„Secondhand-Zeit“ im Schauspielhaus Graz: Auf den Trümmern des Sozialismus

„Secondhand-Zeit“ im Schauspielhaus Graz: Auf den Trümmern des Sozialismus

Foto: Lupi Spuma

Ende 1991 zerfiel die Soviet-Union endgültig. Dieses einerseits historische Ereignis für die Welt wurde zu DEM prägenden Ereignis für die Bewohner Russlands andererseits. Für das Stück „Secondhand-Zeit“ im Schauspielhaus Graz stellte es die Trennlinie dar, aufgrund derer die Protagonisten ihre Eindrücke von davor und danach schildern konnten.

Text: Lucas Kristan

Die Autorin des Werkes, Swetlana Alexijewitsch, entwickelte im Laufe ihrer Karriere eine Art dokumentarischen Schreibstil der als dokumentarische Prosa bekannt wurde. Nach dem Erscheinen von ‚Secondhand-Zeit – Leben auf den Trümmern des Sozialismus‘ wurde ihr 2015 der Nobelpreis für Literatur verliehen.

Foto: Lupi Spuma

Für die karge, kommunistische Inszenierung von Alia Luque wurden lediglich vier Schauspieler benötigt, was vollkommen ausreichte um ein fesselndes Stück auf die Bühne zu bringen. Frederik Jan Hofmann, Mathias Lodd, Sarah Sophia Meyer, Tamara Semzov schlüpften in etliche verschiedene Rollen, die nicht immer mit ihrem eigenen Geschlecht übereinstimmen mussten.

Foto: Lupi Spuma

Abwechselnd gaben die Schauspieler die Eindrücke und Einstellungen der jeweiligen Rolle über den (Post-) Sozialismus, Stalin, Gorbatschow, die Perestroika uvm. wieder. Dennoch wirkte das Stück als Einheit stimmig und wie ein langes Gespräch, auch wenn der ständige Rollenwechsel zwischendurch etwas verwirrend sein konnte.

Foto: Lupi Spuma

Unterbrochen wurden die einzelnen Berichte durch authentische Videosequenzen (u.a. ehemalige Nachrichtenbeiträge, eine Aufführung von Schwanensee, die während des Putschs im August 1991 auf allen Fernsehkanälen lief, oder stalinistische Propagandavideos) die sich stimmig in die Inszenierung einbetteten und die paradoxen Einstellungen in Familien, Medien und in den Straßen Russlands untermauerten. Geschichte passierte schneller, als sie in den Köpfen der Menschen begriffen werden konnte. Zu einer Verschnaufpausen kam es für die vier auch physisch nicht. Den russischen Sportsgeist immer im Hinterkopf, erinnerten nicht nur die Kostüme ständig daran sonder auch länger andauernde, schweißtreibende Lauf- und Trainingseinheiten.

Foto: Lupi Spuma

Alles in allem war das Stück ein erleuchtendes Panorama über den russischen Sozialismus das tiefe Einblicke in die Seelen der Menschen gewährte und dem Betrachter im kapitalistischen Westen die Nostalgie einer Zeit die er selbst nie erlebt hatte näher brachte.

Infos zum Stück und Termine unter www.schauspielhaus-graz.com

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