Gerald Brettschuh: Das Paradies im Großformat

    Gerald Brettschuh: Das Paradies im Großformat


    Seine neuesten Bilder wurden vor wenigen Wochen fertig. Im Atelier riecht es noch nach frischen Ölfarben. „Achtzig“ besuchte Gerald Brettschuh im Vorfeld zu seiner großen Ausstellung in der Grazer Hofgalerie. Der berühmte steirische Maler wird 75.

    Seit mittlerweile 40 Jahren widmest du dein Leben der Kunst. Wie hat sich der Arbeitsprozess über die Jahrzehnte hinweg verändert?
    Mir ist aufgefallen, dass ich von Jahr zu Jahr immer intensiver gezeichnet und gemalt habe. So viel, wie im letzten Jahr, hab’ ich überhaupt noch nie gearbeitet. Heute stehe ich oft schon um vier Uhr in der Früh im Atelier vor der Leinwand. Als ich mit dem kontinuierlichen Zeichnen begonnen habe, als 35-Jähriger in Arnfels, habe ich in der Regel bis zum frühen Nachmittag geschlafen. Damals zeichnete ich die ganze Nacht und erlebte den Sonnenaufgang Tag für Tag im Atelier. Im Sommer. Winters, als Tier, das in mir ist, schlief ich viel.

    Kannst du dich noch an deine ersten Arbeiten und deine ersten Ausstellungen erinnern?
    Oh ja! Schloss Freiberg bei Gleisdorf (1977), dann die Durchbruchsausstellung Bildergeschichten bei Otto Breicha im Kunsthaus Graz (1981). Damals zeichnete ich Landschaften und Stillleben, kleine Serien. Meine Arbeiten waren von der Sehnsucht nach meiner Heimat beseelt. Ich glaube, die Menschen haben das gespürt. Diese Sehnsucht wurde in meiner Wiener Zeit, als ich an der Angewandten Grafik studierte, von Tag zu Tag größer, und durch Bilder, wie die von Pieter Breughel, die ich im Kunsthistorischen Museum erst wirklich kennenlernte, immerfort gesteigert. Ich habe es kaum erwarten können, wieder nach Hause zu kommen, um meine Landschaften auf Papier zu bannen. Als meine damalige Frau Cara unser zweites Kind zur Welt brachte, haben wir uns entschlossen, in ihrer zweijährigen Karenz in meinem Geburtshaus in Arnfels zu leben. Von da an habe ich Bilderserien gemacht.

    DSC_4737 (Medium)Deine erste Frau kehrte nach wenigen Jahren wieder nach Wien zurück, du bist geblieben. Bis heute.
    Ich konnte nicht mehr zurück. Auch wenn es eine harte Zeit war. Ich zeichnete in einem fort und für meine damalige Familie blieb immer weniger Zeit. Die Ehe ist zerbrochen, aber ich wusste von da an, was meine Bestimmung war. Mir war klar, dass ich aus jedem Holzscheit ein Kunstwerk machen könnte. Nach jeder Ausstellung sah ich: Die Leute liebten meine Bilder. Otto Breicha hat einmal gemeint: „Der Brettschuh ist ein Volkskünstler.“ Besonders wichtig für meine Entwicklung als Maler, aber auch für meine Existenz im Allgemeinen war und ist meine Frau Christiane, die in Kärnten mit Kunst und Kultur aufgewachsen und selbst bildende Künstlerin ist. Mit ihr besteht seit 1980 eine enge Zusammenarbeit. Sie hat mir mit ihrem kunsthistorischen Wissen und künstlerischem Gespür als ausgebildete Architektin auch geholfen, den mich unterstützenden Lebens- und Arbeitsraum zu schaffen.

    Wie wichtig ist Geld für dich?
    Geld hat mich immer interessiert, aber es war nie mein Antrieb als Künstler. Ich bin in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen, das hat mich Sparsamkeit gelehrt. Was ich aber schon früh von meiner Mutter gelernt habe ist: „Was nichts kostet, ist nichts wert.“ Daher war es mir immer wichtig, für meine Arbeit ordentlich bezahlt zu werden.

    Landschaften spielen auch in der nun kommenden Ausstellung in der Grazer Hofgalerie die Hauptrolle. Was unterscheidet sie von deinen früheren Landschaftsbildern?
    Damals habe ich Landschaften immer „en plein air“ gemalt, also im Freien. Ich stand mit der Staffelei in der Landschaft. Mit der Zeit habe ich begonnen, nach Skizzen im Gelände zu malen, Wirklichkeit mit Dichtung, Verdichtung zu mischen, wie seit jeher in der Malerei üblich: Skizzen zu fertigen und dann im Atelier zu malen. Folgerichtig haben sich immer häufiger Abstraktionen und Vereinfachungen ergeben. Unverändert in meiner Malerei blieb hingegen der Stellenwert der Frau. Viele Landschaften entspringen dem ewig Weiblichen.

    P1060009 (Medium)Die Hauptwerke handeln von den vier Jahreszeiten, doch eine fünfte scheint hinzugekommen zu sein …
    Auf gewisse Weise ist es eine fünfte Jahreszeit: das Paradies. Es ist das größte Bild, das ich je gemalt habe.

    Es fällt in der Tat auf, dass Du für die neuen Bilder viel größere Formate gewählt hast als in der Vergangenheit …
    Ich möchte eine Zeit lang mehr auf großen Flächen malen. Das habe ich bisher noch zu wenig getan. Ich werde auch andere Mittel verwenden, breitere Pinsel, Holzspatel etc.

    Wie stellst du dir das Paradies vor?
    Halb so schön wie hier, auf der Erde, in meinem Land …

    Mit 75 Jahren blickst du auf ein umfangreiches Lebenswerk zurück. Es entstanden Zeichnungen, Bilder, Skulpturen und Bildergeschichten, Holzschnittserien, Comics. Eines aber ist nicht geschehen: Gerald Brettschuhs Kunst ist niemals international geworden. Bedauerst du es, dass du keine internationalen Ausstellungen absolviert hast? Möglichkeiten gab es ja.
    Ja, etliche. So wollte zum Beispiel eine namhafte deutsche Galerie meine Serie Odysseus und Psyche 1979 in Ulm ausstellen. Die haben sich überschlagen und mich bekniet. Für mich war es aber nie eine Option. Zu viel Aufwand, zu viel Störung bei der Arbeit. Wer sich für mich und mein Werk interessiert, muss sich auf den Weg zu mir machen. Wen meine Kunst berührt, den interessiert auch die Situation, aus der ich komme. Der muss sich, so glaube ich, mit meiner Situation im steirisch-slowenischen Grenzland auseinandersetzen.

    Wünscht sich denn nicht jeder junge Künstler, international ausgestellt zu werden? War dir so etwas wie Karriere nie wichtig?
    An eine internationale Karriere habe ich niemals gedacht. Mein Kindheitstraum war es, Bauer zu werden. Als meine künstlerische Begabung auffiel, kam ich an die Kunstgewerbeschule nach Graz und dann auf die Akademie für Angewandte Kunst nach Wien. Dort blieb ich nach dem Studium als Lehrbeauftragter für Grafik. Zum Malen kam ich nach und nach in meinen Dreißigern; ich war daher nie ein „junger Künstler“. Ich denke, dass hinter meiner Kunst gerade deswegen etwas steckt, weil sie absichtslos entstand. Heute planen Jugendliche schon in der Schule, Kunststars zu werden.

    DSC_4736 (Medium)Du hast auch nie einen Galeristen gehabt, warum eigentlich?
    Mich hat der Kunstmarkt nie interessiert, auch nicht angebotene Professuren an der Kunstgewerbeschule in Graz oder der Hochschule für Gestaltung Hamburg, wofür mich Erhard Göttlicher, Professor dortselbst, vorschlug. Wichtig war und ist es mir, meiner Arbeit ungestört nachzugehen. Jede Ausstellung ist eine nerven- und zeitraubende lange Unterbrechung, also stelle ich nur dort aus, wo mir Raum und Milieu gefallen. Ich habe in meinem Leben öfter in Galerien ausgestellt, gebracht hat mir das aber nicht viel, außer neuen Bekanntschaften. Die Leute wissen ja, wo sie Bilder von mir erwerben können: in unserem Hof, und das seit 1976. Viele Sammler kommen direkt zu uns nach Arnfels, wo Bilderschauen, Gespräche, Wein und Lieder nie versiegen.

    Du bist zugleich ein wichtiger Vertreter der steirischen Kunstgeschichte und die große Ausnahme in ihr. Siehst du dich als Vorbild?
    Ob ich ein Vorbild bin, weiß ich nicht. Alles, was ich bis jetzt gemacht habe, gibt es schon. Nicht in der Art und Weise, wie ich es male, aber ich habe nichts Neues erfunden. Braque und Picasso haben den Kubismus erfunden, für mich die größte Erfindung in der Malerei überhaupt. Vorbild bin ich vielleicht in der Freiheit meiner Existenz.

    Adam, Eva & Andere
    Adam, Eva & Andere

    Hattest du Vorbilder?
    Ich habe mich immer an die sogenannten alten Meister gehalten. Die ältesten von ihnen, die Höhlenmaler, zählen zu meinen Vorbildern. Ich betrachte mich auch selbst als Höhlenmaler: Mir reicht ein Ziegel oder ein verkohltes Holzscheit und eine halbwegs ebene Hauswand um, sagen wir, Ross und Reiter zu bilden.

    Siehst du dich als Maler oder als Künstler?
    Ich nenne mich: Zeichner, Maler, Holzbildhauer, Aufschreiber.

    Würdest du dich als einen bescheidenen Menschen bezeichnen?
    Ich brauche nichts, außer mich selbst. Ich kann von Brot, Wasser, Sterz und Wein leben. Die meiste Zeit meines Lebens hab‘ ich damit verbracht zu sein, zu kämpfen. Gegen wen. Für wen. Weiß ich nicht. Damit erkämpfe ich mir mein langsames, oft wildes, oft tumbes, meist frohes Leben! Darauf kann ich nicht verzichten. So wenig wie auf Christiane und die Kinder Anna, Paul, Luis.

    Text: Stefan Zavernik

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