Kunsthaus Leiterin Barbara Steiner im Interview

Kunsthaus Leiterin Barbara Steiner im Interview

Ab dem 1. Juli hat das Kunsthaus Graz eine neue Leiterin. „Achtzig“ traf Barbara Steiner und sprach mit ihr über ihre Vorstellungen, das Haus neu auszurichten.

Ab dem 1. Juli werden Sie als Leiterin des Kunsthauses Graz aktiv sein. Wird das Haus inhaltlich noch wiederzuerkennen sein?

Ich sehe durchaus einige Punkte, die ich gerne ändern möchte. Dies ist nicht als Abgrenzung zu Peter Pakesch zu verstehen, sondern allein dem Umstand geschuldet, dass sich das Kunsthaus im Vergleich zu den vorangegangenen Jahren nun in einer anderen Situation befindet. Natürlich haben sich auch die gesellschaftlichen Eckdaten insgesamt verändert. Ich möchte vor allem die Verbindungen zwischen lokalen, regionalen und globalen Entwicklungen herausstreichen. Es gibt viele wichtige Positionen aus Graz und der Steiermark, von denen ich denke, man sollte sie auch außerhalb des Landes kennen. Und umgekehrt gilt es, die „Welt“ nach Graz zu holen.

Wird der Zugang zum Thema Kunst unter Ihrer Führung breiter sein?

Salopp gesprochen werde ich „Kunst plus“ zeigen und nicht „Kunst-Kunst“. Damit ist gemeint, dass mich ein selbstbezogener Bildender-Kunst-Diskurs nicht interessiert, auch weil dies schon längst nicht mehr der künstlerischen Praxis entspricht. Man braucht sich nur umschauen: Überschreitungen zu anderen Bereichen – zu benachbarten Disziplinen wie Design, Architektur, aber auch zu wirtschaftlichen, sozialen und politischen Fragestellungen, zu Wissenschaft und Bildung – sind offensichtlich. In Graz und der Steiermark gibt es gewissermaßen eine Tradition dieser Grenzüberschreitungen. Vor diesem Hintergrund wird es in meinem Programm Bewegungen hin zu Design/Kunstgewerbe, Musik, Wirtschaft usw. geben. Den Auftakt bildet Architektur und zwar das Gebäude von spacelab (Cook, Fournier, Jonkhans). Davon ausgehend werden wir einen Blick zurück und nach vorne werfen. Vergangenheit, das ist zum einen die Gruppe Archigram, die Cook mitbegründet hat, zum anderen sind das aber auch parallele Entwicklungen der Grazer Architektur – man denke nur an Hafner, Huth, Frey. Mich interessieren dabei die gesellschaftlichen und ästhetischen Transformationen von damals zum Jetzt. Des Weiteren werden die genannten Positionen in einen Dialog mit zeitgenössischen Künstlern gesetzt, die sich heute mit utopischen Visionen der Vergangenheit und Gegenwart beschäftigen.

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Welche Themen werden noch im Programm stehen?

Nehmen wir Design, das unter dem Schlagwort „Creative Economy“ nicht nur in Graz sehr kontrovers diskutiert wird. Ich möchte an dieser Debatte aktiv teilnehmen. Persönlich sehe ich zumindest in Bezug auf gegenwärtige Positionen kaum Differenzen zwischen Design und Kunst, auch wenn es unterschiedliche Traditionen und Konventionen gibt, die durchaus prägend waren und es punktuell nach wie vor sind. Ökonomische Fragestellungen werden im Programm immer wieder auftauchen. Deren kritische Reflexion begleitet mich seit Jahren. In diesem Sinne wünsche ich mir, dass öffentliche Debatten zunehmen.

Bleibt internationale Kunst das zentrale Thema?

Ich sehe die Aufgabe des Kunsthauses weder als ausschließliche „Talenteschmiede“ für die Allerjüngsten noch als alleinigen Ausstellungsort für die Werke der internationalen Stars. Ob alt oder jung, Star oder „No-Name“ steht für mich nicht im Vordergrund, sondern spannungsreiche und hoffentlich anregende Konstellationen von verschiedenen künstlerischen Positionen.

Stichwort Grazer Künstler: Wie sehr werden Sie sich darum bemühen, die Grazer Szene einzubinden?

Mich interessiert das Prinzip der guten Nachbarschaft. Ich sehe es als Problem, dass das Kunsthaus, was Aufmerksamkeit und Ressourcen anbelangt, sehr stark ist, während es für andere in Zeiten knapper Kassen immer schwieriger wird, Programm zu machen. Ich könnte mich diesbezüglich beruhigt zurücklehnen, doch braucht eine kulturell lebendige Stadt meines Erachtens viele starke Player unterschiedlicher Größenordnung. Ich bin gerade dabei, Kooperationen auszuloten, u. a. mit Camera Austria, die ein weit über die Steiermark hinaus strahlendes, großartiges Programm unter schwierigen Umständen macht. Aber auch mit dem steirischen herbst, der Neuen Galerie und < rotor > zeichnet sich eine anregende Zusammenarbeit ab. Und das heißt weder, dass alles im Kunsthaus stattfinden muss noch dass die Inhalte vom Kunsthaus diktiert werden. Seit meiner offiziellen Bestellung verbringe ich so viele Tage in Graz wie möglich. Ich bemühe mich, freie Vereine, Gruppen und einzelne Künstler in kurzer Zeit kennenzulernen.

Werden Sie am räumlichen Konzept mit den einzelnen Etagen etwas verändern?

Es mag naheliegend und auch von der Durchführung her praktisch sein, dass auf jeder Ebene jeweils eine eigene Ausstellung stattfindet. Aber warum eigentlich? Diese Raumgrenzen können sicherlich im einen oder anderen Fall sinnvoll sein – nur sind sie es nicht immer. Ferner habe ich vor, das Erdgeschoß signifikant zu verändern. Momentan fehlt mir die Großzügigkeit, was das Haus wenig einladend macht. Für mich gehört die räumliche Organisation mit zum Programm – vielleicht sollte ich hier hinzufügen: Alle Ebenen und Elemente der Institution, auch jenseits des Ausstellungmachens im engeren Sinn, sollten bedacht werden. Nicht alleine von mir, sondern in Zusammenarbeit mit den Künstlern, Kuratoren, Architekten und Designern.

Gerade in der Zeit vor Ihrer Bestellung wurde die Massentauglichkeit des Kunsthauses wieder zum großen Thema. Welche Rolle spielen nun Besucherzahlen? Haben Sie Vorgaben erhalten?

Erstaunlicherweise haben Besucherzahlen bei meinem Vorstellungsgespräch keine herausragende Rolle gespielt, auch nicht von Seiten des Kulturlandesrats Christian Buchmann. Selbst habe ich jedoch großes Interesse, mehr Menschen dafür zu gewinnen, sich mit Kunst und Kultur auseinanderzusetzen. Ich glaube aber nicht, dass dies schnell und billig zu haben ist. „Blockbuster“-Ausstellungen funktionieren meines Erachtens kurzfristig, langfristig – in dem Sinne, dass eine Stadt oder Region nachhaltig davon profitiert – immer weniger. Will man eine nachhaltige Wirkung erzielen, dann braucht dies eine kontinuierliche Arbeit über mehrere Jahre. Besucherzahlen lassen sich nicht von heute auf morgen steigern. Zunächst habe ich maximal 5 Jahre Zeit, dies unter Beweis zu stellen. Bis Mitte 2017 ist das Programm bereits von anderen definiert.

Wie deutlich wird Ihre Handschrift im Jahr 2017 zu erkennen sein? Viele Ausstellungen standen ja schon vor Ihrem Antritt fest.

2017 wird gewissermaßen ein „Transformationsjahr“: Meine Setzungen schreiben sich zunächst in die vorhandene Struktur und das Programm ein; ich werde bestimmte Elemente dazu bringen und räumlich umorganisieren. Die Ausstellung mit Arbeiten von Erwin Wurm habe ich – um ein Beispiel herauszugreifen – geerbt. In Nachbarschaft dazu beabsichtige ich die Positionen von Haegue Yang und Koki Tanaka zu setzen. In der zweiten Jahreshälfte kooperieren wir mit dem steirischen herbst, dessen Programm sich auch mit dem Feld der Visionen und Revisionen auseinandersetzt. Diese Themen eignen sich gut, um die Architektur des Kunsthauses selbst zum Ausgangspunkt einer gesellschaftlichen/künstlerischen/kuratorischen Befragung zu nehmen.

 

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