Abstürzende Leser und blutende Dichter

Abstürzende Leser und blutende Dichter

Lydia Haier und Alfred Kolleritsch

Die Literaturzeitschrift Manuskripte präsentierte die junge Schriftstellerin Lydia Haider. Mit ihrem Debütroman „Kongregation“ und ihren Leseperformances sorgte sie bei Kritikern für Begeisterung. „Achtzig“ sprach mit der jungen Autorin und Alfred Kolleritsch über das Schreiben als Traumberuf.

 

Für viele ist der Beruf des Schriftstellers ein Traumberuf, können Sie dem beide zustimmen?

Kolleritsch: Für manche ist das natürlich ein Traum. Aber man muss es ernst nehmen. Jemand hat gesagt, ein Dichter muss bluten.

Haider: Ich blute auch gern, nehme mich dabei aber nicht so ernst [lacht]. Der Prozess des Schreibens ist schon etwas Schmerzhaftes. Es hat was Quälendes, was Anstrengendes. Es ist sicher ein Traumberuf, aber angestrebt war er nicht.

Herr Kolleritsch, weshalb haben Sie Lydia Haiders Kurzgeschichte veröffentlicht?

Aus einem einfachen Grund. Die Geschichte hat mir gut gefallen. Sie geht über das bloße Erzählen und Inhaltliche hinaus. Mit ihrem spannenden Stil und ihrer poetischen Schreibweise hebt sie sich von anderen ab.

Lydia Haier
Lydia Haier

Frau Haider, in „Kongregation“ erzählen Sie im kollektiven „Wir“ von sieben (Selbst-)Morden. Die Dorfgemeinschaft, Religion und Gewalt spielen genauso eine Rolle wie Ton und Rhythmik. Ist Thomas Bernhard, den Sie neben Ernst Jandl in Ihrer Dissertation behandeln, ein stilistisches Vorbild?

Haider: Vorbild würde ich nicht sagen. Aber man kann seinen eigenen Rucksack an Texten nicht einfach abschnallen. Aber ich komme immer wieder auf das Rhythmus-Ding zurück. Der Epilog in „Kongregation“ war dann die radikale Abkehr vom Rhythmus, ich habe ihn einfach rausgenommen und die Lesenden abstürzen lassen. Rezipierende haben mir gesagt, dass es befremdlich, beklemmend war und man sich dann ein bisschen alleine gefühlt hat.

Wie gehen Sie mit Kritik um? Denken Sie beim Schreiben an die Leserschaft?

Ich denke darüber nach, ob Kritik gerechtfertigt ist oder ob sie mich zu sehr einschränkt. Ich vergleiche das so: Will man mir nur die Beine rasieren oder will mir jemand den ganzen Fuß abschneiden? Die Lesenden denke ich eher am Schluss mit. Dann ist aber schon viel gebaut, wie bei einem Haus. Da kann man nur mehr wenig wegnehmen oder dazubauen. Das Haus selbst wird immer meinem Geschmack entsprechen.

Sie sind Doktoratstudentin und zweifache Mutter. Im Herbst erscheint Ihr zweiter Roman „Rotten“, steckt dahinter ein optimierter Arbeitsprozess?

Es gibt keinen fixen Arbeitsprozess, es gibt nur diesen Prozess: IMMER PROZESS! Immer alle Zeit zu nutzen. Ich schreibe auch nur mit Musik. Ich versuche bewusst Musik auszuwählen. So stecken in „Kongregation“ etwa Muse und die deutsche Band Les Trucs. Jedes Kapitel, jeder Bereich hat seine ganz spezielle Musik. Das macht es auch sehr einfach, wieder in den Text reinzukommen.

Hat Sie der Erfolg des ersten Buches beim Schreiben unter Druck gesetzt? Verraten Sie etwas über Ihr neues Buch?

Schon während des ersten Buchs habe ich am zweiten geschrieben und dann am dritten. Ich weiß nicht, welcher Autor das gesagt hat, aber das Schreiben ist so wie mit Menschen. Man trifft sich ja auch nicht ein Jahr lang mit einer Person und danach erst mit der nächsten Person.

„Rotten“ ist eine Art Vorgeschichte zu „Kongregation“ und endet mit dessen Anfang. Ich hatte den Anspruch, so etwas wie ein Rad der Geschichte zu schreiben. Wenn man konsequent liest, dürfte man nie wieder zu lesen aufhören [lacht]. „Rotten“ ist wahrscheinlich eine Weiterentwicklung von mir. In welcher Weise auch immer, kann ich nicht beurteilen. Aber ich habe beim Schreiben noch immer meinen Geschmack getroffen und darum geht’s mir. Meinen eigenen Geschmack beizubehalten.

Kolleritsch: Ja, den hat man ja. Wenn man schreibt, entkommt man dem nicht. Man kann ihn nur auspacken, verdichten und intensivieren. Und Sie werden weiter schreiben [an Haider]?

Haider: Ja [lacht], das dritte Buch schreibe ich gerade fertig. Letzten Sommer habe ich mein erstes Theaterstück geschrieben. Wurde mit dem Grund „Die haben nichts Vergleichbares“ abgelehnt.  

Die Germanistik-Doktorandin Lydia Haider wurde 1985 in Steyr geboren und lebt in Wien. Ihr Debütroman „Kongregation“ erschien 2015 bei Müry Salzmann, 2016 wird ihr zweites Buch „Rotten“ veröffentlicht. Sie ist Stipendiatin des Literarischen Colloquiums Berlin und Start-Stipendiatin des Bundeskanzleramts 2015. Mit der Performance zu „Kongregation“ war Haider 2014 zum Soundout!Award nominiert.

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