Elisabeth Freismuth:„Ein Bohren harter Bretter“

    Elisabeth Freismuth:„Ein Bohren harter Bretter“

    Rektorin Elisabeth Freismuth

    In Zeiten, in denen internationale Krisen die Bedeutung von Kunst und Kultur überschatten, nimmt die Grazer Universität für Musik und darstellende Kunst ihren gesellschaftspolitischen Auftrag ernster denn je. Rektorin Elisabeth Freismuth erzählt von Kunstformaten der Begegnung und Österreichs Angst vor großen Würfen.

    In Graz wird schon lange darüber diskutiert, ob es auch eine akademische Ausbildung im Bereich der bildenden Künste braucht. Wie würden Sie zu einer Erweiterung Ihres Studienangebots stehen?
    Eine Erweiterung des Studienangebotes ist politisch gerade ein sehr heikles Thema. Die Regierung überprüft vielmehr, ob nicht zu viele gleiche Studienrichtungen an den einzelnen Hochschulen angeboten werden. Doch gerade im Bereich der bildenden Künste wäre es meiner Meinung nach notwendig, auch die Südregion Österreichs abzudecken. Ich spreche das regelmäßig bei meinen politischen Terminen in Stadt und Land an. Österreich leidet derzeit insgesamt daran, dass man sich nicht traut, Visionen umzusetzen und große Würfe zu machen.

    Was bedeutet es für die Kunstuniversität Graz, wenn die Budgettöpfe aufgrund von wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Krisen ausgeschöpft sind?
    Europa befindet sich aufgrund unvorhergesehener Krisen in einer budgetären Ausnahmesituation. Ich bin der Meinung, dass man gerade in politisch schwierigen Zeiten in Kunst und Kultur investieren sollte, aber das ist ein Bohren harter Bretter. Naturgemäß unterstützen auch Unternehmen vor allem nur jene Wissenschaftszweige, durch die sie selbst einen Mehrwert generieren. Es muss schließlich eine Win-win-Situation für den Geldgeber sein. Mir ist aber auch die ideelle Unterstützung im kleinen Rahmen ein besonderes Anliegen – die kommt bei uns direkt bedürftigen Studierenden zugute.

    An der Kunstuniversität Graz studieren sehr viele bedürftige Studierende, darunter auch solche aus Kriegsgebieten und dem ehemaligen Ostblock. Wie geht man als Universität mit dieser Verantwortung um?
    Wir tragen eine hohe Verantwortung gegenüber dem osteuropäischen Raum und wissen, dass wir viele finanzschwache Studierende haben. Zudem wollen wir keine begabten Studierenden verlieren, nur weil sie sich das Studium nicht leisten können. Hier kommen unsere Sponsoren ins Spiel. Vielen unserer Studierenden ist es einfach nicht möglich, neben der Universität zu jobben, sie sind dann auf ein Stipendium angewiesen – oder eben auf andere Formen der Unterstützung.

    L1007110 (Medium)Wenn Sie die vergangenen Monate Revue passieren lassen, was nehmen Sie von Ihrem ersten Jahr als Rektorin der Kunstuniversität Graz mit?
    Das Jahr war geprägt von Jubiläen, Eröffnungen, Festivals und Wettbewerben. Es war ein spannendes, sehr zeitintensives Jahr. Ich möchte heuer darauf aufbauen, was wir im Jahr 2015 strategisch entwickelt haben, und darauf, was ich im künstlerischen und wissenschaftlichen Bereich in den vergangenen Monaten erlebt habe. In diesem Sinne sehe ich 2016 als Gründerjahr – das passt auch dazu, dass unsere Wurzeln auf das Jahr 1816 zurückgehen, als im Musikverein eine erste Singschule gegründet wurde. Dieses Jubiläum feiern wir, indem wir unser kreatives Potenzial noch stärker ausleben und z. B. mehrere neue Formate schaffen.

    Können Sie bereits sagen, welche Formate das sein werden?
    Es wurde unlängst eine Veranstaltung vorgestellt, die „Begegnungen“ heißt. Dabei geht es darum, Kunst aus dem Haus mit Kunst von außerhalb zu verbinden. Wir erhoffen uns, dass damit neue Zielgruppen auf uns zukommen. Dieses Ziel verfolgen wir auch mit anderen neuen Akzenten – etwa einer Kooperation zwischen Jazzinstitut und Orpheum. Außerdem werden wir unsere Konzertveranstaltung „Seite an Seite“ fortsetzen, bei der wir gezielt Lehrende und Studierende gemeinsam auf die Bühne bitten. Zum ersten Mal wird es auch eine zweisprachige Theaterproduktion in unserem Haus geben, die unsere Studierenden gemeinsam mit Studierenden aus dem niederländischen Arnhem einstudieren.

    Das Thema Kunstvermittlung wird demnach auch 2016 eine zentrale Rolle spielen?
    Genau. Wir wollen mit derartigen Projekten künstlerischen Nachwuchs finden, auf der anderen Seite neues Publikum generieren. Mein Ziel ist es auch, Menschengruppen und Initiativen zusammenzubringen, die man vielleicht im ersten Moment nicht zusammendenken würde.

    Gibt es ein laufendes Projekt, bei dem Ihnen dieses „Zusammenbringen“ bereits gelungen ist?
    Beim Projekt Music4Refugees haben unsere Studierenden wochenlang mit Menschen in Flüchtlingsheimen gearbeitet und im Dezember letzten Jahres ein gemeinsames Benefizkonzert auf die Beine gestellt. In Zeiten, in denen viele überfordert sind, kann eine solche Form der Begegnung viel bewirken.

    Denken Sie, dass Kunst die Integration von Flüchtlingen erleichtern könnte?
    Ja, gemeinsam mit der Caritas bieten wir Chorunterricht in Volksschulen mit hohem Migrationsanteil an. Das Projekt kommt ursprünglich aus Südamerika und nennt sich Superar. Durch unsere Unterstützung konnte jetzt eine zweite Klasse finanziert werden, die vier Mal pro Woche mit einer Chorpädagogin musiziert. Es ist wissenschaftlich belegt, dass sich gemeinsames Singen positiv auf die Kinder auswirkt – und auch die betroffenen Lehrkräfte bestätigen das.

    Welche Ziele haben Sie sich für 2016 noch gesteckt?
    Mir ist es wichtig, die Relevanz unserer Universität auch im regionalen Umfeld noch stärker hervorzuheben. Es gibt kaum eine musikalische Veranstaltung in Graz, bei der wir als Universität oder unsere Leute nicht vor oder hinter den Kulissen eingebunden sind. Es ist daher ein unglaublicher Faktor für Innovation und Kreativität, um unseren Standort noch weiter zu stärken.

    Text: Cornelia Knabl

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