Siegfried Nagl: „Wir schenken Kulturschaffenden generell zu wenig Zeit“

    Siegfried Nagl: „Wir schenken Kulturschaffenden generell zu wenig Zeit“

    Wenn Siegfried Nagl nach dem 5. Februar Grazer Bürgermeister bleibt, soll das Thema Kultur für ihn zur Chefsache werden. „Achtzig“ sprach mit ihm über seine Vorstellungen einer zukünftigen Kulturpolitik.

    Das Thema Kultur war für Sie in den letzten Monaten immer wieder Grund, aktiv zu werden. Was bewegt Sie plötzlich vermehrt, für Kultur einzutreten?

    In meinen Augen gibt es einfach niemanden in der Politik, der wirklich für Kultur brennt. Mich treibt, wenn Sie so wollen, auch die Enttäuschung an: Ich bin enttäuscht, dass es nach einem Kurt Jungwirth auf Landesebene oder nach Helmut Strobl auf Stadtebene eigentlich niemanden mehr gegeben hat, der mit viel Herzblut und Freude die Kulturschaffenden bei ihrer Arbeit unterstützt. Wenn du etwas zum Leben erwecken willst, musst du ihm Raum und Zeit schenken. Wir schenken den Kulturschaffenden generell zu wenig Zeit.

    Haben Sie sich der Kultur schon immer verbunden gefühlt?

    Ich durfte ja ein Jahr vor dem Kulturhauptstadtjahr die Agenden von Helmut Strobl als Kulturstadtrat übernehmen. Mir hat diese Zeit nicht nur unglaublich gut gefallen, sondern sie hat mein Leben bereichert. Kultur hat mich aus dem Druck des Alltags und der Politik sehr oft herausgenommen und eine Sehnsucht nach Kunst und Kultur geweckt, die ich bis heute in mir trage. Für mich steht fest: Kunst und Kultur ist nicht nur ein Lebensmittel, als das es immer wieder bezeichnet wird. Es ist vor allem ein Überlebensmittel.

    Was heißt das nun für die Gemeinderatswahlen? Das Kulturressort soll wieder zurück zur ÖVP? Eventuell ins Bürgermeisteramt?

    Ich hoffe, dass die ÖVP nach der Wahl wieder stark im Stadtsenat vertreten sein wird. Sollte sich niemand mit Herzblut für Kunst und Kultur finden lassen, werde ich die Kultur wieder zur ÖVP holen. In den anderen Parteien erkenne ich niemanden, der nur annährend mit dieser Kraft und dieser Freude den Kulturbereich übernehmen möchte. Es braucht einfach wieder mehr Mut in der Kulturpolitik. Womöglich muss man Grundlegendes verändern, um neue Wege gehen zu können. Damit dies gelingt, wird es auch zu wenig sein, dass man bestehende Budgets einfach immer weiter fortschreibt.

    „Für mich steht fest: Kunst und Kultur ist nicht nur ein Lebensmittel, als das es immer wieder bezeichnet wird. Es ist vor allem ein Überlebensmittel.“

    Was ließe sich mit mehr Mut in der Grazer Kulturpolitik bewegen?

    Wichtig erscheint mir zu reflektieren und zu fragen: Führt jener Weg, den man bisher gegangen ist, in Zukunft weiterhin zum Erfolg? Wenn man in die Wirtschaft blickt, sieht man kein einziges dauerhaft erfolgreiches Unternehmen, das sich nicht immer wieder neu positioniert, um zu bestehen. Eine solche Diskussion sollte in meinen Augen in alle Kulturinstitutionen hineingetragen werden. Das Kunsthaus war ein gutes Beispiel dafür. Als ich hier die Diskussion begonnen habe, habe ich unzählige Briefe und Statements im Social-Media-Bereich bekommen, welche Frechheit es von mir sei, mich als Politiker hier einzumischen. Ich denke, es ist ganz wichtig, dass es mutige Politiker gibt, die sich einmischen. Frühere Kulturpolitiker wie Koren haben sich getraut, einer Institution zu sagen: „Jetzt wäre es Zeit für etwas Neues. Jetzt müssen wir wieder einen Wurf machen.“ Als Grazer Politiker alleine ist so ein Wurf aber schwer zu bewerkstelligen, denn der Großteil der Institutionen ist mit dem Land Steiermark eng vernetzt. Ich denke, dass, wenn auch das Kulturressort der Stadt wieder von der ÖVP vertreten wird, sich vieles einfacher lösen lässt.

    Aus der Szene hört man immer wieder den Wunsch nach einem eigenen Haus für heimische Künstler. Sehen Sie hier in Graz tatsächlich Handlungsbedarf?

    Der Wunsch vieler Künstlerinnen und Künstler, einmal eine große Ausstellung in einem öffentlichen Grazer Museum zu bekommen, zum Beispiel im Grazer Künstlerhaus, ist ja schon ein Uraltthema. Es zeigt aber aktueller denn je, wie wenig Raum die Grazer Szene letzten Endes vorfindet. Hier wurde in den letzten Jahren von Lisa Rücker viel zu wenig getan. Ich würde hier neue Wege gehen, um unseren Künstlerinnen und Künstlern mehr anzubieten.

    Wie könnten diese Wege aussehen?

    Gerade auch dort, wo Graz neu entwickelt wird, muss Kultur in Zukunft eine wichtige Rolle spielen. Aus diesem Grund könnte sie auch bei Reininghaus durch die Tennenmälzerei fix verankert werden. Bei bestehenden Institutionen sehe ich im Grazer Künstlerhaus langfristig eine große Möglichkeit. Sandro Droschl macht dort eine gute Arbeit, die heimische Szene ist dort in meiner Wahrnehmung aber nur in Ansätzen vertreten. Es hoffen ja viele Künstlerinnen und Künstler, sich einmal in diesem Haus präsentieren zu dürfen. Gelegenheit finden sie dazu kaum. Ich kann mir durchaus vorstellen, den Künstlerinnen und Künstlern, aber auch den Kunstvereinen von Graz, nach Verhandlungen mit dem Land das Künstlerhaus wieder zurückzugeben. Vielleicht kann es einmal jenes Haus werden, das für die heimische Szene als Ankerpunkt dient.

    Bürgermeister Siegfried Nagl zu Gast in der Redaktion von „Achtzig“ – Die Kulturzeitung.

    Welche konkrete Idee gibt es noch, die Kunst- und Kulturszene zu unterstützen?

    Um die Szene zu unterstützen, sollte man genauso über eine mögliche Galerienförderung nachdenken wie über die Idee einer Kunstmesse, die mir gefällt. Und schlussendlich werde ich auch nicht lockerlassen, damit sich Graz in puncto Ausbildung bei den bildenden Künsten mehr zutraut.

    Wie sieht es mit Raum für Kunst und Kultur auf der Grazer Murinsel, dem Wahrzeichen von 2003, aus?

    Die Murinsel wird gerade umgebaut und auch konzeptionell neu ausgerichtet. Sie soll in Zukunft sehr eng in Verbindung mit City of Design gebracht werden und ein Treffpunkt für kreative Menschen sein. Viele neue Ideen werden umgesetzt, darunter auch die Möglichkeit für Designer und Künstler, auf der Insel auszustellen oder Konzerte zu geben. Nicht nur Touristen sollen angesprochen werden, sondern vor allem Grazerinnen und Grazer. Kunst und Kultur als Duftstoff wird hier für Anziehungskraft sorgen.

    Stichwort Murinsel: Wird Graz in Ihren Augen eigentlich noch als Kulturhauptstadt vermarktet?

    Momentan haben wir einen Schwerpunkt in Richtung Gastronomie und Weltkulturerbe. Auf unsere Museumslandschaft wird zwar nicht vergessen, aber ich kann mir vorstellen, dass wir hier zusammen mit den Tourismusverantwortlichen noch viel stärker den Kulturschwerpunkt herausstreichen könnten. Lorenz hat uns mit 2003 bewiesen: Wenn wir unsere Budgets zusammenlegen und mit einem guten Marketingkonzept arbeiten, kann sich ungeheuer viel bewegen. Das Kulturhauptstadtjahr wurde in den Folgejahren von manchen politischen Parteien regelrecht kaputtgeredet. Nun im Nachhinein kann man ganz klar sagen, auch vom touristischen Standpunkt aus betrachtet, dass Graz eine der erfolgreichsten Kulturhauptstädte war, die es jemals gegeben hat.

    Graz wählt am 5. Februar die neue Stadtregierung. Mit welchen Zielen gehen Sie in die Wahl?

    Ich werde mich mit aller Kraft in den Wahlkampf stürzen. Und ich werde den Menschen dabei erzählen, was mir und meiner Fraktion in den letzten zwei Jahrzehnten gelungen ist. Und ich bitte sie auch, dass sie unseren Ideen für die Zukunft Vertrauen schenken. Was die Menschen jetzt brauchen, ist Verlässlichkeit, und die Politik braucht dazu klare Mehrheiten. Die hat es seit dem letzten Wahlergebnis in Graz allerdings nicht mehr gegeben. Ich hoffe, dass es mir gelingen wird, die Menschen davon zu überzeugen, dem Ersten möglichst viel Kraft und Unterstützung zu geben, damit er für sie auch wirklich arbeiten kann. Mein Ziel ist, dass die ÖVP gestärkt aus den Wahlen hervorgeht und wir eine ganz klare Regierungsmehrheit für Graz zusammenbringen.

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