Erwin Wurm im Interview: Skulpturen für den Kopf

    Erwin Wurm im Interview: Skulpturen für den Kopf

    Foto: Eva Würdinger

    Mit seiner kommenden Ausstellung im Grazer Kunsthaus geht Erwin Wurm neue Wege. Zeitgleich setzt das Leopold Museum in Wien seine Arbeiten in Dialog mit Carl Spitzweg. „Achtzig“ sprach mit dem Künstler über Skulpturen, die man sich erst vorstellen muss, und die Magie des Zufalls.

    Text: Stefan Zavernik

    Wie herausfordernd waren die Räumlichkeiten des Kunsthauses für die Konzeption der Ausstellung?

    Die Räume sind echt schwierig, sie besitzen kein spürbares Ende. Da kann man sich schwer verorten. Wir haben für die Ausstellung sehr viel mit Licht und Lampen gearbeitet, um diese Verortung nicht so notwendig werden zu lassen. Gewisse Arbeiten wie zum Beispiel die Strickwand werden selbst zum Teil der Architektur und bleiben nicht alleinig Ausstellungsobjekt.

    Es gibt eine weitere neue Werkgruppe, die sogenannten Wortskulpturen.

    Sie machen die Ausstellung zu etwas sehr Speziellem. Es handelt sich dabei um extrem reduzierte Skulpturen, die nur mehr aus einem Satz bestehen. Ähnlich wie bei den One-Minute-Sculptures geht es bei ihnen auch darum, den Menschen eine Gebrauchsanweisung zu bieten, um die Skulptur entstehen zu lassen. Plastizität und Dreidimensionalität entstehen in diesem Fall aber nicht durch eine Performance und schon gar nicht durch eine real existierende Skulptur, sondern durch Worte, die es möglich machen, die Objekte zu imaginieren. Wir werden bei der Ausstellung Performer haben, die diese Sätze vortragen. Wird ein solcher Satz laut vorgesprochen, entsteht die Skulptur als Bild im Kopf der Menschen automatisch. Auch der Titel der Ausstellung ist eine solche Skulptur: Fußballgroßer Tonklumpen auf hellblauem Autodach. Diese Imaginationen sind auf gewisse Weise eine Fortführung der Linie, die mit meinen Staubskulpturen ihren Anfang nahm.

    Der weltweit erfolgreiche Künstler ist ab Ende März im Grazer Kunsthaus und im Museum Leopold in Wien zu sehen. Foto: Inge Prader

    Der Gedanke, sich Kunstwerke nur mehr vorstellen zu müssen, um sie real werden zu lassen, regt die Fantasie an. Ist das womöglich die Zukunft der Kunst?

    Das weiß ich nicht, aber es ist für mich ein interessanter Aspekt. Wir leben doch in einer völlig abstrusen Welt, manche Bilder kosten 30 Millionen, 100 Millionen. Das ist doch völlig abgehoben, wenn man sich überlegt, was normale Menschen verdienen.

    Haben die imaginierten Skulpturen einen Preis?

    Alles hat seinen Preis, wie wir wissen. Es wird ja auch warme Luft verkauft. Aber sie sind nicht für den Verkauf ausgelegt. Die Skulpturen entstehen nur, wenn sie vorgetragen werden. Wenn, dann könnte man nur die Idee davon verkaufen. Aber darüber habe ich mir ehrlich gesagt noch keine Gedanken gemacht.

    Auf jeden Fall eine geniale Idee. Wie so vieles. Es scheint, Sie würden geniale Einfälle am Fließband produzieren.

    Die zündende Idee ist die Ausnahme. Es gibt viele Skulpturen, die kein Erfolg werden. Einige Ideen zünden besser, andere weniger. Das ist ganz normal. Ich kann es im Vorhinein auch nie sagen, ob eine Skulptur besonders erfolgreich wird oder sich gut verkauft. Das spielt aber bei der Umsetzung absolut keine Rolle. Wenn ein Kunstwerk einmal draußen ist, entwickelt es ein Eigenleben. Das ist ein Phänomen, das mich sehr interessiert.

    Wie schwierig ist es, als erfolgreicher Künstler neue Wege zu gehen? Gab es in ihrer Laufbahn Punkte, an denen Sie Gefahr liefen steckenzubleiben?

    Die gab es ein paar Mal. Zum Beispiel als ich mit meinen Blechplastiken zur Skreiner-Zeit in Graz bereits österreichweit Erfolg hatte. Sie passten gut in die Zeit und in die Strömung der jungen Wilden, aber sie waren eben auch Ergebnis jener Vorstellung, was Kunst zu sein hat. Wir leben ja in einer Welt der Konstante, in der vieles nicht so frei ist, wie es scheint. Klar ist auch: Es gibt ein Kunstdiktat. Bestimmte Kreise diktieren, was Kunst zu sein hat. Das ist vollkommen bescheuert, aber sich davon abzukoppeln und immer wieder neue Dinge auszuprobieren ist relativ schwierig. Als ich das zum ersten Mal getan hatte, sind mir alle Galerien abgesprungen. Auch Sammler und Kuratoren konnten damit nichts mehr anfangen. Wenn aber das Prinzip einmal feststeht, dass du als Künstler ständig darum bemüht bist, dich weiterzuentwickeln, dann funktioniert es. Es wurde auch immer wieder vorgelebt, zum Beispiel von Picasso.

    Nudelskulptur (Das ist ein Vogel), 2016
    Foto: Studio Erwin Wurm

    Welche Rolle spielt der Zufall im Entstehungsprozess Ihrer Kunst?

    Ich habe die Erfahrung gemacht, dass, wenn man der Arbeit folgt, man immer wieder auf Momente stößt, bei denen man das Gefühl bekommt, dass es womöglich besser wäre, vom ursprünglichen Plan abzuweichen. Dass es besser wäre, dem nachzugehen, was sich jetzt gerade ergibt – aus dem Zufall heraus, der aufgrund des Materials oder der Entwicklung der ursprünglichen Idee heraus auftritt. Es gibt dann zwei Möglichkeiten. Entweder man hält sich strikt und stur an seine ursprüngliche Idee. Oder man geht den neuen Möglichkeiten nach. Das bringt oft erstaunliche Sachen hervor. Gerhard Richter meinte einmal, seine Bilder seien intelligenter als er selbst. Ich dachte damals, was soll das denn bedeuten? Heute weiß ich, was er meint: Es geht um die unberechenbaren Möglichkeiten, die während der Arbeit entstehen. Es gibt einen Arbeitsfluss, der einen immer weiter treibt und einem immer wieder neue Möglichkeiten eröffnet.

    Wann sind Sie auf diese Erkenntnis gestoßen? Gab es ein bestimmtes Erlebnis?

    Nein. Das hat sich vielmehr langsam so ergeben. Man lernt das Phänomen ja schnell kennen, muss aber erst die Fähigkeit dazu entwickeln, diesen Möglichkeiten nachzugehen. Das klingt zwar recht simpel, aber in Wahrheit, wenn man mit bestimmten Vorstellungen in eine Arbeit geht, ist es gar nicht so einfach, sich von diesen zu lösen. Man vertraut ja nichts anderem so sehr wie seinen eigenen Vorstellungen.

    Wie viel Zufall war bei Ihren erfolgreichsten Skulpturen ausschlaggebend. Zum Beispiel beim gequetschten Haus?

    Beim Narrow House war in der Tat Zufall im Spiel. Ich war zu einer Ausstellung in Peking eingeladen. Als man mir meine Ausstellungsräumlichkeiten zeigte, war ich regelrecht beleidigt. Ich stand in einem relativ schmalen, hohen Raum. Wie sollten meine Skulpturen hier zur Geltung kommen können? Ich war es gewohnt, in den größten Museen auszustellen, davon abgesehen sind die Ausstellungsflächen in Asien generell riesig. Zuerst wollte ich absagen, dachte mir dann aber doch, dass das keine Lösung sei. Ich überlegte mir also eine Arbeit zum Thema Enge und Gequetscht-Sein. Ich kam auf die Idee, mein Elternhaus zu zeigen. Es stammt aus einer Zeit, in der die Gesellschaft noch sehr verschlossen war. In der Schule wurde man geschlagen, und das Bundesheer war damals auch eine arge Angelegenheit. Im Grunde wurde man dauernd behindert. Diesen Zustand sollte das Haus widerspiegeln. Entstanden ist die Idee im Grunde aus einer Wehleidigkeit heraus, aus dem Gefühl der Enge. Der Zufall kann zu enormer Qualität führen. Oder ins Nichts.

    Für Napoleon war der Zufall der eigentliche Herrscher des Universums. Hatte er recht?

    Wahrscheinlich. Man braucht sich nur zu überlegen, auf welche Weise das Leben auf diesen Planeten gekommen ist. Die Zufälligkeit macht im Grunde das Prinzip des Lebens aus. Wenn es so etwas wie den sogenannten göttlichen Funken gibt, ist er wohl im unerwarteten Aufeinandertreffen von unterschiedlichen Dingen zu finden.

     


     

    Erwin Wurms Hommage an Graz: Die Skulptur sind Sie

    Die vielteilige Installation zeigt vorwiegend neue, partizipative Werke.

    Text: Natalie Resch

    Eine liegende Steinfigur von Fritz Wotruba dient einer Wurstsemmel als Ablage. Ein Lampenschirm entpuppt sich als lebendiger Mensch. Und wenn der Ausstellungsbesucher Lust hat, wird er selbst zum Ausstellungsobjekt. In Wurms Ausstellung Fußballgroßer Tonklumpen auf hellblauem Autodach „tauschen Mensch und Dinge ihre Identität“, beschreibt Kurator Günther Holler-Schuster die Vorgänge und führt aus: „Die Skulptur als Handlungsanweisung ist eine der wesentlichsten Traditionslinien, auf die man Wurms Werk beziehen muss.” Das Skulpturale sei grundsätzlich eng mit dem Performativen verbunden, die „One Minute Sculptures“ dafür das eindringlichste Beispiel. Holler-Schuster bezeichnet es als „sensationell, dass Erwin Wurm, der heuer an die 15 Einzelausstellungen von Bangkok über Brasilien bis Wien und Venedig hat, in Graz eine so avancierte Ausstellung konzipiert hat“, deren Werke sich zu einer vielteiligen Installation zusammenschließen.

    Ohne Titel, 2016
    (unter Verwendung von: Fritz Wotruba, „Liegende FIgur, 1953) Foto: Universalmuseum Joanneum / N. Lackner

    Neben vorwiegend neuen Arbeiten, zieht Wurm auch bestehende Arbeiten anderer Künstler heran und bearbeitet sie. So wie Wotrubas Skulptur, die zum Gebrauchsgegenstand wird, während das auf ihm liegende Lebensmittel als Kunstobjekt erscheint. Die Wahrnehmung selbst generiert das Kunstwerk. Das Herzstück der Ausstellung, ein 40 m langer und 4 m hoher rosaroter Pullover, wird in seiner Art der Präsentation für Überraschungen sorgen. Nach der 2002 von Peter Weibel kuratierten Schau ist die aktuelle die umfangreichste je in der Stadt gezeigte. Sie ist letztlich auch als Reflexion auf die lange Verbindung Wurms zu Graz und die frühe Anerkennung in dieser Stadt zu verstehen.

    Lampenskulptur, 2016
    Foto: Studio Erwin Wurm

    Ausstellung Erwin Wurm. Fußballgroßer Tonklumpen auf hellblauem Autodach

    24. März bis 20. August 2017 im Kunsthaus Graz, Lendkai 1, 8020 Graz

    www.kunsthausgraz.at

     


     

    Carl Spitzweg & Erwin Wurm in Wien: Köstlich! Köstlich?

    Rund 130 Jahre nach dem Tod des „beliebtesten deutschen Malers“ präsentiert das Leopold Museum die erste umfassende Ausstellung von Carl Spitzweg (1808–1885) in Österreich, dessen Werk gemeinhin in engem Konnex mit den mit der Epoche des Biedermeier verbundenen Definitionen von Beschaulichkeit, kleinbürgerliche Idylle und Spießbürgertum gesehen wird. Obwohl das Biedermeier das spezifische kulturhistorische Fluidum von Spitzwegs Oeuvre darstellt, greift die herkömmliche Definition in Fall des Künstlers bei Weitem zu kurz. Sie verhindert eine komplexere und progressivere Lesart des Spitzweg’schen Denkens und Schaffens, zu dem – wie die rund 100 präsentierten Exponate deutlich machen – auch die Analyse von sozialen Hierarchisierungen respektive Herrschaftsverhältnissen, die Durchleuchtung der Geschlechterbeziehungen oder die subtile Infragestellung von Harmonie in einer vorgeblich heilen Welt gehören.

    Carl Spitzweg, „Der arme Poet“, 1838
    Foto: Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg/Monika Runge

    Um das Bild Spitzwegs als „harmlosen“ Biedermeierkünstler zurechtzurücken und bisher nicht ausgeschöpfte Rezeptionspotenziale zu erschließen, fokussiert die Ausstellung explizit auf das gesellschafts- und zeitkritische Werk des Künstlers. Gleichzeitig erschließt die Auseinandersetzung mit Spitzwegs Werk die Aktualität seiner Themen, die sich in der „Generation Biedermeier“ des 21. Jahrhunderts wiederfinden. An dieser thematischen Schnittstelle treten Spitzwegs Gemälde und Zeichnungen im Kontext der Ausstellung in einen Dialog mit zehn präzisegesetzten fotografischen wie skulpturalen Interventionen des österreichischen Gegenwartskünstlers Erwin Wurm (geb. 1954). Ähnlich der Spitzweg’schen Manier weist auch Wurms Werk vielfältige Facetten der Poesie und Idylle, des Humors und der (Selbst-)Ironie auf und ist reich an politischen und kulturanaly-tischen Anspielungen. Beide Oeuvres verbindet ein kritisch-reflektierter Humor, der als Waffe eingesetzt, den Alltag aus anderer Perspektive zeigt und damit vielschichtige Dimensionen evoziert. Der pochenübergreifende, dialogische Ansatz der Ausstellung lässt sich über die einzelnen thematischen Kapitel der Präsentation nachverfolgen. So treten die kleinstädtischen Bilder Carl Spitzwegs, die durch eine präzise und detailreiche Konzeption getragen sind, im ersten Raum in einen Dialog mit Erwin Wurms Arbeit Narrow House von 2010.

    Erwin Wurms „Narrow House“ wird im Leopold Museum zu sehen sein.
    Foto: Bildrecht, Wien, 2017

    Ausstellung Carl Spitzweg _ Erwin Wurm. „Köstlich! Köstlich?“

    25. März bis 19. Juni 2017 im Leopold Museum, Museumsplatz 1, 1010 Wien

    www.leopoldmuseum.org

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