RING AWARD 17: Die Zukunft des Musiktheaters

RING AWARD 17: Die Zukunft des Musiktheaters

Foto: Lupi Spuma

Am 24. und 25. Juni ist es so weit: Der international renommierte Wettbewerb für Regie & Bühnengestaltung geht in Graz ins große Finale. „Achtzig“ nahm die Finalisten des RING AWARD 17 genauer unter die Lupe.

Seit dem ersten RING AWARD im Jahre 1997 ist viel passiert. Aus der Idee eines Musiktheaterwettbewerbs für Regie und Bühnenbild ist das international renommierteste Sprungbrett für all jene jungen Talente entstanden, die eine Karriere als Regisseur oder Bühnenbildner anstreben. Organisiert wird der aussagekräftige Wettkampf von einem aus zum größten Teil ehrenamtlichen Mitarbeitern bestehenden Organisationskomitee. Heuer in seinem 8. Durchgang, wird der RING AWARD alle drei Jahre in Graz ausgetragen und erhält durch die Teilnahme von Künstlern und Jury-Mitgliedern aus der ganzen Welt eine starke internationale Dimension. Als Jury fungie­­ren zahlreiche Intendanten europäischer Opernhäuser. Durch seine Verankerung im Wagner Forum Graz wurden in den ers­ten RING AWARDS noch Wagner-Werke als Herausforderung für die Teilnehmer he­rangezogen, später weitete sich das Spektrum immer mehr aus. Im heurigen Jahr stehen die jungen Künstler vor der Herausforderung, das italienische Lustspiel Don Pasquale zu inszenieren. „Humor ist in der Oper etwas ganz, ganz Wichtiges“, so Heinz Weyringer, Vorsitzender des WAGNER FORUM GRAZ und RING-AWARD-Intendant. „Es soll und darf gelacht werden. Das Publikum begibt sich in den Saal und genießt. Diese Oper ist aber nur auf den ersten Blick simpel angelegt, denn das Stück ist schwierig zu inszenieren und somit eine tolle Herausforderung für junge Regisseure.“ Insgesamt 89 Teams haben sich für den RING AWARD 2017 beworben, die drei Finalisten-Teams sind nun mit ihren Ideen am 24. und 25. Juni live im Schauspielhaus Graz zu ­erleben.

Heinz Weyringer (Mitte) und die drei Teams aus dem Semifinale, die nun fürs Finale am 24. und 25. Juni 2017 im Schauspielhaus Graz nominiert sind.
Foto: Lupi Spuma

Diagnose: Neurotische Oper!

Der junge Regisseur Valentin Schwarz aus Österreich wird Don Pasquale gemeinsam mit Andrea Cozzi aus Mailand inszenieren. Schwarz studierte Musiktheater-Regie in Wien. Zu seinen Inszenierungen zählen Haydns L’Infedeltà delusa am Studiotheater Belvedere, Herzog Blaubarts Burg und Carmen am DNT We­imar und Lehárs Giuditta als prämierte Diplom­inszenierung. Er arbeitet als Assistent in den Opernhäusern Weimar, Mannheim und Stuttgart. 2018 wird er mit Andrea Cozzi in der Kammer­oper am Theater an der Wien Mozarts Così fan tutte in Szene setzen. Cozzi studierte bildende Kunst und Bühnen­bild an der Universität für Angewandte Kunst in Wien. Als Bühnenbildner arbeitete er unter anderem für das Nationaltheater Skopje, das Theater Regensburg, das Deutsche Nationaltheater Weimar, Halle E, die Neue Oper Wien und die Neue Studiobühne Wien. Er lebt und arbeitet in Wien. Schwarz und Cozzi sind davon fasziniert, gemeinsam Wahrheiten auf der Opernbühne zu entdecken. „Wir träumen von einem Don Pasquale, der uns in ein Paralleluniversum entführt, wo Wahnsinn als Wirklichkeit gilt. Die Titelfigur steht einer verschworenen Außenwelt verloren gegenüber – zwischen inneren Zwängen und Phantasmen. Um den widersprüchlichen Charakteren, ihren tragikomischen Schicksalen und der differenzierten Musiksprache Donizettis adäquat zu begegnen, nutzten wir psycho-pathologische Methoden zur Analyse. Diagnose: Don Pasquale ist eine zutiefst neurotische Oper.“

Foto: Lupi Spuma

Ein Geduldspiel

Zum dreidimensionalen Geduldspiel wird die Don Pasquale-Inszenierung durch Barbora Horáková Joly und Cornelia Schmidt. Barbora Horáková Joly studierte Gesang, anschließend folgte ein Regie-Studium in München. Sie assistierte am Theater Basel. Seitdem arbeitet sie freischaffend und inszenierte zuletzt Pelléas et Melisande an der Den Norske Opera & Ballet sowie L‘Orfeo am Teatro Arriaga Bilbao. Cornelia Schmidt studierte Architektur und assistierte in Kassel, Basel und Frankfurt. Vor kurzem realisierte sie das Bühnenbild zu Vatersprache in Frankfurt. In der Inszenierung der beiden jungen Künstlerinnen blicken die Zuseher in die Zeit der Samtenen Revolution Ende der Achtziger. Don Pasquale erhält im Zuge der Restitution sein Haus zurück. Dr. Malatesta – ein alter Freund der Familie und Anwalt – wickelt das ab und beginnt damit, einen perfiden Plan zu entwickeln. Er lässt sich durch ein Spielzeug – Rubiks Würfel – inspirieren und wird zum Spielmacher, der alles strukturiert. Die beteiligten Charaktere werden zu Spielfiguren, indem er sie in verschiedene Situationen hineinmanövriert. Ein Wechsel von Bildern baut neue Szenerien um sie herum auf. Alles scheint sich zu verändern. Die Geschichte nimmt ihren Lauf und wird zum Geduldsspiel. „Zum Kern unseres Konzeptes werden sogenannte Erwachsenenspiele. Jene Art von Rollenspiel, in dem – auch ohne soziale Notwendigkeit, Konvention und Nutzen – Rollen eingenommen bzw. ‚gespielt‘ werden. Ein Paradebeispiel für ‚Erwachsenenspiele‘ sind Reality-TV-Phänomene wie ‚Big Brother‘. Die Prinzipien solcher Spiele beruhen auf einer 24-stündigen Beobachtung der Spieler und deren Psyche. Um sie herum entfaltet sich das Netz der persönlichen Beziehungen und der Handlung. Die Emotionen und psychologischen Vorgänge werden zum wichtigsten Werkzeug des Spiels.“

Schauspielhaus Graz Intendantin Iris Laufenberg, RING AWARD Initiator Heinz Weyringer und Oper Graz Intendantin Nora Schmid.

Wie wertvoll ist ein Traum?

Jemanden seines Traums zu berauben, ist für das Finalisten-Team aus Russland ähnlich, wie einem schwer kranken Patienten die Sauerstoffzufuhr zu unterbinden. Die beiden präsentieren eine Opera Buffa, eine komische Oper, in welcher der bitter bereute Verrat eines Traums auf den Übermut des Witzbolds und die Geringschätzung des Alters trifft. „Wir versuchen, Don Pasquales Zustand unter Berücksichtigung der letzten Dekade in Donizettis Leben zu untersuchen. Nicht weil wir über seine grausame Erkrankung mutmaßen wollen, sondern um die Art des Betrugs durch die, denen er vertraute und an die er glaubte, aufzuzeigen und zu sezieren.“ Sergei Morozov ist Regieassistent am Kolobov Novaya Opera Theater of Moscow. 2015 graduierte er als Opernregisseur am Russian State Institute of Theatre Arts und arbeitete an einigen Opernhäusern und Theatern wie am Kolobov Novaya Opera Theater. Die Bühnenbildnerin Sasha Alexeeva wurde in Moskau geboren. Bis 2005 besuchte sie die Musikschule für Kinder „Vesna“. 2011 graduierte sie an der Psychologischen Fakultät der Russian State University for the Humanities. 2015 schloss sie das Studium an der Fakultät für Bühnengestaltung und Theatertechnik an der Moscow Art Theater School erfolgreich ab.

Foto: Lupi Spuma

RING AWARD 17 – Das Finale

Sa, 24. Juni, ab 10 Uhr; So, 25. Juni, ab 10.30 Uhr; Schauspielhaus Graz

Für das Finale des RING AWARD 17 gibt es einen Generalpass. Besitzer sind zur feierlichen Eröffnung eingeladen, können die Aufführungen der Finale-Teams erleben und haben Zutritt zur Preisverleihung. Preis: freiwillige Spende

 


Heinz Weyringer im Interview: Eine Opernproduktions-Börse

Es gibt viele Bühnenwettbewerbe, aber weltweit nur einen RING AWARD. „Achtzig“ bat ­Initiator Heinz Weyringer zum Interview.

Wodurch hebt sich der RING AWARD von allen anderen Bühnenwettbewerben ab?

Ziel des RING AWARD ist es, junge Regieassistenten von den Tätigkeiten der reinen Assistenz hin zu eigenen Produktionen zu bringen. Im Vergleich zu anderen Bühnenwettbewerben erhalten unsere Finalisten die Möglichkeit, ihre Ideen auf der Bühne real umzusetzen: mit echtem Bühnenbild, jungen Sängerinnen und Sängern und musikalischer Begleitung.

Obwohl der RING AWARD als Wettbewerb konzipiert ist, gilt er dennoch als Talenteschmiede. Warum?

Das hat mit zwei Punkten zu tun, die wir im Laufe der Zeit immer weiter verbessern konnten. Zum einen ist unser Wettbewerb in drei Stufen eingeteilt. In eine Bewerbungsphase, eine Präsentationphase und in eine finale Aufführungsphase. Der RING AWARD ist somit kein reiner Wettbewerb, sondern genauso eine wertvolle Vorbereitung auf die spätere Karriere. Die angehenden Regisseure präsentieren ihre Stücke auf eine Weise, wie sie es später bei den Intendanten der unterschiedlichen Häuser tun werden. Der zweite ausschlaggebende Punkt ist, dass wir auf das Probeinszenieren großen Wert legen. Es hat sich gezeigt, dass manche junge Regisseure zwar ganz tolle Projekt-Ideen haben, aber dann mit jungen Sängerinnen und Sängern nicht arbeiten können. Es hapert oft bei der Umsetzung. Beim Semifinale gibt es deswegen eine Stunde lang für jedes Team die Möglichkeit, mit jungen Sängerinnen der Kunstuni probehalber zu inszenieren. Da sieht man, wie die angehenden Regisseure mit Menschen umgehen können.

Heinz Weyringer
Foto: Lupi Spuma

Was macht Talent für Regie und Bühnengestaltung eigentlich aus?

Man erkennt es daran, wie sich die Teilnehmer bei jeder der einzelnen Stufen im Wettbewerb präsentieren. Zuerst müssen Kreativität und gute Ideen erkennbar sein. Dann muss auch die Präsentation klappen und die Idee erfolgreich verkauft werden. Und schlussendlich muss auch der praktische Teil bewältigt werden – hier sehen wir oft die größte Kluft. Da braucht es Souveränität, Erfahrung und die Fähigkeit, mit den Menschen auf der Bühne umgehen zu können. Wenn alle drei Dinge passen, kann man von einem großen Talent sprechen.

Der RING AWARD hat sich zu einem international renommierten Sprungbrett für junge Talente des zeitgenössischen Musiktheaters entwickelt. Was bedeutet der 1. Preis für die Karriere des Gewinner-Teams?

Im Grunde garantiert der 1. Preis die Basis für eine darauffolgende erfolgreiche Karriere als Regisseur. Unsere Gewinner bekommen Aufträge für Produktionen. Kein Wunder, denn sie stehen drei Mal hintereinander im Licht der Aufmerksamkeit unter den führenden Intendanten europäischer Opernhäuser. Jeder, der ins Semifinale kommt, ist bereits gut, alle, die im Finale stehen, sind außergewöhnlich. Der erste Preis ist eine Produktion an der Oper Graz. Wobei die Intendantin über Stück und Zeitpunkt und eventuell auch Kostümbilder entscheiden kann. Hinzu kommen Sonderpreise in Form von Inszenierungen verschiedener Theater und Opernhäuser sowie Geldpreise von Stadt und Land.

Beim diesjährigen Wettbewerb waren 89 Teams mit insgesamt 200 Personen am Start. Wie viele Bewerbungen gab es in der Geschichte des RING AWARD insgesamt?

In den 8 bisherigen Wettbewerben haben wir über 1.260 Bewerbungen erhalten. So gut wie jeder junge deutsche Regisseur hat den RING AWARD als Teilnehmer selbst erlebt.

Foto: Lupi Spuma

Die Jury des RING AWARD ist das Who is who der internationalen Intendanten-Szene: Wie gelingt es, eine so hochkarätige Besetzung an Bord zu holen?

In den ersten Jahren des Wettbewerbs war es gar nicht so einfach, solche Leute an drei verschiedenen Terminen nach Graz zu bringen. Es war schwierig, aber man dachte sich wohl, es ist eine tolle Idee, die unterstützt gehört. Jetzt ist es so, dass sich viele Intendanten in die Jury „drängen“, sie bewerben sich nahezu. Hier sieht man auch den Erfolg des Wettbewerbes, der die größten Talente aus den Bereichen Regie und Bühnenbild nach Graz bringt. Die Stadt verwandelt sich in eine große Produktionsbörse. An die 20 Intendanten aus ganz Europa kommen für drei Tage zusammen, tauschen sich aus und sichten die größten Talente für ihre eigenen Programme.

Was sagt der Wettbewerb über die Zukunft des Musiktheaters aus?

Er zeigt klare Tendenzen. Es ist auf der einen Seite klar zu erkennen, dass das Optische immer ausschlaggebender wird. Und auf der anderen Seite kommt dem Gedanklichen immer mehr Bedeutung zu. Das heißt, der Zuseher sollte seinen Kopf nicht an der Garderobe abgeben und sich dann von der Vorstellung nur mehr berieseln lassen. So steigt vermutlich die Quote, aber der Tiefgang, den Oper haben kann, bleibt auf der Strecke. Junge Regisseurinnen und Regisseure wollen, dass sich der Zuseher vor der Aufführung mit dem Stück auseinandersetzt. Dieser soll wissen, worauf er sich einlässt, um das Stück wirklich voll auskosten zu können. Um das Publikum mit auf die Reise zu nehmen, sind Einführungen vor den Aufführungen sicher die große Chance für die Zukunft. Und: Die Zukunft der Regie ist ganz klar weiblich. Der größte Teil unserer Teilnehmer besteht aus Frauen, und das tut der Oper einfach gut.

In diesem Jahr wird auch der MORTIER AWARD, der von Ihnen und Albrecht Thiemann, Redakteur des Fachmagazins Opernwelt, initiierte Preis, zum zweiten Mal vergeben. Welche Botschaft steht hinter dem Preis?

Mit dem Preis werden Persönlichkeiten ausgezeichnet, die sich im Sinne des Namensgebers um ein Musiktheater als existentielle Erfahrung, als ein sich ständig erneuerndes Labor des Menschlichen bemühen. Der biennal vergebene MORTIER AWARD soll künftig von einem Förderpreis von 30.000 Euro für junge Künstlerinnen und Künstler flankiert werden. Wir planen, das erste Stipendium 2018 vergeben zu können.

Foto: Lupi Spuma
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