Neapel? Gefährlich gut!

Neapel? Gefährlich gut!

Dolce Vita in Neapel. Ein kulinarischer Erfahrungsbericht.

Neapel gilt als berüchtigte Stadt. Gefährlich wurde es für uns dennoch nie. Von einer Taxifahrt, die jeden Profi-Rallyefahrer begeistert hätte, einmal abgesehen. Es heißt, vom Flughafen in die Altstadt dauert es eine gefühlte Ewigkeit. Wir erreichten unsere noble Unterkunft, das Grand Hotel Vesuvio, in der Bestzeit von 20 Minuten. Womöglich hätten wir nach unserem Besuch der Pizzeria da Michele noch genügend Zeit, um die prachtvolle Altstadt zu genießen. Neapel gleicht einem Gemälde, das man jede Sekunde auskosten möchte. Es galt, keine Zeit zu verlieren.

No Reservation!

Auf dem Weg in die Via Cesare Serale drängte uns die Neugierde. Schon hunderte Male hatten wir Pizza gegessen. Wie aber schmeckt das Original? Die Antwort darauf würde es nicht im Vorbeigehen geben. Eine Menschentraube von gut hundert Pizzagierigen wartete vor dem Eingang auf ihre Tische. Wir zogen unsere Nummer und blickten ernüchtert der Wahrheit ins Auge: Die angegebene Wartezeit von etwa 20 Minuten war ein gut gemeintes, aber realitätsfernes Versprechen des Kellners. Kann diese Prozedur eine einzige Pizza wert sein? Sich die Beine in den hungrigen Bauch zu stehen, womöglich stundenlang? Wer tut sich das freiwillig an, außer hartgesottenen Touristen auf der Jagd nach ein paar abgedroschenen Erinnerungsfotos? Oder zwei Journalisten aus Graz, die dafür eigens nach Süditalien geflogen sind? „Ist die Pizza wirklich so gut, die beste, die in Neapel auf den Teller kommt?“, fragen wir zwei neapolitanische Frauen neben uns in der Menschenmenge. „Kommt man hier im Leben ein zweites Mal her?“ Ja, meint die Dame gutgelaunt. Sie sei sogar schon zum vierten Mal hier. „Sie ist einfach unschlagbar.“ Klingt vielversprechend. Als Ergebnis der aufmunternden Unterhaltung verdrängte das Gefühl der Gier jeden Ärger. Egal wie lange es dauern sollte, wir würden durchhalten.

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Pizza in Reinkultur. Sonst nichts.

Wer an die berühmteste Pizzeria Neapels denkt, hat vermutlich ein hübsches, glamouröses Restaurant vor Augen. Eine Institution, wie geschaffen für Hollywoodstars und Prominente. Ebenso stellt man sich auf hohe Preise ein. Vermutlich kostet die Pizza ein kleines Vermögen? Falsch gedacht. Weder gleicht das Lokal optisch einem luxuriösen Gourmettempel, noch hat es dessen Preise. Es ist auch nach fast 150 Jahren anhaltendem Ruhm eine einfache Pizzeria geblieben und wird durchgehend von Familie Condurro geführt. Ein Fußboden aus weißen Fliesen. Puristische Tische mit weißen Marmorplatten. Als Beleuchtung dienen Neonröhren. An den Wänden hängen einige gerahmte Gästefotos und ein paar Zeitungsartikel. Darunter zu sehen ist der in Neapel noch immer wie ein Heiliger verehrte Diego Maradona. Getrunken wird aus Plastikbechern. Englisch spricht das Personal nur im absoluten Notfall. Dieser tritt selten ein, denn zu bestellen gibt es ohnehin nur zwei Gerichte: Pizza Margherita und Pizza Marinara. Eingeweihte erlauben sich, ihre Margherita auch mit doppelt Käse zu bestellen.

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So einfach wie genial: Die Pizza bei da Michele

Und die Preise? Die Pizza kostet gerade einmal vier Euro. Hier geht es offenbar nicht darum, reich zu werden oder Touristen abzuzocken. Hier geht es darum, ein Stück Kultur zu servieren, das trotz seiner Einfachheit als Luxus gilt. Gerade einmal 90 Sekunden benötigt der Teigfladen im Holzofen, um bei 485 Grad zur Vollendung zu gelangen. Trotz der teuflischen Hitze hat die Margherita im da Michele mit einer knusprigen Pizza wenig zu tun. Kann sie auch nicht – käme sie zu trocken aus dem Ofen, hätte man nichts mehr von der raffinierten Elastizität des Teiges. Seine bestechende Zartheit erhält er durch die perfekte Mischung aus Mehl und Wasser, kunstvollem Kneten und vor allem der nötigen Ruhe. Gute 15 Stunden lässt man ihn rasten, ein Zeitaufwand, der für viele Pizzerien in Italien zu unwirtschaftlich ist. Der Belag aus passierten San-Marzano-Tomaten, Fior-di-Latte-Käse (spezieller Mozzarella), wenigen Blättern frischem Basilikum und ein paar Tropfen Olivenöl klingt einfach, präsentiert sich am Gaumen aber als geschmackliche Symphonie der Meisterklasse, die man nicht ansatzweise mit Worten erklären könnte. Es klingt einfallslos, aber um hier mitreden zu können, muss man das gute Stück schon selbst verspeist haben.

Figurbewusste aufgepasst! Gefährlich gut!

Da Michele ist nicht die einzige Pizzeria in Neapel mit Kult-Charakter. Auch jene von Gino e Toto Sorbillo gilt als legendär. Hier gibt es nicht nur die Klassiker Margherita und Marinara, sondern eine Reihe an Kreationen. Sogar eine vegane Pizza ist auf der Speisekarte. Die Spezialität? Vermutlich die Margherita-Version mit Büffel-Mozzarella und einem Hauch von 30 Monate altem Parmesan. Zu haben für etwa 7 Euro. Vermutlich hätte man auch bei einem 5-fach so hohen Preis keinen fahlen Nachgeschmack. Neapel ist aber auch abseits seiner Pizzerien ein wirklicher Glücksfall für Freunde der italienischen Küche, in der die Pasta allgegenwärtig ist. Unzählige kleine Trattorien servieren schnörkellose süditalienische Küche zu schier unglaublich kleinen Preisen. In alten Rezeptbüchern der Stadt liest man immer wieder von einem Fisch namens baccalà, zu deutsch Stockfisch. Die Osteria Baccalaria hat diesem speziellen Produkt seine gesamte Küchenlinie gewidmet und serviert ihn in den unterschiedlichsten Varianten. Ein wirklich empfehlenswertes Lokal am Piazzetta di Porto 4. www.baccalaria.it

Certosa di San Martino
Certosa di San Martino

Wohnen wie Enrico Caruso: Grand Hotel Vesuvio

Enrico Caruso, für viele der größte Opern-Tenor des 20. Jahrhunderts, wurde in Neapel geboren, eroberte als Opernsänger die ganze Welt und verbrachte seine letzten Lebensjahre, der neapolitanischen Küche verfallen, wieder an seinem Geburtsort. Als Quartier wählte er das Grand Hotel Vesuvio, in dem er im August des Jahres 1921 starb. Das Hotel gibt es auch heute noch und es gilt als erste Adresse, um in Neapel zu nächtigen. Erbaut im Jahre 1882, wurde es über die Jahrzehnte zu einer Art Wahrzeichen der Stadt. Gäste wie Oscar Wilde, Humphrey Bogart, Grace Kelly, Bill Clinton, Giorgio Armani oder Sophia Loren sind nur einige Namen im Gästebuch. Seine tolle Lage direkt am Lungo Mare bietet nicht nur eine großartige Aussicht auf die Bucht von Neapel, sondern genügend Ruhe, um sich vom hektischen Treiben der Stadt zu erholen. Am besten bei einem gemütlichen Abendessen im Caruso Roof Garden Restaurant. Selbstverständlich stehen auch die Bucatini al la Caruso, neapolitanische Spaghetti mit Muscheln, das Leibgericht des Tenors, nach wie vor auf der Speisekarte. www.vesuvio.it

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