Ausstellung zum Lutherjahr: Zeitgenössische Zugriffe auf die Bibel

Ausstellung zum Lutherjahr: Zeitgenössische Zugriffe auf die Bibel

Bettina Rheims, Serge Bramly: "Jesus und die Apostel", 1997 © Bettina Rheims courtesy Sammlung Essl, Klosterneuburg / Wien

Künstler aus aller Welt zerlegen das Heilige Buch „buchstäblich“ und im metaphorischen Sinn in seine Bestandteile. Die Ausstellung zeigt kluge wie humorvolle Lesarten der Bibel im 500. Reformationsjahr.

Text: Natalie Resch

Was haben James Joyces Ulysses, Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften und die Bibel gemeinsam? Sie gehören zur „Bibliothek ungelesener Bücher“ des Künstlers Julius Deutschbauer. Er fragt Passanten, warum sie diese „Bestseller“ nicht lesen. Für die 77 Werke umfassende Schau griff Johannes Rauchenberger zwar auf das KULTUM-Depot zurück, zwei Drittel der Exponate zeigen aber neue Positionen. Seine Herangehensweise als Kurator erklärt er folgendermaßen: „Ich stellte mir die Fragen: Wie geht man mit dem Objekt „Bibel“ um, löst es auf, erweitert es – nicht nur pathetisch freundlich, sondern auch de-struktiv, zerlegend. ‚Zugriff’ hat außerhalb des Netzdenkens ja auch etwas latent Gewalttätiges.“ Die Ausstellung ist eine vielschichtige Untersuchung der Bedeutung von dem, was von Martin Luther bis ins 500. Reformationsjahr auf alle Fälle blieb: die (Übersetzung der) Bibel.

Guillaume Bruere, sculpture

Das Fremde und Befremdende an der Bibel waren für einige Künstler der Ausgangspunkt ihrer künstlerischen Auseinandersetzung. Wie beim Schweizer Künstler François Burland. Er tastete sich an die biblischen Erzählungen heran, nimmt Giottos Leben-Jesu-Zyklus aus der Arena­kapelle in Padua als Bezugspunkt für seine Art Brut-Holzschnitte, in denen sich bi­blische Bildelemente und Symbole mit Erfindungen der letzten Jahrhunderte zu fesselnden Horrorszenarien vermischen. Rauchenberger fasziniert der Dialog mit dem uns fremd Gewordenen: „Das sind Zugänge, die für mich berührend sind, auch wenn sie die vollständige Fremdheit thematisieren. Denn wir müssen zugeben: Zumindest in unseren Breiten ist das Wissen um die Bibel, trotz medialer Verbreitung und vielfältigster Bemühungen, sehr niedrig.“

Hannes Priesch, „REVELATION (President George W. Bush of the USA and President Jaques Chirac of France in a phone conversation before the beginning of Iraq War 2)“, 2012
KULTUMdepot Graz

Scheinbar absurd und ironisch-frech interpretiert der französische Künstler Guillaume Bruère Bibelszenen. Aber in Wirklichkeit verselbständigt sich bei ihm das Zeichnen. Dem Kurator Johannes Rauchenberger erzählt der Künstler, er habe erst in der Auseinandersetzung mit Bildern aus der Zeit Luthers, durch die „Menschlichkeit der Figuren“ (G.B.) altdeutscher Malerei, überhaupt erst einen Bezug zu biblischen Darstellungsformen – ja sogar zum Glauben – zurückgefunden. In einer seiner zwei Werkserien greift Bruère in das Buch als Material ein. In seiner Skulptur wird die Bibel zum Untergrund, über den sich ein Wanderschuh hinwegbewegt. Noch eine Ebene tiefer geht der Künstler Jochen Höller, indem er aus allen Bibelstellen das Wort „Gott“ ausschneidet. Was bleibt, wenn „Gott“ nicht sichtbar ist, es ihn nicht gibt? Michael Triegel bricht scheinbar mit der Moderne, zeigt eine perfekt in Zink gestochene Maria vor einer schreienden, verwesenden Katze. Der Turner-Prize-Träger Mark Wallinger ist gleich mit mehreren Arbeiten vertreten. Er leistet Unglaubliches, dreht den Johannesprolog um, lernt das Rückwärtsgespulte auswendig, um diesen Text während einer Rollbahnfahrt geradezusetzen. Verwendet die iPhone-Kamera, um eine Hand zu fotografieren, setzt sie mit einem Detail aus Michelangelos Fresko zur Erschaffung Adams in Verbindung. Die Beziehung zwischen Technologie und Mensch thematisiert das Künstlerkollektiv Robotlab, indem es einen Computer Bibelpassagen abschreiben und einer menschlichen Handschrift ähnliche kalligrafische Linien formen lässt. Wo bleibt Platz für Glaube und Gott in einer „ferngesteuerten“ Welt? Politisch zeigt sich die Serie der niederländischen Künstlerin Lidwien van de Ven, zu der acht Schwarz-Weiß-Bilder und zwei große Prints gehören. Die Zeitlichkeit von Namen und Dingen im Generellen setzte die Fotografin nicht nur poetisch, sondern auch handfest politisch um, so der Kurator. „Sie fotografiert genau jenen Punkt, wo Moses erstmals das gelobte Land gesehen hat, mit einem Wegweiser. Was hat diese absolut schweigende Landschaft mit dem enormen Nahost-Konflikt, mit den Palästinensern und den Ansprüchen Israels zu tun? Was mit dem ewig wandelnden Volk und dem Narrativ des Auszugs.“

Dorothee Golz, „Herr Martin“, 2015
Courtesy Charim Galeie Wien

Die Ausstellungsbesucher erwartet eine mehr als wörtliche Auseinandersetzung mit dem Heiligen Buch. „Manche erwarten sich in der Bibel Gottes direkten Zugriff. Dieser Ansatz birgt in seiner Schattenseite das Problem des Fundamentalismus in sich. Wenn ich es als unmittelbare Offenbarung hernehme und diese sich an modernen Auffassungen reibt, dann kommt es zu einem Konflikt. Daran komme ich nicht vorbei, aber diesen kann man so oder so diskutieren, benennen muss man ihn aber.“ Was ist an der Bibel neu zu entdecken, wie und wo findet die biblische Poesie, ihre Matrix, ihr Text über Anfang und Ende, Leben und Liebe, Schuld, Schmerz und Gewalt Platz, in einer Welt, in der das Dasein vielerorts auf Wachstum, Sicherheit, Sättigung und permanente Datenkontrolle reduziert wird. Wo widersetzt sich gegenwärtiges Denken kreativ der Bibel? Die Ausstellung regt mit Werken der Gegenwartskunst an, darüber nachzudenken. Im Jahr 2018/2019 ist die Ausstellung in das Museum of the Bible in Washington geladen, ein riesiger Hightech-Komplex, der erst Ende 2017 eröffnet wird.

Guillaume Bruere, sculpture book

Ausstellung „VULGATA. Künstlerische Zugriffe auf die Bibel“ im KULTUM, Mariahilferplatz 3, 8020 Graz

Führungsanmeldung und -reservierung für Gruppen: 0316 711 133 31 oder office@kultum.at

www.kultum.at

 

TEILEN