbeiten wieder sozialer wird, ich im Team arbeiten kann.

Soll Kunst eher als Gruppenerlebnis oder einzeln konsumiert und genossen werden?
Die für meine Skulpturen verwendeten Instrumente sind fast ausschließlich Gruppeninstrumente. Das Vervielfachen spiegelt meinen skulpturalen Ansatz wider. Es sollen immer mehr Möglichkeiten entstehen. Und im Idealfall kommt es zum Zusammenspiel zwischen Besuchern, zum Gruppenerlebnis, wenn man sich, zum Beispiel, zu einem Kunstwerk dazustellt und miteinsteigt in das räumliche, klangliche Erleben.

Der Titel der Personale lautet Constantin Luser. Musik zähmt die Bestie. Werden Sie gezähmt?
Die Musik hat eine ordnende Kraft, eine die in die richtige Richtung geht. In der Musik kann man sehr viel ausdrücken. Ihr gelingt es Stimmungen zu beeinflussen, durch das Zuhören zum Auslöser zu werden. Die für mich wesentliche Frage lautet: Was bezeichnet man alles als Musik? Sind es nur die von Menschen geschaffenen Klangstrukturen? Wo ist da die Grenze?

Constantin_Luser-Trommeliglu__Islam_erreicht_Nordpol_-Detail (Medium)Wenn wir von Grenzen sprechen. Sie sind gebürtiger Grazer, leben aber in Wien. Worin unterscheiden sich diese beiden Städte im Bezug auf künstlerische Freiräume?
Ich habe mir in Wien eine sehr gute Struktur geschaffen, das Glück gehabt, für mich wichtige Förderer kennenzulernen. Und nun habe ich eine wunderbare Ateliermöglichkeit, direkt im ersten Bezirk, mitten in der Stadt in einem Gebäude aus dem 17. Jahrhundert. Mein Atelier schätze ich sehr, die architektonische Qualität. Es ist ein Rückzugsort inmitten der brodelnden Stadt. In Wien ist immer was los, da gibt es kein Wochenende. Da herrscht immer eine gewisse Hektik, aber auch eine Grundenergie und das empfinde ich sehr produktiv zum Arbeiten. In Graz ist es um einiges gemütlicher. Ich könnte hier nicht mehr leben. Es ist mir zu ruhig. Es konzentriert sich eben vieles auf Wien, viele Fäden laufen dort zusammen.

Was bräuchte Graz, dass es aus dem Dornröschenschlaf erwacht? Es heißt, immer mehr Galeristen erwägen die Stadt zu verlassen.
Ich glaube der Grundstein für eine positive Entwicklung wäre eine Ausbildungsstätte. Wenn es Künstler gibt, dann taucht alles andere auch aus. Man kann nicht bei den Galeristen anfangen, sondern bei den Künstlern. Man muss eine Ausbildungsstätte schaffen, um den Kunstnachwuchs zu fördern.

Sie waren an der Universität für Angewandte Kunst in Wien. Inwieweit hat Sie die Ausbildungsstätte geprägt? Wer waren Ihre Mentoren?
Ich habe an der Akademie viel gelernt, denn eigentlich weiß man ja sehr wenig über den ganzen Betrieb. Wie er funktioniert. Wenn man eine Ausbildung macht, dann bekommt man das verschärft mit. Ich habe bei Brigitte Kowanz studiert. Das hat mich sehr geprägt. Sie hat sich dadurch ausgezeichnet, weil sie ihre Arbeit nicht auf die anderen übertragen hat. Ihre Ansprüche schon, aber nicht ihre Arbeitsweise. Sie hat alles zugelassen. Mich hat geprägt, mit welcher Konsequenz sie etwas durchdenkt. Für mich wirkte sie sehr unterstützend ein, weil sie ein gutes Umfeld aufgebaut hat. Ein Umfeld, in dem man sich in Ruhe entwickeln konnte.

Was würden Sie Ihrem jüngeren Ich rückblickend auf den Weg mitgeben?
Dass ich glücklich bin, meine Vorlieben und meine Persönlichkeitsstruktur so gut in den Alltag integrieren konnte. Und ich würden ihm raten: niemals aufzugeben. Hoffnung, die man irgendwann hatte, muss man verfolgen. Es ist wichtig Dinge einfach zu tun und nicht immer nur darüber nachzudenken, wie man sie tun kann. Und einfach immer weitermachen. Man sucht ja lange nach seinem künstlerischen Weg. Und der geht eigentlich immer weiter. Wenn man, zum Beispiel, eine Aufnahmeprüfung geschafft hat, ist das super. Aber eigentlich ist es erst der Anfang. Und wenn man dann den Abschluss hat, dann ist das wiederum erst der Anfang. Also man hat schon Zeit sich zu entwickeln. Bis 40 muss man eben durchhalten, ja und dann… (er lächelt und schweigt)

*Der Skulpturenverleih in Wien ermöglicht skulpturale Objekte zu verschiedensten Anlässen auf Zeit auszuleihen. Die bespielbaren Klangskulpturen des Künstlers sind erstmals in einer Gesamtschau in Wien zu sehen.

Text: Natalie Resch

Personale Constantin Luser. Musik zähmt die Bestie
Eröffnung: 25. Februar 2016, 19 Uhr
Katalogpräsentation: 17. März 2016 im Rahmen einer Sonderveranstaltung
Kuratiert von Katrin Bucher Trantow und Katia Huemer
Kunsthaus Graz, Space01
www.kunsthausgraz.at

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