Müßiggang in Venedig

Müßiggang in Venedig

La Serenissima hat immer Saison. Außer im Jänner. Welches Glück für all jene, die Venedig einmal für sich alleine haben wollen.

„Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.“ Die von Hermann Hesse in Worte gefasste Wahrheit zeigt sich für Reisende gleich zu Jahresbeginn in der außergewöhnlichsten Stadt Italiens. Der Jänner ist jene Zeit im Jahr, in der Venedig dem Massentourismus entschwindet und sich selbst gehört. Hermann Hesse, der die Lagunenstadt zwei Mal besuchte und wie viele andere Schriftsteller und Künstler von ihr das restliche Leben verzaubert blieb, notierte vor mehr als 100 Jahren: „Das träge Gassenbummeln ohne Ziel ist wohl die beste Methode für Venedig […].“ Eine Herangehensweise, die bis heute eine Empfehlung bleibt. Für Francesca Bortolotto Possati, Besitzerin des legendären Luxushotels Bauers, gibt es keine bessere Jahreszeit, um Venedig zu Fuß zu erkunden als den Winter. „Viele meiner Freunde besuchen Venedig im Winter besonders gerne, und speziell im Jänner ist die Stadt eine andere Welt. Man schlendert alleine durch die Gassen und kann dabei seine eigenen Schritte hören. Das ist ein Gefühl, das sich schwer beschreiben lässt, wenn man die Stadt nur aus den hektischen Sommermonaten kennt. Wenn man während eines mitternächtlichen Spaziergangs über einen nahezu menschenleeren Markusplatz schlendert, scheint es, als würde Venedig einem alleine gehören.“ Und wer denkt, dass Venedig durch den berüchtigten Nebel der kalten Jahreszeit etwas von seiner Faszination einbüßt, der irrt – das Gegenteil ist der Fall.

Veneto_Venezia_Canale Grande_tradizione_folclore_gondola_gondoliere 2 [foto by Boato] (Medium)
Eine Gondelfahrt als Inbegriff des venezianischen Lebens
Unterwegs in San Marco
Das Stadtzentrum präsentiert sich in nahezu meditativer Ruhe. Inspiriert von Bortolotto Possatis Worten und dem grandiosen Ausblick über den Canal Grande während des Frühstücks im Bauers geht es auf Erkundungstour durch San Marco. Entgegen Hermann Hesses Anleitung haben wir ein loses Ziel: den Fisch- und Gemüsemarkt in Rialto. Spaziergänge am frühen Morgen und am Vormittag haben zu dieser Jahreszeit abenteuerlichen Charakter, das Hochwasser erfordert Einfallsreichtum. Ein wirkliches Problem stellt es allerdings nicht dar. An überschwemmten Orten werden von der Stadtregierung Stege aufgestellt – wem der Gänsemarsch auf ihnen zu langsam vorangeht, der hilft sich mit kniehohen Regenstiefeln oder besorgt sich Plastiküberzieher. Gut ausgerüstet, ist so ein leicht unter Wasser stehender Markusplatz ein gleichermaßen unterhaltsamer wie schön anzublickender Ort. Verhältnismäßig wenige Menschen geben die Schönheit des weltberühmten Platzes auf ungewohnt offene Weise preis. Weiter durch die Gassen San Marcos hin zur Rialto-Brücke sind es nur wenige Minuten, bis man den Markt erreicht. DSC_4619 (Medium)Bis auf Sonntag und Montag hat er täglich von 7 bis 13 Uhr geöffnet. Er liegt direkt am Canal Grande, seine Pescheria befindet sich unter zwei historischen zu den Seiten hin offenen Hallen, der Gemüsemarkt unter freiem Himmel. Die unzähligen Stände mit ihren verkaufstüchtigen Händlern sind ein Eldorado für Foodies: Rare Fischspezialitäten aus der Lagune und Gemüse von der Insel Sant‘Erasmo sind ein besonderes Erlebnis. Zahlreiche kleine Bars in den naheliegenden Gassen machen die Gegend darüber hinaus rund um den Markt zu einem Paradies für kulinarisch orientierte Müßiggänger.

Cicchettis, eine venezianische Tradition
Immer wieder verführen die kleinen, gut besuchten Lokale zu einem Blick in ihre mit Chicchettis gefüllten Vitrinen. Es gibt wohl kaum eine unkompliziertere Möglichkeit, als die Spezialitäten der Lagune in einer dieser gemütlichen Bacaros zu verkosten. Venezianer besuchen sie zu den unterschiedlichsten Tageszeiten, genießen venezianische Happen, trinken Wein aus kleinen Gläsern und unterhalten sich. Der Klassiker unter den Chicchettis ist Baccalà, ein Art Aufstrich aus Kabeljau. Man streicht ihn aufs Brot oder auf gebratenen Polenta. Ein weiterer Klassiker sind die kleinen Kraken der Adria, die Moscardini. Man serviert sie gerne am Holzspießchen oder mit Stangensellerie auf dem Bruschetta. Auch frittierte Meeresfrüchte, eingelegte Sardinen oder Kräuteromelette sind eine Kostprobe wert. Eine Institution unter den Bacaros in Rialto ist das Do Mori (Sestiere San Polo 429, Call die Do Mori), aber auch die Bars neben ihm sind mehr als einen Besuch wert und überraschen mit kreativen Häppchen. Eine weitere traditionelle Adresse mit Kult-Charakter ist die Cantina Do Spade (San Polo 859), ein wahres Paradies für Fans von Fisch und Meeresfrüchten, in dem es auch einen kleinen Restaurantbetrieb gibt. Speziell für den Aperitivo ist das Al Mercà unter jugendlichem Publikum ein Renner, eine kleine Bar, die Spritz & Co an seine Gäste serviert. Sitzplätze gibt es nicht, in venezianischer Tradition wird der angrenzende kleine Platz Campo Bella Vienna zum Wohnzimmer. „Venezianer verbringen generell wenig Zeit zu Hause. Man trifft und unterhält sich in Rialto. Gerade junge Menschen haben kein Bedürfnis, im Kaffeehaus zu sitzen, sie wollen im Freien sein. Auch wenn sich das Leben in den Wintermonaten etwas mehr in den eigenen vier Wänden abspielt, nutzen die Menschen Venedigs jede Möglichkeit, um unter freien Himmel zu sein“, erklärt uns Bortolotto Possati.

Francesca Bortolotto Possati, Besitzerin des legendären Luxushotels Bauers
Francesca Bortolotto Possati, Besitzerin des legendären Luxushotels Bauers

So ist auch der Campo Bella Vienna rund um das Al Mercà an den frühen Abenden des Jänners gut gefüllt und die Stimmung prächtig. Ein Tag, den man mit losem Gassenbummeln verbringt, vergeht schneller, als man glauben möchte. Wer mehrere Tage einplant, auf den warten weitere Viertel der Stadt, die es zu entdecken gibt. Zum Beispiel Arsenale oder Il Ghetto, das ehemalige Judenviertel. Bei schönem Wetter ist auch ein Ausflug mit dem Vaporetto zu den Inseln eine gute Option. Besonders zu empfehlen ist Burano mit seinen pastellfarbenen Häusern und dem legendären Fischrestaurant Da Romero oder die Insel Guidecca.

BH - Ballroom (Medium)
Der Ballsaal des Bauers.

Venezianischer Luxus
Venedig wurde schon so oft zum Schauplatz für internationale Filmdrehs, als wäre es bereits selbst ein Teil Hollywoods. Im Jahre 2010 wurde es zur Location für den Blockbuster The Tourist mit Angelina Jolie und Johnny Depp in den Hauptrollen. Auch wenn die beiden Hauptdarsteller im Film als Unterkunft das legendäre Danieli Hotel wählten, wohnte Jolie gemeinsam mit Brad Pitt während der Dreharbeiten im Bauers Hotel. Das Traumpaar residierte im Il Palazzo, einem historischen Gebäude aus dem 18. Jahrhundert, das als Flügel des Hotels einen komplett eigenständigen Charakter hat. Es wurde von Francesca Bortolotto Possati liebevoll zu einem exklusiven Luxushotel mit 82 Zimmern und Suiten umgebaut.

BH - Hall (Medium)Hohe Decken mit originalen Stuckverzierungen, goldene Spiegeln, stilvolle Tapeten und antiker venezianischer Einrichtungsstil versetzen die Gäste der noblen Herberge in ein detailgetreues Renaissancegemälde. Das Bauers zählte schon immer zu den angesagtesten Hotels Venedigs und gilt als Lieblingsadresse für den internationalen Jetset. Seinen heutigen Ruhm hat es aber im Gegensatz zu vielen anderen altehrwürdigen Institutionen Venedigs weniger seiner Vergangenheit zu verdanken als vielmehr seiner visionären Besitzerin. Sie übernahm das Hotel nach dem Tod ihres Vaters. Ihr Großvater, ein millionenschwerer Schiffsreeder aus Ligurien, hatte es während des Zweiten Weltkriegs gekauft. Bortolotto Possati investierte an die 50 Millionen Euro in einen aufwendigen Umbau und versetzte das touristische Denkmal auf den neuesten Stand der Technik. Sie erweiterte das Hotel durch das Palazzo und realisierte auf der Insel Guidecca ihren Traum eines mondänes Wellness-Hotels mit paradiesischem Garten, dem Palladio. Seit einigen Jahren wird das Imperium durch die Villa F, einer Villa aus dem 14. Jahrhundert, ergänzt – ebenfalls auf Guidecca. Die smarte Unternehmerin verkörpert das neue Venedig und gibt ihren Gästen die Möglichkeit, es abseits des Massentourismus zu genießen. Nicht nur im Jänner. „Venedig hat zu jeder Zeit ihre Geheimnisse, man muss sie nur finden. Im Winter ist es zwar ein wenig einfacher, aber wer mit offenen Augen unterwegs ist, wird immer ‚sein Venedig’ entdecken.“

Weitere Bars für Chicchettis:
Cantinone SCHIAVI, Dorsoduro 992
I Rusteghi, Corte del Tentor, 5513, San Marco
Enoteca Mascareta Calle Lunga Santa Maria Formosa, 5183
CoVino, Calle Pestrin Castello, 3829/a,

Tipps für entspannte Stunden:
Wohnen im Bauers Il Palazzo:
San Marco 1459,Tel: 0039 41 520 7022, www.bauersvenezia.com
Ein Americano in der Bar des Hotel Danieli, Sestiere Castello 4
Typisch Venezianische Küche im Bistrot de Venise, Calle dei Fabri, San Marco 4685
Abendessen im Rolls Royce der Venezianischen Gastronomie, dem De Pisis Restaurant im Bauers

Isola di San Giorgio
Isola di San Giorgio

Text: Stefan Zavernik

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