„Die Kunst, Meisterwerke neu zu empfinden“ – Oksana Lyniv im Interview

    „Die Kunst, Meisterwerke neu zu empfinden“ – Oksana Lyniv im Interview

    Foto: Werner Kmetitsch

    Mit der 39-jährigen Oksana Lyniv erhält die Oper Graz erstmals in ihrer Geschichte eine Chefdirigentin. „Achtzig“ durfte sie für ihre Leser näher kennenlernen.

    Text: Stefan Zavernik

    In der Rolle des Chefdirigenten haben Frauen an großen Häusern noch immer Seltenheitswert. Dirigieren Frauen grundsätzlich anders als Männer?

    Das denke ich nicht, obwohl ich in dieser Frage noch keine Vergleiche angestellt habe. Dazu gibt es auch zu wenig erfolgreiche Dirigentinnen. Und die wenigen sind als Künstler so einzigartig, dass man sie im Grunde nicht geschlechtsspezifisch bewerten kann. Für das Publikum zählt in meinen Augen ohnehin nur die Professionalität der Darbietung. Und letzten Endes die Qualität der Musik.

    Als Chefdirigentin in Graz – aber auch schon in Ihrer Funktion an der Bayerischen Staatsoper – gelten Sie als Vorreiterin, als eines der großen Vorbilder unserer Zeit: Wie schwierig war es, sich als Frau in der Rolle eines Dirigenten zu behaupten?

    Der Beruf eines Dirigenten ist generell ein sehr schwieriger. Auch viele begabte junge Männer haben es nicht leicht, den Sprung vom Studium in den Beruf zu schaffen. Dieser Übergang ist vermutlich der wichtigste Zeitpunkt in der Karriere eines Dirigenten. Noch schwieriger haben es all jene, die aus dem Osten nach Europa kommen. Sie müssen eine kulturelle, aber auch intellektuelle Hürde überwinden. Und: Als Frau hat man es noch einmal so schwer. Das kann ich aus eigener Erfahrung sagen. Dirigent? Das ist noch immer für viele kein Beruf für eine Frau.

    Foto: Werner Kmetitsch

    Wurden Sie von Ihrer Familie gefördert?

    Ich komme aus einer Musiker-Familie, und es war klar, dass auch ich musikalisch tätig sein würde, allerdings eher in Form einer pädagogischen Tätigkeit. Meine Eltern haben meinen Wunsch, Dirigentin zu werden, zuerst einmal gar nicht verstanden. Auch meine Freunde standen meiner Absicht skeptisch gegenüber. Es gab einfach zu wenig erfolgreiche Beispiele, an denen man sich hätte orientieren können. Von meinem Charakter her bin ich aber glücklicherweise so gestrickt, dass mich fehlende Unterstützung eigentlich noch stärker macht. Ich ging also an die Hochschule, ich bewarb mich für das Studium und als ich die Zulassung erhielt und hörte, dass ich begabt sei, war ich nicht mehr aufzuhalten. Weder von meiner Familie noch von meinen Freunden. Damals war ich 18 Jahre alt.

    Hatten Sie Vorbilder?

    Meine Lieblingsdirigenten waren schon immer Karajan, Kleiber und Abbado.

    Sie meinen, für Ihre Arbeit ist es das Wichtigste, das Vertrauen des Orchesters zu gewinnen. Wie viele Proben waren notwendig, um den Funken in Graz überspringen zu lassen?

    Gar keine. Meine erste Begegnung mit dem Orchester war schon quasi die Vorstellung. Es hat etwa vier Minuten gebraucht, bis wir Kontakt zueinander fanden. Ich habe dann gespürt, dass die Musiker begonnen haben, sich auf mich zu verlassen. Und sie haben begonnen, sich auf meine Ideen einzulassen. Es war ein schöner Moment.

    Foto: Oleh Pavliuchenkov

    Worin liegt in Ihren Augen die Kunst, als moderner Dirigent zu bestehen?

    Der entscheidende Faktor für jeden Dirigenten ist, die Fähigkeit zu besitzen, bekannte Stücke neu zu erzählen. Nicht diese neu zu erfinden, sondern ein ganz persönliches Verhältnis zu den Stücken aufzubauen und dieses dann hörbar zu machen. Das ist in der heutigen Zeit natürlich schwierig. Nach 400 Jahren Musikgeschichte gibt es von allen großen Stücken bereits legendäre Aufführungen. Doch es wäre schlicht langweilig, einfach nur große Interpretationen wiederzugeben. Es muss also gelingen, jedes Meisterstück, jede Partitur neu zu empfinden. Aus der Sicht unserer Zeit.

    In Ihrer Funktion stehen Sie auch dem Grazer Philharmonischen Orchester vor. Opernaufführung oder Konzert: Wie groß sind die Unterschiede beim Proben?

    Wenn man eine Oper dirigiert, muss man immer an das Gesamtergebnis denken. Die Musik spielt nicht die Hauptrolle, sie ist ein Teil des Gesamten. Bei Opernproduktionen ist es mir aus diesem Grund immer wichtig, eine sehr enge Zusammenarbeit mit allen anderen Beteiligten zu haben. Zum Beispiel mit dem Regisseur, den Solisten und Sängern. Man kann Ideen haben, aber realisieren kann man diese erst, wenn man live daran arbeitet. Das ist für mich ganz spannend. Es ist, wie wenn man ein großes Bild malt, man startet mit ein paar Strichen und wenigen Farben, und im Laufe der Arbeit kommt immer mehr hinzu. Bei einem Konzert sind die Proben meist nicht so umfangreich, jeder ist von Anfang an gut vorbereitet und weiß, was ihn erwartet. Schon mit der ersten Probe geht es darum, Feinabstimmungen zu machen und die musikalische Interpretation herauszuarbeiten. Das Ergebnis ist dann der ideale Klang.

    Zu Ihren Lieblingskomponisten zählen österreichische Superstars wie Mozart oder Mahler. War Österreich für Sie in künstlerischer Hinsicht schon immer so etwas wie ein Sehnsuchtsort?

    Mein Land Galizien, aus dem ich stamme, verbindet eine 200-jährige gemeinsame Geschichte mit Österreich. Auch viele große österreichische Persönlichkeiten sind mit ihr verbunden. Gustav Mahler hat dort bereits dirigiert. Die Mentalität und Kultur der West­­­ukraine, der Stadt Lemberg, hat also noch viele Dinge, die an die Zeit der k.u.k. Monarchie erinnern. Ich habe mich also auf bestimmte Weise schon immer mit Österreich verbunden gefühlt. Nun freue ich mich aber besonders auf Graz. Ich habe bereits unzählige internationale Auftritte abgesagt, um in meiner ersten Spielzeit in Graz so präsent wie möglich zu sein. Generell beeindruckt mich die Vielfalt des kulturellen Lebens der Stadt. Auch neben der schönen Oper und dem wunderbaren Musikverein passiert so vieles. Mein erstes Konzert wird im Sommer im Rahmen der styriarte stattfinden. Die Vorfreude darauf ist riesig.

    Foto: Oleh Pavliuchenkov

    Oksana Lyniv in Graz:

    Eröffnungskonzert der Oper Graz, September 2017

    Musikverein Graz, Stefaniensaal. 1. Soirée, 12.11.2017, 19.30 Uhr

    Styriarte, Stefaniensaal

    Der Nussknacker, 1.7.2017, 20 Uhr

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