Graz entdeckt die Lust am Gehen: Auf die Füße, fertig, los

Graz entdeckt die Lust am Gehen: Auf die Füße, fertig, los

Foto:_ Robert Krist

Sie tragen uns nicht nur vom Schloßberg in die Herrengasse, sondern auch weit über die Grazer Innenstadt hinaus: unsere Füße. Als natürlichstes aller Fortbewegungsmittel brauchen sie weder Sprit noch Schloss, Sattel oder Reifen. Auch Grazer Kulturschaffende sind gerne zu Fuß unterwegs.

Viele kluge Köpfe wussten bereits vor unserer Zeit um den erholsamen Wert des Spazierengehens. Friedrich Nietzsche etwa unternahm stundenlange Runden, bei denen er stets ein Notizbuch mit sich trug. „So wenig als möglich sitzen; keinem Gedanken Glauben schenken, der nicht im Freien geboren ist und bei freier Bewegung“, schrieb der Philosoph in seiner 1908 veröffentlichten Biographie Ecce Homo. Auch Johann Wolfgang Goethe war ein begeisterter Spaziergänger, der seinen Faust auf einen Osterspaziergang schickte und den jungen Werther auf Streifzüge durch die Natur. Heutzutage verbringen viele Menschen ihren Tag vor einem Bildschirm sitzend und sehnen sich nach mehr Bewegung. Aber nur ein Drittel der Grazer ist regelmäßig zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs. Das geht aus der Mobilitätserhebung aus dem Jahr 2013 hervor. „Wir haben uns an die Dominanz des Autoverkehrs gewöhnt, sie ist zum ‚Normalzustand‘ geworden“, stellt Gernot Rath fest.

Gernot Rath
Foto: pixelworker.com

Der Leiter der Kultur- und Kommunikationsabteilung des ORF Steiermark legt nahezu sämtliche seiner Wege zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurück. „Das Stadtbild ist meist von asphaltierten Fahrbahnen und Flächen geprägt. Weil die Durchschnittsgeschwindigkeit für Autofahrer in Innenstädten weit unter dem gemütlichen Radfahrtempo liege, sei der tägliche Autofahrer-Stau-Frust vorprogrammiert. Wer es sich leisten kann, auf das Auto zu verzichten, sei der Glücklichere. „Die Lebensqualität in Städten würde durchaus steigen, wenn passionierte Kfz-Benutzer kurze Strecken anstatt mit ihrem Fahrzeug zukünftig zu Fuß zurücklegten“, bekräftigt auch der Grazer Verkehrspsychologe Dieter Krainz. Menschen, die selten gehen, neigen dazu, Distanzen zu überschätzen. Dabei lassen sich die meisten Wege zu Fuß wesentlich schneller bewerkstelligen als angenommen. Vom Hauptplatz aus benötigt man etwa nur 20 Minuten bis zum Bahnhof. Alles in allem sprechen viele gute Gründe dafür, sich öfter auf die eigenen Beine zu stellen.

Gesundheit

Gehen beansprucht den ganzen Körper, ohne dabei einzelne Gelenke zu überlasten. Ein schneller Spaziergang erhöht den Puls, stärkt Knochen und Atemwege. „Abgesehen davon, dass sich das Gehen auf das Herz-Kreislauf-System positiv auswirkt, fördert es zusätzlich das seelische Wohlbefinden“, so Dieter Krainz.

Außerdem vermag regelmäßiges Zufußgehen das tägliche Sportpensum in den Alltag zu integrieren. „Probleme lassen sich besser bewältigen und das kreative Denken wird gefördert“, fügt der Lungenfacharzt Andreas Pfleger hinzu. „Inzwischen weiß man, dass sich bei schnellem Gehen auch die Hirndurchblutung verbessert.“ Das wiederum habe positive Auswirkungen auf die kognitiven Hirnfunktionen.

Inspiration

„Gehen beruhigt und macht den Kopf frei“, schildert Nikolaus Lechthaler. Der Schauspieler, Regisseur und Inhaber des Theaters Lechthaler-Belic bewegt sich hauptsächlich zu Fuß durch Graz. Die langsame Art der Fortbewegung inspiriert ihn auch in kreativer Hinsicht. „Man kann seinen Gedanken nachhängen, Text memorieren, neue Ideen reifen lassen.“

Entschleunigung

„Gehen interessiert mich vor allem als Entschleunigung“, erklärt Veronica Kaup-Hasler. Die Intendantin des steirischen herbst entdeckt auch auf altbekannten Wegen immer wieder etwas Neues. „In letzter Zeit habe ich mich oft bewusst für das Gehen entschieden, um dem ständigen Sitzen zu entkommen.“ In der Stadt benütze sie das Auto kaum, denn das sei ökologisch und auch zeittechnisch nicht vertretbar. „Die gewonnene Zeit muss wieder in die Suche nach einem Parkplatz investiert werden. Da ist man als Fußgänger einfach flexibler.“

Veronika Kaup-Hasler, Intendantin des steirischen herbst.
Foto: JJKucek

Aufmerksamkeit

Gehen macht uns aufmerksamer für Veränderungen in der Stadt. So entdecken wir etwa beim Warten an der Ampel die Plakat­ankündigung unserer Lieblingsband oder stoßen zufällig auf den neuen Bücherladen an der Ecke. Je mehr man zu Fuß geht, desto eher kommt man mit bisher unbekannten Menschen ins Gespräch. Beim Gehen bemerken wir Veränderungen, die wir hinter der Windschutzscheibe nicht wahrnehmen. „Die Bewegung zu Fuß, entkoppelt von der Schnelllebigkeit, eröffnet Eindrücke des urbanen Stadtgefüges, welche sonst im Verborgenen bleiben“, erklärt der Architekt David Colle, der besondere Augenblicke gerne mit seiner Kamera festhält. „Man blickt durch die gewachsenen Strukturen der gesellschaftlichen Vergangenheit und fühlt einen kreativen Geist.“ Das kann auch Sascha Pseiner, Fotograf und Gründer des Künstlerkollektivs Bergschaf bestätigen: „Zufußgehen bietet mir die Möglichkeit, eine neue und aufregende Perspektive der Stadt zu bekommen. Auch die Chance, auf interessante Menschen zu treffen, ist durch das langsamere Vorankommen erheblich höher, was seinen ganz eigenen Charme hat.“

Foto: Fischer

Umweltschutz

Gehen schont die Umwelt und die Geldtasche. Durch die Kessellage leidet Graz besonders unter der Belastung durch Feinstaub und andere Luftschadstoffe. Dieselmotoren verschärfen die Problematik und Parkplatzsuche, Stau und Einbahnen tun ein Übriges dazu. Beim Starten verbraucht der kalte Motor viel Treibstoff. Der Verzicht aufs Auto macht daher gerade bei Kurzstrecken Sinn. Zu guter Letzt: Gehen kostet nichts. Um einfach drauflos zu gehen, braucht man weder ein Fitness-Abo noch teure Geräte. Und das Kleingeld ist in Kaffee und Kuchen wirklich besser investiert als in den Parkautomaten. Zwar muss so mancher Grazer erst von den Vorteilen des Zufußgehens überzeugt werden. Gernot Rath jedoch träumt von einer spritfreien Zukunft und ist sich sicher: „Die Phantasten von heute schaffen die Realitäten von morgen. Sanft ist die intelligente und elegante neue Mobilität und unaufhaltsam sind ihre Wege.“

 

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