Carl Spitzweg und Erwin Wurm im Wiener Leopold Museum: Köstlich! Köstlich?

Carl Spitzweg und Erwin Wurm im Wiener Leopold Museum: Köstlich! Köstlich?

Carl Spitzweg, Der strickende Wachposten, 1855 Öl auf Leinwand, 21,6 × 39,2 cm Foto: Museum Georg Schäfer, Schweinfurt

Das Leopold Museum stellt aktuell die Arbeiten des Biedermeier Malers Carl Spitzweg den Werken von Erwin Wurm gegenüber. Das Ergebnis ist eine Ausstellung prall gefüllt mit epochenübergreifender Biedermeierromantik und subtilem Humor. Zu sehen noch bis 19. Juni.

Carl Spitzweg (1808–1885) hinterließ ein künstlerisches Vermächtnis, dessen tiefgründiger Humor sich erst in der späteren Betrachtung so richtig eröffnete. Rund 130 Jahre nach dem Tod des „beliebtesten deutschen Malers“ präsentiert das Leopold Museum nun die erste umfassende Ausstellung dieses Künstlers in Österreich, dessen Werk gemeinhin in engem Konnex mit den mit der Epoche des Biedermeier verbundenen Definitionen von Beschaulichkeit, kleinbürgerliche Idylle und Spießbürgertum gesehen wird. Doch diese Definition greift im Fall von Spitzweg bei Weitem zu kurz.

Carl Spitzweg, Der Kaktusliebhaber, 1850
Öl auf Leinwand, 39,3 × 21,8 cm
Foto: Museum Georg Schäfer, Schweinfurt

Sie verhindert eine komplexere und progressivere Lesart des Spitzweg’schen Denkens und Schaffens, zu dem – wie die rund 100 präsentierten Exponate deutlich machen – auch die Analyse von sozialen Hierarchisierungen respektive Herrschaftsverhältnissen, die Durchleuchtung der Geschlechterbeziehungen oder die subtile Infragestellung von Harmonie in einer vorgeblich heilen Welt gehören. Damit rückt die Ausstellung das Bild Spitzwegs als „harmlosen“ Biedermeierkünstler zurecht und fokussiert explizit auf das gesellschafts- und zeitkritische Werk des Künstlers. Sie stellt seine mit sanfter Ironie vorgetragene, aber unzweifelhafte Kritik am oftmals scheinheiligen, weil hedonistischen Klerus, an der korrupten oder gelangweilten Legislative wie Exekutive oder am saturierten Bürger- und Beamtentum in den Mittelpunkt. An Aktualität haben Spitzwegs Themen dabei keineswegs verloren.

Carl Spitzweg, Der arme Poet, 1838
Öl auf Leinwand, 37,9 × 45 cm
Foto: Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg/Monika Runge

Wurm trifft Spitzweg

An dieser thematischen Schnittstelle treten Spitzwegs Gemälde und Zeichnungen in einen Dialog mit zehn präzise gesetzten fotografischen wie skulpturalen Interventionen des österreichischen Gegenwartskünstlers Erwin Wurm (geb. 1954). Ähnlich der Spitzweg’schen Manier weist auch Wurms Werk vielfältige Facetten der Poesie und Idylle, des Humors und der (Selbst-)Ironie auf und ist reich an politischen und kulturanalytischen Anspielungen. Beide Oeuvres verbindet ein kritisch-reflektierter Humor, der als Waffe eingesetzt, den Alltag aus anderer Perspektive zeigt und damit vielschichtige Dimensionen evoziert. So treten die kleinstädtischen Bilder Carl Spitzwegs, die durch eine präzise und detailreiche Konzeption getragen sind, in einen Dialog mit Erwin Wurms Arbeit Narrow House von 2010.

Erwin Wurms „Narrow House“ ist im Museum Leopold zu sehen.
Foto: Bildrecht, Wien, 2017

Spitzwegs Werke gleichen hierbei nur auf den ersten Blick idyllischen Stadtszenerien, die mit volkstümlich gekleidetem Personal – vornehmlich Wachposten, Musikanten, Sänger und weibliche Darstellerinnen – bevölkert sind. Bei genauerer Betrachtung zeichnen sich feudale, hierarchische, patriarchalische und autoritäre Strukturen ab, die auf das System bornierter Beschränkungen verweisen, das geprägt war von den in Spitzwegs Epoche gültigen Moralvorstellungen. Den Eindruck von kleinlichem Gewinkel vermittelt auch Wurms Arbeit Narrow House, die das Elternhaus des Künstlers in Volumen und Proportionen verändert zitiert, um damit auf die gesellschaftliche Enge vergangener Jahrzehnte zu reflektieren. Doch nicht nur den moralischen Zwängen seiner Zeit, sondern auch den bundesstaatlichen Strukturen wie den legislativen, exekutiven und judikativen Organen begegnete Carl Spitzweg mit Ironie und übte mit chiffrierten Strategien Kritik an bestehenden Verhältnissen. Zahlreiche Werke des Künstlers offenbaren seine spöttische Haltung gegenüber den Mächten des Staates, seien es Zollbeamte, Wachposten oder Bürgersoldaten. Die Aktualität dieser Themen wird durch Erwin Wurms Arbeit New York Police Cap Gold von 2010 unterstrichen, welche der Polizeikappe überdimensionale Größe verleiht und die Betrachtenden dazu einlädt, sich unter dieses nicht nur schützend, sondern auch bedrohlich wirkende Symbol des Rechtsstaates zu stellen.

Erwin Wurm, New York Police Cap Gold, 2010
Plastik, Wolle,
62 × 110 × 102 cm
Foto: Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac/Ulrich Ghezzi

Chronisten ihrer Zeit

Weitere Bereiche der Ausstellung widmen sich Carl Spitzwegs Passion der Darstellung widersprüchlicher Charaktere, die den Künstler nicht nur als Chronisten seiner Zeit, sondern insbesondere auch als sensiblen Psychologen erkennen lassen. Ihnen gegenüber finden sich Wurms One Minute Sculptures und andere Werke, welche oftmals – ebenso wie Spitzwegs Gemälde – Situationskomik mit einer gesellschaftskritischen Note vermengen. Zu sehen ist auch Spitzwegs wohl berühmtestes Werk Der arme Poet.  Als durchaus gesellschaftspolitisch aufgeladene Typendarstellung ist dieses Werk von 1838 zu verstehen, das zwei gegensätzliche Momente auszeichnet: Einerseits besagt es, dass ein Künstler, dessen Tätigkeit gemeinhin als müßiggängerisch angesehen wird, ein unbeschwertes, von gesellschaftlichen Normen und Konventionen unabhängiges, ja fast trotziges Dachstubendasein führt. Andererseits vermittelt die dargestellte Szenerie etwas Beklemmendes, da sie Armut und damit Existenzgefährdung repräsentiert. So erheiternd das Motiv zunächst wirken mag, so sehr ist es auch eine sozialkritische Äußerung über die prekäre Situation des Künstlerdaseins.

Lust und Begehren

Vor dieser prekären Situation war der finanziell unabhängige und zeitlebens unverheiratete Maler Carl Spitzweg gefeit, der ursprünglich die Ausbildung zum Apotheker abschloss, und sich erst ab 1833  autodidaktisch zu einem begnadeten Zeichner und herausragenden Koloristen ausbildete.

Carl Spitzweg,
Der Witwer, um 1860
Öl auf Leinwand,
42,5 × 49,1 cm
Foto: Blauel/Gnamm – ARTOTHEK

Seine Entscheidung als Junggeselle zu leben, hielt ihn jedoch nicht davon ab, in seinen Bildwelten von Lust und Begehren zu erzählen. Davon zeugt der letzte Teil der Ausstellung. Vorwiegend sind es Konstellationen, bei denen männliche Protagonisten dem weiblichen Geschlecht sehnsuchtsvoll begehrend bis lüstern hinterherblicken oder erkennen müssen, dass die schöne Jugendzeit der Vergangenheit angehört. So wie Spitzwegs Charaktere ihre Eitelkeiten ausleben und sehnsüchtig nach Liebesabenteuern suchen, verkörpert auch Erwin Wurms Ärgerbeule von 2007 die Lust nach dem Abenteuer, der „kopflos“ nachgegangen wird. Offensichtlich steht die Implikation von Lust, Begierde oder gar Liebe und Partnerschaft, ebenso wie die Thematisierung von Jugendlichkeit und Vergänglichkeit bei Wurms Skulptur ebenso im Mittelpunkt, wie in zahlreichen von Spitzwegs Gemälden. Auch wenn Carl Spitzwegs subtile Charakterstudien von ihrem Erscheinungsbild deutsch-biedermeierlich geprägt sind, haben die seine Werke eigenen subtilen Psychologisierungen ebenso wie die von ihm thematisierten gesellschaftspolitischen Aspekte nichts von ihrer Schlagkraft verloren.

Erwin Wurm,
Selbstporträt als Essiggurkerl, 2008
Foto: Studio Erwin Wurm

Zu sehen noch bis 19. Juni 2017 im Leopold Museum / Museumsplatz 1, 1070 Wien

www. leopoldmuseum.org

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