Erwin Bohatsch: Fernab der Eyecatcher-Strategie

    Erwin Bohatsch: Fernab der Eyecatcher-Strategie

    Erwin Bohatsch Foto: Jonas Bohatsch

    Erwin Bohatsch erlangte bereits in den 1980er Jahren internationale Anerkennung mit einer Kunst, die seit jeher zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion pendelt. Die Albertina Wien widmet ihm von 8. April bis zum 12. Juni eine große Personale und zeigt seine repräsentativsten Arbeiten.

    Sie sind seit 40 Jahren künstlerisch tätig, Ihre Werke wurden unter anderem in New York, Buenos Aires und Shanghai ausgestellt. Dennoch haben Sie sich nie auf einen fixen Stil festgelegt. Beabsichtigt?

    Ich bin der Meinung, dass man sich durchaus verändern darf und diese Umbrüche auch im eigenen Werk reflektieren soll. Dazu braucht es auch nicht unbedingt einen Stilbegriff. Es gibt Künstler, die eine große Idee konsequent durchziehen, und andere, die immer wieder zweifeln und von vorne beginnen. Ich finde es lustvoller, immer wieder neue Wege zu gehen, anstatt einer Routine zu verfallen.

    War es für Sie schwierig, der Routine aus dem Weg zu gehen?

    Wenn man schon so lange wie ich malt, kommt es immer wieder vor, dass die Arbeit plötzlich sehr leicht geht und sich Spannung abbaut. In solchen Momenten versuche ich, kleinere Verschiebungen in der Komposition oder im Material vorzunehmen, um nicht stehen zu bleiben. Auf der anderen Seite ist ein hoher Zeitaufwand und Quälerei nicht unbedingt ein Qualitätsmerkmal. Ich würde nicht sagen, dass man beim Malen immer kämpfen muss. Es kann durchaus sein, dass etwas leicht von der Hand geht und trotzdem schräg ist oder Sehgewohnheiten durchbricht. Man muss immer kritisch sein und versuchen, die eigene Arbeit auch einmal von außen zu betrachten.

    Ohne Titel, 2014
    Ohne Titel, 2014

    Sie arbeiten charakteristisch mit mehreren Schichten im Bildaufbau. Gehen Sie bereits mit einer fixen Vorstellung des fertigen Bildes ans Werk?

    Meine Herangehensweise ist nicht vorprogrammiert, das wäre mir zu konzeptionell. Ich habe nie eine konkrete Idee, wie das finale Bild aussehen wird. Ich lasse mich von analytischen und emotionalen Impulsen leiten. Es gibt dann immer einen Dialog zwischen mir und dem Material, der mich auch manchmal überrascht und zufällige Entstehungen möglich macht.

    In der Zeit, als Ihre Malerei zu den „Neuen Wilden“ gezählt wurde, war sie noch figurativ. Mittlerweile nimmt sie abstraktere Züge an. Was hat Sie zur Abstraktion geführt?

    Als Student habe ich eine Ausstellung von Robert Motherwell besucht, die einen großen Einfluss auf mich ausgeübt hat. Ich habe dort gesehen, dass viele bekannte Maler figurativ begonnen und sich langsam in die Abstraktion hinein entwickelt haben. Man hat einfach schon immer darüber nachgedacht, ob Kunst etwas abbilden muss oder auch für sich allein stehen kann.

    "In einer Landschaft", 1984
    „In einer Landschaft“, 1984

    Ist es vorstellbar, dass Ihre Kunst wieder einmal figurativer werden könnte oder ist dieses Kapitel für Sie für immer beendet?

    Nein, das Kapitel ist nicht beendet. Ich finde, dass sich diese beiden großen Begriffe Gegenständlichkeit und Abstraktion, die sich in der Moderne entwickelt haben, immer mehr annähern und dass man nicht mehr nur figurativ oder nur abstrakt zu sein braucht. Diese Zuordnung ist eine Illusion. Bilder können immer auch anders gelesen werden.

    In der Albertina werden auch einige neue Werke von Ihnen ausgestellt sein. Was erwartet die Besucher?

    Es werden hauptsächlich Papierarbeiten ausgestellt sein, aber auch große und kleinere Leinwände sind dabei. Einige meiner neuen Bilder sind ein bisschen farbiger, dialektischer und nehmen geometrische Züge an, andere wiederum sind von weicheren Formen oder einer leichten Expressivität gekennzeichnet. Und es werden neue farbige Monotypien gezeigt, die ich extra für die Ausstellung gemacht habe.IMG_0883 (Medium)

    Es scheint, als würden Ihre Bilder mit den Jahren auch an Farbintensität gewinnen. Wovon machen Sie die Auswahl der Farben abhängig?

    Ich habe immer dezentere Farben verwendet, sie aber sehr stark gemischt. Das ist eine Charaktersache einerseits, andererseits spielt hier auch eine logische Entscheidung mit. Die Welt ist schon zu bunt, ich möchte mich von dieser Eyecatcher-Strategie distanzieren. Es stimmt aber natürlich, dass meine Bilder im Vergleich zu den Vorjahren wieder stärker in die Farbigkeit hineingehen.

    Welchen Stellenwert hat die Wahl des Bildformats für Sie?

    Es ist etwas anderes, ob man ein großes oder kleines Format bearbeitet. Ich entscheide mich bewusst für eine Größe und stelle mich dann darauf ein. Ein großes Format verlangt einem eine ganz andere Körperaktivität ab. Ein kleineres Format ist zwar etwas intimer, deshalb jedoch nicht einfacher zu bearbeiten. Die Grundaussage des Bildes sollte in beiden Fällen dieselbe sein.

    Wann beginnt sich aus einer Leinwand in Ihrem Atelier ein Kunstwerk zu entwickeln?

    Es gibt auch beinahe weiße Leinwände, die aus einer gewissen Haltung heraus als Kunstwerk betrachtet werden können. Eine Leinwand wird dann zum Kunstwerk, wenn sie als Malerei bestehen kann und wenn zwischen dem Rezipienten und ihr ein Dialog entsteht.

    Ohne Titel, 1992
    Ohne Titel, 1992

    Sehen Sie die Kunst in der Verantwortung, zu aktuellen, sozialpolitischen Themen Stellung zu nehmen?

    Es gibt meiner Ansicht nach wenig gute, politische Kunst. Ich finde es bedenklich, wenn tagesaktuelle Zustände als Anlass genommen werden, um die eigene Arbeit ins Licht zu rücken. Jeder Künstler sollte politisch sein, doch dieses politische Bewusstsein muss sich nicht zwingend in der künstlerischen Arbeit als plakativer Ausdruck niederschlagen. Ich finde es auch ein politisches Statement, wenn man sich der schnellen Konsumgesellschaft verweigert und versucht, seiner Kunst stattdessen Tiefe zu geben.

    Sie sind als Lehrender an der Akademie der bildenden Künste in Wien tätig. Nehmen Sie aus dieser Lehrtätigkeit auch Inspiration für eigene Arbeiten mit?

    Ich kann meine Kunst durch diese Lehrtätigkeit besser verorten. Durch die Auseinandersetzung mit den Arbeiten der jüngeren Künstler sehe ich auch meine Arbeit in einem anderen Licht. Es ist sicher ein Vorteil zu wissen, was die jüngere Generation gerade bewegt und wohin sie sich künstlerisch entwickelt. Da merke ich oft schon einen starken Generationsunterschied.

    Die Steiermark hat eine Reihe großartiger bildender Künstler. Würden Sie sich eine akademische Ausbildung im Bereich der bildenden Künste in Graz wünschen?

    Ich finde es sehr schade, dass es bis heute noch keine Möglichkeiten in Graz gibt. Graz hätte durchaus Potenzial, gerade was den internationalen Austausch betrifft.

     

    Personale Erwin Bohatsch in der Albertina Wien

    8.4.–12.6.2016 / Albertinaplatz 1, 1010 Wien / www.albertina.at

     

    Erwin Bohatsch bei Reinisch Contemporary Graz

    12.4.–8.5.2016 / Hauptplatz 6, 8010 Graz / www.reinisch-contemporary.com

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