Wolfgang Beltracchi: „Ein Rembrandt geht nicht in zwei Stunden!“

    Wolfgang Beltracchi: „Ein Rembrandt geht nicht in zwei Stunden!“

    Meisterfälscher Wolfgang Beltracchi

    Seine Kunstwerke wurden den Originalen der großer Maler der Geschichte gleichgestellt. Einige darunter, so auch das Bild „Rotes Bild mit Pferden“ von Heinrich Campendonk, wurden von Kunstexperten als Höhepunkte im Schaffen der Künstler gefeiert. Nach der Verhaftung von Wolfgang Beltracchi und der Enttarnung von 14 seiner Fälschungen wurden diese schlagartig als minderwertig stigmatisiert – die Aura des Originals entscheidet über die angebliche Qualität. Doch noch heute hängen zahlreiche Beltracchis – unerkannt – als Meisterwerke großer Maler der Geschichte in den Museen und Sammlungen dieser Welt und werden in Millionenhöhe gehandelt. „Achtzig“ besuchte den größten Fälscher des Jahrhunderts in seinem Atelier in der Nähe von Köln.

    Der Meisterfälscher bei der Arbeit
    Der Meisterfälscher bei der Arbeit

    In Freiburg hatten die Beltraccis eine riesige Villa, in Frankreich besaßen sie einen mondäne Landsitz inklusive Weingut. Heute empfängt uns Wolfgang Beltracchi, es ist später Vormittag, in seinem Atelier in der Nähe von Köln. „Ich bin gerade aus dem Knast gekommen“, sagt er. Jener Mann, der in der Lage ist, jedes malerische Genie der Kunstgeschichte zum Leben zu erwecken, arbeitet als Freigänger an seiner neuen Kunstkarriere. Er fertigte nie Kopien an, er malte neue Bilder, von denen man annahm, sie seien verschollen gewesen und plötzlich aufgetaucht.

    Wolfgang Beltracchi, der Meisterfälscher wird zum Künstler
    Wolfgang Beltracchi, der Fälscher wird zum Künstler

    Ihre Bilder waren – und sind auch heute noch – in großen Museen oder bei weltberühmten Auktionshäusern zu sehen. Empfanden Sie es nicht als schade, dass Ihre Bilder so hochgelobt wurden, diese aber anderen Künstlern zugeschrieben wurden? Warum sind Sie nicht „normaler“ Künstler geworden, wo Sie neben dem Geld auch die öffentliche Anerkennung bekommen hätten?

    Der Hauptgrund war, dass es mir einfach zu langweilig war. Ruhm ist mir nicht wichtig. Mein „Job“ war ja spannend, nur so nebenbei. Ich hab’ das fast vierzig Jahre gemacht. Das hat viel Spaß gemacht. Der Weg war das Ziel. Und nicht im Knast zu landen. Das Leben als Kunstwerk, so hab ich das gesehen.

    Als junger Künstler hatten sie durchaus Erfolg …

    Als ich in München im Haus der Kunst ausgestellt hatte, hab ich ein Bild für 11.000 Mark verkauft. Das war damals viel Geld. Ein eigenes, keine Fälschung. Aber es hat mir einfach keinen Spaß gemacht, der ganze Kunstbetrieb und so. Immer nur im Atelier zu sitzen und womöglich auch immer das Gleiche zu malen? Also das wollte ich nie. Mache ich auch jetzt nicht. Ich lasse mich nicht festlegen. Ich mache das, worauf ich gerade Lust habe.

    Auf was haben Sie zurzeit gerade Lust?

    Gerade male ich eine Serie von Bildern, die an Maler der Jahrhundertwende angelehnt sind. Matisse, Derain, Braque, Dufy und so. Es entstehen auch Werke, bei denen ihre Stile kombiniert werden.

    Beltracchi in seinem Atelier in der Nähe von Köln
    Beltracchi in seinem Atelier in der Nähe von Köln


    Wie lange werden Sie noch im Gefängnis sein?

    Ich hoffe, dass ich im Oktober rauskomme. Da ich als selbstständiger Künstler tätig bin, kann ich dank des offen Vollzugs am Tag bis zu 15 Stunden raus, um zu arbeiten. Andere Gefangene sitzen den ganzen Tag in der Werkstatt, Schraubenstanzen oder so. Und andere, die keine Job haben, fegen den Hof. Ich kann mich glücklich schätzen, dass ich meiner Malerei nachgehen kann.

    In der U-Haft haben Sie Gefangene porträtiert. Aus Spaß?

    War eine schöne Beschäftigung und hat mir den Rücken freigehalten. Die Leute respektierten das sehr. Nächstes Jahr werde ich in einem alten Gerichtsgebäude mit einigen dieser Arbeiten eine Ausstellung machen. Im Schwurgerichtssaal.

    Wann wird es die erste offizielle Beltracchi-Ausstellung nach der Verhaftung geben?

    Die Deutschen sind sehr moralisierend. Ich hab in Deutschland praktisch Ausstellungsverbot. Es ist aber einiges geplant, schön langsam taut die ganze Situation auf. Unter anderem sind in Düsseldorf und Berlin Dinge konkret angedacht. Momentan kommen viele Anfragen rein, in erster Linie aus dem Ausland. Mal schauen, ob ich so viele Bilder zusammenkriege. Es wird ja alles sofort verkauft. Wir brauchen Geld. Auch einige Filmprojekte sind am Laufen. Ende diesen oder Anfang nächsten Jahres wird’s dann eine Ausstellung geben. Es gibt ziemlich viele, die gerne ein Bild von mir hätten.

    Beltracchi mit seiner Frau
    Beltracchi mit seiner Frau


    Bekommen Sie Anfragen, Kopien großer Meisterwerke anzufertigen und diese mit Ihrem richtigen Namen zu signieren?

    Ja. mach ich aber nicht. Interessiert mich nicht. Kopieren ist doch langweilig.

    Beltracchi zeigt auf seine neue Arbeiten, eine kleine Serie von fauvistischen Gemälden, über die er gerade gesprochen hat.

    Wenn ich die Bilder da drüben auf alte Leinwand gemalt hätte, mit entsprechenden Pigmenten, und sie gealtert hätte … jedes von ihnen wäre im Schnitte zwischen 2 und 3 Millionen wert. Die letzten zwei Bilder, die ich gemalt hatte, bevor wir verhaftet wurden – sie waren ganz klein, so wie diese da drüben –, dafür hätten wir 10 Millionen gekriegt. Eines davon hab’ ich in einem Tag gemalt. Wir hatten bereits den Kaufvertrag vor uns liegen, mit 5,6 Millionen. Das Geld war schon in der Schweiz zwischengeparkt. Die hätten es um 12 Millionen weiterverkauft.

    Was war das teuerste Ihrer Fälschungen?

    Es ist immer schwierig zu erfahren, was andere damit verdient haben. Aber soweit ich weiß, war es ein Max Ernst um 1,7 Millionen Euro. Dieses Bild wurde ein paar Wochen, nachdem wir es verkauft hatten, um 7,7 Millionen weitergehandelt. Wir haben zum Beispiel in den 80ern Bilder um 20.000 Mark verkauft, die heute 2 Millionen wert sind. Da haben ganz schön viele Händler dazwischen ordentlich mitverdient. Und die alle dürfen ihren Gewinn behalten. Ich sitze im Gefängnis.

    Beltracchis Fälschungen führten zu den teuersten Auktionsergebnissen Deutschlands. So ein vermeintlicher Campendonk.

    _IGP0260 (Large)Ihre Bilder waren Vermögen wert. Wie viel kann ein Kunstwerk abseits jeglichen Hypes am Kunstmarkt grundsätzlich wert sein?

    Wenn man in der Geschichte zurückgeht, waren Bilder anfangs Tauschobjekte. Umso aufwendiger sie wurden, umso größer war der Tauschwert. Größe, Technik, Arbeitsaufwand, Material haben den Preis bestimmt. Heute ist das anders. Heute ist der Wert fiktiv, spekulativ. Eine Illusion. In meinen Augen aber ist die meiste Kunst heute nicht mal ihre Farbe wert.

    Betrachten Sie Bilder als Wertanlage?

    Kunst als Wertanlage ist kein gutes Geschäft. Versuchen Sie mal ein Kunstwerk zu verkaufen, wenn Sie müssen. Es ist immer der Zeitpunkt entscheidend. Wie an der Börse.

    _IGP0405 (Large)Sie selbst haben den Kunstmarkt, wenn auch in kriminellem Sinne, genial ausgenutzt. Sind exorbitant teure Kunstwerke gut für die Kunst, da sie zeigen, wie sich Werte entwickeln können?

    Teure Kunst ist für alle anderen Künstler, die am Boden sind, schädlich. Es ist heute eine Modegeschichte. Leute, die Künstler sind und ihre Sachen abseits des Hypes machen, werden nicht gekauft – weil man annimmt, „der wird niemals einmal eine Million kosten. Der wird nie zu den ganz Großen zählen.“

    Wann werden Sie wieder so leben können wie in Ihrer „erfolgreichen“ Zeit? Geht das je wieder?

    So will ich gar nicht mehr leben. Riesige Hütten und so brauch ich nicht mehr. Gut leben, und ein Maß an Freiheit, zurück in den Süden – das ist mein Ziel. Ich denke, in zwei Jahren stehe ich wieder richtig gut da. Es wird schon alles wieder. Ich sehe das ganz entspannt. Schade nur, dass ich schon 63 bin.

    Was braucht man im Leben?

    Was zu essen, eine gute Matratze, auf der man schläft – das hab’ ich im Gefängnis gelernt. Und man braucht die Liebe. Das ist das allerwichtigste. Die Liebe deiner Frau, deiner Kinder. Und ein paar gute Freunde.

    Helene: Wichtig ist Freiheit. Das können sich die meisten Menschen aber nicht leisten. Sich frei bewegen. Freiheit existiert auch gar nicht mehr so richtig. Die Arbeitswelt manipuliert die Menschen auf schon fast gruselige Art und Weise. Niemand kann mehr selbst entscheiden

     

    _IGP0297Malerisches Talent und die Fähigkeit, sich in große Maler der Kunstgeschichte hineinzuversetzen, waren Beltracchis Markenzeichen als Fälscher. Man sagt, er hätte den Stil der von ihm gefälschten Maler perfektioniert, ihr Werk „vervollkommnet“. Durch seine Bilder stieg der Marktwert der gefälschten Künstler.

    Werden Sie in die Kunstgeschichte als großer Maler oder als einer der größten Fälscher eingehen?

    Ich werde immer ein großer Fälscher sein. Das ist nun mal so und wird immer so bleiben. Das wird mir aber genauso keiner nehmen können. Wer hat schon über 100 Maler „gemacht“? Von den meisten hab ich nur ein oder zwei Bilder gemalt. Ich wollte jeden „schaffen“, und wenn es funktioniert hat – und das hat es immer –, hab’ ich mir einen neuen gesucht. Die Kreativität meiner Kunst liegt in der intellektuellen Auseinandersetzung mit dem Künstler, seiner Zeit, seinem Werk und meiner außergewöhnlichen Begabung, mich in die Ausdrucksform seiner sogenannten ganz persönlichen Handschrift hineinzuversetzen und ein neues Werk zu schaffen, also keine Kopie. Oft hab’ ich am Nachmittag ein Bild gemalt, das ich dann um ’ne halbe Million verkauft habe. Das ist schwer, so etwas nicht mehr zu tun – großer Maler zu imitieren, ist für mich keine große Herausforderung.

    Waren die ganz großen Maler, die Sie gefälscht haben, schwieriger?

    Das mag überheblich klingen, aber es ist nur eine Frage des Handwerks gewesen: Das Schwierige war für mich, an die Naturalien zu kommen. Rein künstlerisch ist es für mich immer gleich einfach geblieben. Sicher waren anspruchsvollere Maler darunter. Aber zu schaffen waren alle. Wenn man so ein Bild malt, darf man dabei nicht nachdenken – es muss intuitiv passieren. Wenn ich eine Kopie von irgendetwas male, fummle ich herum und kopiere nur. Aber so zu malen, wie der Maler wirklich gemalt hat, ist etwas ganz anderes. Das muss man sehen können, für sich innerlich umsetzen – und dann malen. Und dann auch ein Bild, das es nicht gibt. Das ist schon eine Kunst für sich.

    Helene: Ein Fernsehteam wollte sehen, ob er einen Rembrandt malen konnte. Alles wurde gefilmt, über Tage.

    Wolfgang: Ich hab gesagt: „Ein perfekter Rembrandt geht nicht in zwei Stunden.“ Rein technisch nicht. Weil da geht es um bestimmte Lasuren. Er war ein Genie und hat lange herumgebastelt an seinen Bildern. Die waren dann aber erschüttert, als sie nach ein paar Tagen die Ergebnisse gesehen haben: Es waren Originale.

    Ist die heutige Malerei qualitativ schlechter als jener der alten Meister?

    Seit ca. 200 Jahren malt keiner mehr richtig. Und heute sowieso nicht mehr. So, wie Farben heute verwendet werden, ist das nur mehr eine Manscherei. Die altmeisterliche Technik ist weitgehend ausgestorben – wird auch nirgends unterrichtet. Um eine Farbe wirklich zur Geltung zu bringen, braucht man Wissen darüber. Über was ich rede, sind zum Beispiel alte Lasurtechnicken. Ein Maler wie Tizian hat teilweise bis zu 30 Lasuren übereinandergesetzt. Jeder von ihnen in einer anderen Farbe, veränderte ja auch wieder die Tönung darunter. Das kann kein Mensch mehr – naja, ich schon. Und vielleicht eine Handvoll anderer.

    _IGP0399 (Large)Was macht Kunst für Sie aus?

    Kunst ist das, was von Innen kommt. Man muss in der Lage sein, etwas aus sich heraus zu machen. Etwas Überraschendes, Kunst muss etwas auslösen. Tut es das nicht, ist es nichts. Das kann aber für jeden anders sein. Themen halte ich für gar nicht so wichtig.

    Es heißt immer wieder „in der Malerei sei schon alles erfunden“? Stimmen Sie dem zu?

    Ja klar. Sagen Sie mir doch einen Maler heutzutage, der was Neues macht? Aber es muss nicht immer etwas „Neues“ sein. Es ist wichtig, dass Kunst etwas auslöst, Emotionen transportiert. Ich habe mal ein Pastell in der Dresdner Galerie Zwinger gesehen, es hieß das „Schokoladenmädchen“ von Jean Etienne-Liotard. Es galt schon im 18. Jahrhundert als schönstes Pastell, das man je gesehen hat. Kunst, allein durch Ästhetik.

    Text: Stefan Zavernik

     

    TEILEN