80-Kultur-Thema: Wo ist Platz für die heimische Szene?

80-Kultur-Thema: Wo ist Platz für die heimische Szene?

„Leben und leben lassen“ Wolfgang Muchitsch, Direktor des Universalmuseums Joanneum

Kritische Stimmen meinen, es gäbe zu wenig öffentliche Ausstellungsmöglichkeiten für heimische Künstler. „Achtzig“ sprach darüber mit Wolfgang Muchitsch, dem Direktor des Universalmuseums Joanneum.

Die Forderung wird immer wieder proklamiert: Es heißt, es gäbe zu wenig öffentliche Ausstellungsmöglichkeiten für heimische Künstler. Auch Bürgermeister Siegfried Nagl hat sich dieser Forderung vor Kurzem angeschlossen. Wie sehen Sie die Diskussion?

Um was geht es schlussendlich? Die „freie Szene“ ist schwer zu fassen. Es können junge selbstorganisierte Gruppen sein, aber auch Kunstschaffende im fortgeschrittenen Alter, die Jubiläumsausstellungen zu runden Geburtstagen fordern. Wohnt so ein Künstler in Weiz, bekommt er vermutlich im Kunsthaus Weiz eine Ausstellung. Wohnt er in Graz, stellt sich die Frage, wo diese stattfinden kann. Früher präsentierte man Werke heimischer Künstlerinnen und Künstler im Kulturhaus, im damaligen Stadtmuseum oder auch im Künstlerhaus. In dieser Form gibt es das heute nicht mehr. Auf der anderen Seite muss man aber den Steiermarkhof unter der Leitung von Johann Baumgartner erwähnen, der viel abdeckt.

Wie lässt sich die sogenannte „freie Szene“ dann definieren und wie steht das Joanneum zu dieser?

Wenn man in die Geschichte zurückblickt, könnte man meinen, in der Grazer Kunstszene wäre ein ausgeprägter Avantgarde-Gedanke vorherrschend. Aber das ist etwas Historisiertes. Die jetzige freie Szene wird sich wahrscheinlich nicht mehr mit der Avantgarde-Bewegung der 60er und 70er identifizieren. Sie steht für etwas Neues, ist aber so breit und bunt aufgestellt, dass es im Grunde keinen gemeinsamen Nenner geben kann. Aber es muss das Ziel unseres Museums sein, die Kommunikation mit ihr zu intensivieren.

Fotos: Stephan Friesinger
Fotos: Stephan Friesinger

Sie meinten einmal, Graz würde eine Stadtgalerie guttun. Braucht es dafür ein neues Haus?

In Zeiten wie diesen wird man sich nicht viel Neues leisten können. Man muss sehen, wie man das Vorhandene besser nutzt. Neben uns sehe ich auch andere Kulturinstitutionen in der Verantwortung, sich für lokale Kunstschaffende einzusetzen. Jungen Künstlerinnen und Künstlern ist es heute leider nur möglich, sich selbst zu organisieren oder an einer Lotterie teilzunehmen, in der Ausstellungen verlost werden. (Konzept Gothische Halle, Anm. d. Red.)

Zuletzt meinte Bürgermeister Siegfried Nagl, die freie Szene gehöre ins Grazer Kunsthaus. Wäre es vorstellbar, einen Schwerpunkt mit heimischer Kunst zu setzen?

Hier müssten Stadt und Land miteinander und mit den Institutionen kommunizieren. Es kann ja nicht in der Hauptverantwortung einer Landesinstitution liegen, alles abzudecken. Aber ich kann mir persönlich vieles vorstellen. Dabei geht es nicht primär darum, woher ein Künstler stammt, sondern wofür dieser künstlerisch steht. Dies zu erkennen, sehe ich als Aufgabe der Kuratorinnen und Kuratoren. Wichtig ist auch, das Umfeld nicht außer Acht zu lassen, in dem eine Kulturinstitution steht. Nehmen wir das Kunsthaus, es zeigt ein großstädtisches Programm mit Kunstwerken, die zur selben Zeit auch in Museen in New York oder Paris zu sehen sein könnten. Dieses Konzept wird auch von der Politik gefordert: Das Kunsthaus soll als großstädtisches Museum für zeitgenössische Kunst positioniert sein, das sich mit den Weltbesten messen kann. Man kann diesem Auftrag aber nicht nachkommen, wenn man nun plötzlich sagt, „zwei Monate im Jahr zeigen wir etwas ganz anderes“. Das ist so, als ob man die Politik fragen würde: „Warum dürfen nicht alle Fußballvereine in der Merkur Arena spielen? Das Stadion steht doch ohnehin die meiste Zeit leer. Da sind zwei Tore, also könnte ja jeder da kicken!“ Da erklärt man dann auch: eben nicht! Als Museum trägt man Verantwortung und beeinflusst die Wahrnehmung von Kunst und Kultur.

In den letzten Monaten war immer wieder von einer beabsichtigten Öffnung des Kunsthauses die Rede, um auf die freie Szene zuzugehen. Was hat sich getan? Und wie kommuniziert das Universalmuseum überhaupt mit dieser?

Mit dem Space05 und der Reihe „Offenes Haus“ haben wir im Kunsthaus einen Raum geschaffen, der sich kleineren Projekten von jüngeren Künstlerinnen und Künstlern widmet. Hier stellt sich die Frage, ob und in welcher Form die neue Kunsthaus-Leiterin Barbara Steiner diese Schiene fortführen wird. Vielleicht wandert der Space05 auch in die Stadt hinein. Ebenso gibt es auch in der Neuen Galerie Absichten, der jungen Szene ein Podium zu geben. Gleichzeitig gibt es aber auch die Überlegung, in der ständigen Schausammlung Schwerpunkte zu setzen. Die Kommunikation mit der Szene läuft primär über unsere Kuratorinnen und Kuratoren. Das sind zum Beispiel Peter Peer, Katrin Bucher Trantow oder Günther Holler-Schuster, Gudrun Danzer und Roman Grabner. Sie sind viel unterwegs und pflegen gute Kontakte. Es gibt auch enge Verbindungen zur Galerienszene, da wir ja immer wieder von diesen Kunstwerke ankaufen. Wobei sich hier die Frage stellt, wie es mit der Galerienszene in Graz generell weitergeht. Nun verliert sie mit Petra Schilcher eine hervorragende Galeristin, da sie sich in den Ruhestand begeben möchte. Ob das zu kompensieren sein wird, wird sich zeigen. Es braucht wieder eine junge Sammlerszene. _K5C0040 (Medium)Sind Kuratoren am Universalmuseum auf Lebenszeit angestellt?

Einige unserer Kuratorinnen und Kuratoren sind Landesbedienstete, andere sind privat angestellt. Auf jeden Fall verfügen alle über längerfristige Verträge, was an sich sinnvoll ist. Ausstellungsprojekte werden ja nicht innerhalb von einigen Monaten realisiert, sondern haben lange Vorlaufzeiten.

Wenn immer dieselben Kuratorinnen und Kuratoren am Werk sind, wird vermutlich auch immer dasselbe ausgestellt. Oder etwa nicht?

Sicher. Die Kritik ist nachvollziehbar. Aber ich denke, es ist für eine Kuratorin oder einen Kurator nicht immer befriedigend, die gesamte Karriere in einer Institution zu verbringen. Darüber hinaus arbeiten wir immer wieder mit Gastkuratorinnen und -kuratoren zusammen.

Rund um die Kunsthaus-Diskussion der letzten Monate waren auch die Besucherzahlen wieder ein Thema. Könnten Ausstellungen mit heimischen Künstlern dabei etwas bewegen? Könnten diese als Publikumsmagnet funktionieren?

Jede Stadt hat eine heimische Szene. Was unterscheidet zum Beispiel die Grazer Szene von einer Linzer Szene oder von jener aus Maribor? Sicher sind sie spezifisch, jedoch entwickelt sich meiner Meinung nach Strahlkraft im Verband mit Institutionen verschiedener Größe. Als Magnet für Touristen funktioniert eine freie Szene allein wohl kaum.

Graz hat eine enorm hohe Dichte an Kulturangeboten. Kann es passieren, dass das Universalmuseum Joanneum in Konkurrenz mit der freien Szene tritt?

Nein. Das würde ich nie wollen. Ab Oktober werden wir zum Beispiel ein Artothek-Projekt ins Leben rufen. Wir werden 30 Werke aus der Neuen Galerie anbieten, die Interessierte ein Jahr lang entlehnen können. Das Forum Stadtpark betreibt seit einiger Zeit ein ähnliches Projekt mit jungen Künstlerinnen und Künstlern. Mir war von Anfang an wichtig, dass die beiden Projekte miteinander kommunizieren. Es geht um das Prinzip „Leben und leben lassen“.

 „Die freie Szene ist in unterschiedliche Sparten gegliedert. Alle unter einen Hut zu bringen wäre kontraproduktiv, zu unterschiedlich sind ihre Anforderungen. Für die klassische Malerei und Bildhauerei jedoch wäre es definitiv wichtig, einen Ort zu finden, der Qualität hat und als Ankerpunkt dient. Und hier gäbe es wohl keine bessere Location als das Grazer Künstlerhaus. Es bräuchte einen Kurator, welcher der freien Szene hilft, sich zu präsentieren, und zugleich Bezugspunkte zur Vergangenheit herstellt, zum Beispiel im Zeichen der klassischen Moderne.“ Gottfried Penng-Auheim, Maler
„Die freie Szene ist in unterschiedliche Sparten gegliedert. Alle unter einen Hut zu bringen wäre kontraproduktiv, zu unterschiedlich sind ihre Anforderungen. Für die klassische Malerei und Bildhauerei jedoch wäre es definitiv wichtig, einen Ort zu finden, der Qualität hat und als Ankerpunkt dient. Und hier gäbe es wohl keine bessere Location als das Grazer Künstlerhaus. Es bräuchte einen Kurator, welcher der freien Szene hilft, sich zu präsentieren, und zugleich Bezugspunkte zur Vergangenheit herstellt, zum Beispiel im Zeichen der klassischen Moderne.“
Gottfried Penng-Auheim, Maler

 

"Die freie Szene existiert nicht. Denn: Es gibt unterschiedlichste Facetten (von der Qualität, Professionalität bis zum Budget) innerhalb der Szene, die – im besten Fall – einen kritischen Gegenpol zur etablierten Kunstmarktkunst und zu hoch subventionierten Kulturtankern bildet. Dafür braucht man keine Institutionalisierung, kein neues, eigenes Haus, bloß Ideen, Courage und ausreichend Förderungen zur Erhaltung von Freiheit und Selbstbestimmung. Fallweise ist auch ein Dialog zwischen „Etabliert“ und „Unangepasst“ nichts Verwerfliches." Martin Behr, Journalist, Künstler
„Die freie Szene existiert nicht. Denn: Es gibt unterschiedlichste Facetten (von der Qualität, Professionalität bis zum Budget) innerhalb der Szene, die – im besten Fall – einen kritischen Gegenpol zur etablierten Kunstmarktkunst und zu hoch subventionierten Kulturtankern bildet. Dafür braucht man keine Institutionalisierung, kein neues, eigenes Haus, bloß Ideen, Courage und ausreichend Förderungen zur Erhaltung von Freiheit und Selbstbestimmung. Fallweise ist auch ein Dialog zwischen „Etabliert“ und „Unangepasst“ nichts Verwerfliches.“
Martin Behr, Journalist, Künstler

 

 „Es braucht dringend ein Haus, das sich speziell der heimischen Szene widmet. Das auf einen Blick zeigt, was passiert. Ich wäre dafür, dass das Künstlerhaus mehr in diese Richtung geht. Zu hoffen ist, dass sein neuer Leiter die heimische Szene wirklich gut kennt. Auch der Grazer Kunstverein müsste stärker heimische Künstler integrieren. Nur wenn es eine lebendige Szene gibt, gibt es auch eine aktive Sammlertätigkeit. Und ohne diese wird es schwer, die Steiermark als Kunststandort weiterzuentwickeln.“ Gerhard Sommer, Galerist
„Es braucht dringend ein Haus, das sich speziell der heimischen Szene widmet. Das auf einen Blick zeigt, was passiert. Ich wäre dafür, dass das Künstlerhaus mehr in diese Richtung geht. Zu hoffen ist, dass sein neuer Leiter die heimische Szene wirklich gut kennt. Auch der Grazer Kunstverein müsste stärker heimische Künstler integrieren. Nur wenn es eine lebendige Szene gibt, gibt es auch eine aktive Sammlertätigkeit. Und ohne diese wird es schwer, die Steiermark als Kunststandort weiterzuentwickeln.“
Gerhard Sommer, Galerist

 

 „Wilfried Skreiner, damals Leiter der neuen Galerie, hat Graz in den 80ern zum Zentrum der jungen, wilden Malerei in Österreich gemacht. Er hat uns mit einem Schlag ins Museum gebracht und dafür gesorgt, dass Sammler auf uns aufmerksam wurden. So etwas wäre Graz natürlich wieder zu wünschen. Man hat aber leider Leute wie Peter Weibel oder auch Peter Pakesch aus Graz hinausgeekelt. Auf der anderen Seite finde ich es nicht spannend, einen speziellen Ort dafür politisch festzumachen. Das wäre dann ja so etwas wie ein Ghetto der freien Szene. Vermutlich sind heimische Künstler in privaten Galerien am besten aufgehoben.“ Gustav Troger, Künstler
„Wilfried Skreiner, damals Leiter der neuen Galerie, hat Graz in den 80ern zum Zentrum der jungen, wilden Malerei in Österreich gemacht. Er hat uns mit einem Schlag ins Museum gebracht und dafür gesorgt, dass Sammler auf uns aufmerksam wurden. So etwas wäre Graz natürlich wieder zu wünschen. Man hat aber leider Leute wie Peter Weibel oder auch Peter Pakesch aus Graz hinausgeekelt. Auf der anderen Seite finde ich es nicht spannend, einen speziellen Ort dafür politisch festzumachen. Das wäre dann ja so etwas wie ein Ghetto der freien Szene. Vermutlich sind heimische Künstler in privaten Galerien am besten aufgehoben.“
Gustav Troger, Künstler Foto: Ingrid VIEN

 

„Graz braucht Akademie der bildenden Künste“

Johann Baumgartners Hofgalerie im Steiermarkhof gilt als ausschlaggebende Institution für Kunst der steirischen Moderne. Mit der heimischen Szene steht er in engem Kontakt.

Johann Baumgartner
Johann Baumgartner

Braucht Graz ein eigenes öffentliches Haus, um seine Künstler zu präsentieren?

Ja, Graz braucht für die bildende Kunst eine eigene Stadtgalerie, früher hat diesen Auftrag das Künstlerhaus übernommen. Was Graz aber ebenfalls dringend benötigt, wäre eine „Akademie der bildenden Künste“, davon würde die steirische Szene nachhaltig profitieren.

Sollte das Grazer Kunsthaus vermehrt heimische Künstler ausstellen?

Ja, auf alle Fälle, ich hoffe, die neue Intendantin wird dieses Anliegen der Künstlerinnen umsetzen.

Die Leitung für das Grazer Künstlerhaus wurde soeben neu ausgeschrieben. Welches Potenzial birgt es für die freie Szene?

Das Künstlerhaus war in seiner Geschichte schon immer ein Treffpunkt heimischer Künstler, es wurde auch für diesen Zweck errichtet, daher wird es am künstlerischen Konzept bzw. an der Intendanz liegen, ob sich in Zukunft dort die freie Szene trifft oder nicht.

 

TEILEN