Verschwundenes Graz: GrazMuseum zeigt Leopold Budes „Häuser-Aufnahmen“

Verschwundenes Graz: GrazMuseum zeigt Leopold Budes „Häuser-Aufnahmen“

Leopold Bude, Murseitige Verbauung der Sackstraße, 1890 (c) Sammlung GrazMuseum

Die Grazerinnen und Grazer haben im GrazMuseum aktuell die Möglichkeit, ihre Stadt aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten. Die Ausstellung „Verschwundenes Graz“ nimmt die Besucherinnen und Besucher mit auf eine Zeitreise in das Graz um 1900.

Text: Kerstin Hatzi

Eine Stadt ist ein Organismus. Immer in Bewegung. Stets im Rhythmus von Fortschritt und Veränderung. Kurz: Stadt ist Wandel. Die Fotografieausstellung ­Verschwundenes Graz, die am 9. März im GrazMuseum eröffnet wurde und bis Ende August im 2. Obergeschoß des barocken Palais Khuenburg zu sehen ist, zeigt das auf faszinierende Weise. 90 Originalfotografien des Grazer Fotografen Leo­pold Bude geben Einblick in das Graz um die Jahrhundertwende. „Aus urbanistischer Sicht sind die Jahre von 1870 bis 1910 der Kulminationspunkt der Grazer Stadtveränderung, eine Periode, in der sich das Stadtbild am tiefgreifendsten veränderte“, so Otto Hochreiter, Direktor des ­GrazMuseums. Dank der einzigartigen Häuser-Fotografien Leopold Budes wird für die Besucherinnen und Besucher des ­GrazMuseums das verschwundene Graz längst vergangener Zeiten wieder sichtbar.

Leopold Bude, ehem. Postgasse 9 und 11 in Richtung Schmiedgasse
(c) Sammlung GrazMuseum

Bruchstücke der Wirklichkeit

Leopold Bude, 1840 in Wien geboren, studierte zunächst Chemie am k.k. Polytechnischen Institut. Über dessen Bibliothekar Anton Georg Martin, einem Pionier der Fotografie in Österreich, dürfte er erstmals mit dem damals noch neuen Medium Fotografie in Berührung gekommen sein. 1862 eröffnete er in der Salzamtsgasse in Graz sein erstes Fotoatelier und avancierte schnell zum renommiertesten Berufsfotografen in der Steiermark. Neben der Porträtfotografie sind vor allem seine Arbeiten als Foto-Dokumentator der gründerzeitlichen Stadterneuerung von Bedeutung. Bude fotografierte die zum Abriss bestimmten Gebäude in Graz und dokumentierte den Verlust an historischer Bausubstanz. Seine Fotografien stehen dabei nicht in der Tradition der biedermeierlichen Stadtvedute. Sie zeigen nicht nur „schöne“ Stadtbilder. Vielmehr sind seine Aufnahmen Bruchstücke der Wirklichkeit. „Durch ihre unverstellten Blicke erhellen die Fotografien die stadträumlichen Details einer geschichtsschweren, sich aber rapide verändernden Stadt“, erklärt Otto Hochreiter die Faszination der Aufnahmen.

Leopld Bude, illustrierte Postkarte Neutor von Aussen, 1882, Gelatinepapier

Ein neuer Blickwinkel auf Graz

In insgesamt drei Ausstellungsräumen haben die Besucherinnen und Besucher die Gelegenheit, durch ein Graz zu spazieren, das es in dieser Form nicht mehr gibt. Und zu entdecken gibt es einiges: etwa das alte Ursulinenkloster in der Sackstraße, das klassizistische Rathaus oder die alte Thalia. Staunende Augen dürfte auch die murseitige Häuserzeile entlang des heutigen Franz-Josef-Kai und der großflächige botanische Joanneumgarten zwischen Eisernem Tor und Neutorgasse hervorrufen. Die Fotografien sind auf unterschiedlichen Bildträgern erhalten geblieben, unter anderem auf Postkarten, die um die Jahrhundertwende als neues fotografisches Medium wichtig wurden. Die Ausstellung zeigt auch einige davon.

Leopold Bude, Joanneumgarten, 1889
(c) Sammlung GrazMuseum

Graz-Geschichte(n) im Netz

Diese Postkarten mit Fotografien von Leopold Bude sind der Schnittpunkt, an dem sich die Ausstellung mit einem weiteren aktuellen Highlight im GrazMuseum verknüpft. Seit 3. März sind über 9.000 Postkarten mit Ansichten von Graz online, darunter auch 25 Objekte aus dem Atelier Bude. Das Digitalisierungsprojekt, das als Kooperation des GrazMuseums mit dem Photoinstitut Bonartes und dem Zentrum für Informationsmodellierung der Universität Graz entstand, suchte innovative Wege zur Erschließung dieses Bildträgers: „Es war uns wichtig, die Postkarte als ein Medium eigener Ordnung ernst zu nehmen“, so die Kulturwissenschafterin Eva Tropper, die das Projekt gemeinsam mit Antonia Nussmüller und Katharina Mracˇek-Gabalier durchgeführt hat. „Das Internet hat eine Tendenz zur Entmaterialisierung von Bildern. Dem wollten wir entgegenarbeiten.“ Aus diesem Grund stehen bei diesem Projekt nicht nur die Bildinhalte, sondern auch der Kommunikationsaspekt im Fokus. So kann man die Karten beidseitig betrachten, drehen und in die richtige Leseposition bringen, in die Ansichten hineinzoomen oder danach fragen, wohin die Karten von Graz aus verschickt worden sind.

Verschwundenes Graz. Leopold Budes „Häuser-Aufnahmen“ 1863–1912

Ausstellung vom 10. März bis 28. August 2017; Kuratiert von: Otto Hochreiter, Franz Leitgeb, Katharina Mracek-Gabalier, Annette Rainer, Franziska Schurig, Gerhard Schwarz

GrazMuseum / Sackstraße 18, 8010 Graz / Öffnungszeiten: Mi–Mo, 10–17 Uhr

www.grazmuseum.at

Postkartensammlung online unter www.grazmuseum.at, Präsentationstermin am 23. März, 18 Uhr im Vortragssaal des GrazMuseums

Leopold Bude, Adressseite Illustrierte Postkarte
TEILEN