Individuelle Erinnerungen im GrazMuseum: „Es gibt kein kollektives Gedächtnis“

Individuelle Erinnerungen im GrazMuseum: „Es gibt kein kollektives Gedächtnis“

Foto: Andreas Vormayr

Wie individuell Erinnerungen an geschichtliche Ereignisse sind, zeigt die dialogische Veranstaltungsreihe „M\Eine Graz-Geschichte\n“. Die Besucher sind eingeladen, ihre persönlichen Erlebnisse bei einer ganz besonderen Führung durch die Dauerausstellung „360 GRAZ | Eine Geschichte der Stadt“ wiederzuentdecken und mit uns zu teilen.

Text: Natalie Resch

Wo fängt Stadtgeschichte an, wo hört sie auf und wer darf sie erzählen? Darüber haben sich die Kuratoren des GrazMuseums Annette Rainer, Martina Zerovnik und Direktor Otto Hochreiter den Kopf zerbrochen. Das Ergebnis dieser Überlegungen ist die Dauerausstellung in ihrer jetzigen Form, die zeigt, wie eine innovative historische Erzählweise in einem Geschichtsmuseum aussehen kann. „360 GRAZ | Eine Geschichte der Stadt“ ist derzeit eine der wenigen historischen Dauerausstellungen, die bis ins 21. Jahrhundert führt. Mit der Idee eines offenen Schaudepots, das einzelne Objekte in den Fokus rückt, hinterfragt sich die Institution Museum hinsichtlich ihrer hegemonialen Stellung als „Bewahrer“ der bzw. einer Geschichte selbst. Fazit: Es gibt nicht die eine umfassende Erzählung, eine Ausstellung kann immer nur eine Auswahl wiedergeben. Mit den Worten Hochreiters: „Es gibt kein kollektives Gedächtnis. Jedes geschichtliche Ereignis und deren Dokumentation sind nicht mit einer einzigen Erinnerung verbunden, sondern mit einer Vielzahl davon.“

Ausstellungsansicht 360GRAZ – Eine Geschichte der Stadt Foto: Lena Prehal

Was verrät ein einzelnes Objekt über die Stadt und deren Bewohner? „Es ist uns wichtig, auch auf die inhaltlichen Lücken hinsichtlich einer stringenten Schilderung hinzuweisen. Indem die Leerstellen der Sammlung markiert sind, werden die fehlenden Belege in der Ausstellung mitgedacht. Themen wie Diversität und Geschlechterrollen sind weniger gut dokumentiert als das Thema Stadtentwicklung oder deren Ansichten“, so Rainer.

Zeitgenössische Fragestellungen

Durch die Platzierung der Objekte – Bilder finden sich nicht wie gewohnt hängend an den Wänden – ist „360 GRAZ“ auch formal anders: Eine Entauratisierung der Ausstellungsstücke findet statt. Geschichte ist in dieser Form selbst ein Sinnbild, das von allen Seiten betrachtet werden kann. Jeder der fünf Räume ist einer Epoche zugeordnet. Aus lokaler wie europäischer Perspektive wird die Entwicklung der steirischen Hauptstadt vom Mittelalter bis 2003 veranschaulicht. Dabei ist zu bedenken, dass Geschichte immer Gegenstand einer Konstruktion der jeweiligen Gegenwart ist. Schlüsselfragen beleuchten diese und machen die Konfliktgeschichte um das Werden der Stadt, Geschlechterrollen und das sich wandelnde Erscheinungsbild von Graz, das sich mit aktuellen Themen wie Globalisierung, Migration, Diversität oder städtische Mitbestimmung verbindet, deutlich. Die Ausstellungsmatrix versteht sich als Antierzählung einer Geschichte. „Die Objekte der Vergangenheit sollen damit aktive Akteure in einer Inszenierung von zufälligen Splittern einer lückenhaften Überlieferung sein – zugleich räumlich nah und zeitlich fern. Und doppelt fremd: fremd im Museum, weil aus ihrem Kontext gerissen, und auch fremd zueinander. Benachbarte Objekte sind in den seltensten Fällen Teil einer ,Gesamtaussage‘ zu einem Thema einer Epoche“, erklärt Hochreiter.

Foto: Andreas Vormayr

Polyphone Stadtgeschichte

Eine Stadt gehört den Menschen und ihren Geschichten. Mit der neuen 5-teiligen Veranstaltungsreihe „M\Eine Graz-Geschichte\n“ lässt das Museum Grazer zu Wort kommen und durch die Dauerausstellung führen. Die Idee dazu lieferte das Buch Graz. Porträt einer Stadt. Darin erzählen 40 Stadtpersönlichkeiten ihre Graz-Geschichten. So schildert Folke Tegetthoff seine „Berufung“ als Erzähler im ehemaligen Stadtmuseum 1979 oder Franz Voves das romantische Abendlaufen in der Eishalle Liebenau. In „M\Eine Graz-Geschichte\n“ verweben Persönlichkeiten, Jungunternehmer, Pioniere aus den verschiedensten Lebensbereichen ihre Geschichten und Erlebnisse mit den Objekten und Erzählungen der Dauerausstellung „360 GRAZ“. Die für ihre Köstlichkeiten bekannten Mehlspeisenfräulein eröffneten den Reigen. Vor einem der seltenen Porträts Katharina Pratos erzählten sie dem interessierten Publikum von Gemeinsamkeiten mit der prominenten Kochbuchautorin, von ihrem nicht immer leichten Weg durch die männerdominierte Zuckerbäcker-Zunft und was sie mit der Zunfttruhe der Lebzelter verbindet.

Mehlspeisfräulein
Foto: Andreas Vormayr

Am 18. Mai wird es sportlich: SK-Sturm-Fußballlegende Mandi Steiner und Sporthistoriker Benjamin Sikora tauchen mit den Besuchern tief in die Grazer Sportgeschichte ein. Steiner verrät, wie er zu seinem Namen „Eisenfuß“ kam und sich der Lendplatz rund um sein Geschäft verändert hat. Sikora erzählt, warum die „Lederwuchtl“ in den 1920er-Jahren Machtverhältnisse veränderte und warum er vollen Einsatz für den Erhalt historischer Orte wie „die Gruabn“ zeigt. Um ihr Bestehen zu sichern, hat er mit Gleichgesinnten eine Crowdfundingaktion ins Leben gerufen (Plattform 1.000×1.000, noch bis Ende Mai).

Ausstellungsansicht 360GRAZ – Eine Geschichte der Stadt
Foto: Lena Prehal

Am 1. Juni wird Schauspielerin und Theater-Regisseurin Pia Hierzegger von jenem Ort erzählen, wo sie eins „über‘n Schädl kriegt hat“, warum sie 8020 so schätzt und das Theater im Bahnhof vielmehr eine Einstellung als ein Ort ist. Über Klischees, Mode, Geschlechterrollen sprechen am 22. Juni Tuntenball-Mutti Miss Alexandra Desmond und die Gründer des Grazer Konzeptstores Crazy Home Town Arno Körbler und Stefan Krar. Dabei stolpern sie über die Tür des ersten Schwulenlokals „Café Werner“. Den Veranstaltungsreigen beendet stimmgewaltig die Musikerin Vesna Petkovic´ am 6. Juli. Sie erzählt von ihrer Flucht während des Jugoslawienkriegs, der Ankunft in Graz, wo sie sich ihre Finger mit der Band „Ivan and the Partybreakers“ in der Sporgasse/Ecke Herrengasse wundgespielt hat, und verrät uns ihre aktuellen und zukünftigen Pläne, die Relevanz der multikulturellen Musikszene und die Verwirklichung ihres Kindheitstraumes in der Grazer Oper. Sie als Zeitzeuge sind eingeladen, ihre Geschichte\n einzubringen, denn Stadt ist die Geschichte aller Bewohner.

M\Eine Graz-Geschichte\n

Eine Initiative im Rahmen der Dauerausstellung „360 GRAZ | Eine Geschichte der Stadt“

Termine jeweils 18 Uhr, Dauer: ca. 1 h

18.5., Fußballlegende Mandi Steiner & Sporthistoriker Benjamin Sikora

1.6., Schauspielerin Pia Hierzegger

22.6., Tuntenball-Mutti Miss Alexandra Desmond & Gründungsduo von CHT Graz

6.7., Vollblutmusikerin Vesna Petkovic´

GrazMuseum, Sackstraße 18, 8010 Graz

www.grazmuseum.at

#MyStoryofGraz #GrazMuseum

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