Irmgard Schaumbergers Keramikkunst: Aus der Geschichte sprengen

Irmgard Schaumbergers Keramikkunst: Aus der Geschichte sprengen

Schaufenster, Wies, 2003 Foto: Irmgard Schaumberger

Keramik ist jeden Tag am Tisch. Bei Irmgard Schaumberger wird das erdige Ausgangsmaterial in einen anderen Kontext gestellt und daraus Kunst aus reiner Sprache und gestalteter Tonerde.

Dann und wann erringt das erdige Material Ton den Rang eines künstlerischen Gestaltungsmittels und seine gewohnte Verwendung am Esstisch tritt in den Hintergrund. Ganz abgesehen von den vielen anderen Verwendungsmöglichkeiten. Aber Tonkunst, also Kunst mit Ton (ohne Noten), wird nicht nur von gestaltenden Händen und rotierenden Scheiben in Form gebracht. Das Werk von Irmgard Schaumberger ist vielmehr, mit aller Zurückhaltung, ein philosophischer Kanon aus reiner Sprache und gestalteter Tonerde. Und Gegenstand einer sich in Arbeit befindenden Publikation.

Work in progress

Die Steirische Kulturinitiative hat bereits 2001 ein Projekt der Keramikkünstlerin Schaumberger mit Heinz Etzelt begleitet und publiziert: SYNCHRON. Ein schmales Bändchen, in dem Frauenbildnisse in bildhaften Interpretationen von Schaumberger und Etzelt, dem in einer steirischen Kunstwerkstatt arbeitenden Autisten, vereinigt wurden. Sie wurden auch auf schweren Tonplatten wiedergegeben und ausgestellt. „Nun sind wir“, so Kulturinitiative-Programmchef Herbert Nichols-Schweiger, „mitten in einem unverkennbar umfangreicheren Arbeitsprozess“. Und dieser wird auch wieder in eine Publikation münden. Es geht darin um ein beachtliches Werk, das mit jedem anderen Kunstmaterial Schritt halten kann. Man könnte es auch einen Emanzipationsprozess nennen, der im Vergleich mit der Werkssammlung für Irmgard Schaumberger bestenfalls das Sahnehäubchen auf einer wohlgelungenen Torte sein dürfte. Immerhin produziert sie in der Regel jährlich mindestens eine Ausstellung. Immer mit neuen Projekten bestückt. Immer dem Material und dem Sprachvermögen abgerungen. Um diese Dualität geht es Irmgard Schaumberger.

„Aromapanorama – Blick ins Glashaus“, Bad Gleichenberg, 2011-2013 Foto: Evelyn Kraus

Verschiedene Zugänge schaffen

„Die Erinnerung setzt ein mit Erdäpfel- acker und Fensterkitt. Das war, als Himbeersaft und Wurstbrot noch miteinander harmonierten“, so Schaumberger. Also zu einer Zeit, wo sie das knetbare Material aus den Fensterfugen kratzte und für ihre „Fingerübungen“ nützte. 1992 hielt sie fest: „Nun ist der Ton ein stummer Schrei geworden, ein ewiges Lächeln, eine Verfremdung, ein plötzliches Ahnen, eine Herberge, ein zerschundenes Dach.  Keramik, weil sie alles beinhaltet: die Zeichnung, die Form, die Farbe, das In-sich, das Außen und das Dazwischen. Ungebrannt ein Vergängliches, gebrannt ein Ewiges, wenn wir Scherben ausgraben. Er ist das Urmaterial, das sich selbst lebt und uns zulässt, ihm eine Silhouette zu geben.“ Das noch nicht ganz nahe Ziel dieses Projekts der Steirischen Kulturinitiative ist für Kuratorin Evelyn Kraus „verschiedene Zugänge, die sich teilweise überschneiden, teilweise überkreuzen, freimachen, anschaulich zu machen.“ Kraus darf man mit Recht Kuratorin nennen, sie ist es im echten Sinn des Wortes: Sie sorgt sich mit aller Kenntnis, Empathie und Kraft für ein künstlerisches Werk. Und sie weiß, dass in der Kooperation mit Künstlern für deren Darstellung am meisten Verständnis zu erreichen ist.

Die Keramikkünstlerin Irmgard Schaumberger im wundersamen Garten von Bomarzo.
Foto: Bernd Schmiedel

Eine Publikation im Entstehen

Mit Irmgard Schaumberger ist es Kraus gelungen, für die sich im Entstehen befindende Publikation auch einen Beitrag von Bodo Hell zu gewinnen: eine literarische Besonderheit. Sein Text ist eine „Verquickung aus einer Reise durchs Leben, die von einer absoluten Bedeutung der Arbeit, des Werks geprägt ist“, so Kraus. Hell ist kein Kunsttheoretiker, kein Historiker, Hell ist Schriftsteller, der imstande ist, aus der Wirklichkeit zu schöpfen und ihr eine sprachliche Gestalt zu geben. Darüber hinaus wird es an einer kunsthistorischen Zugangsweise nicht fehlen. Und alle diese, teilweise noch geplanten Beiträge werden helfen, das Werk Schaumbergers klarer zu sehen. Sie selbst ist da ganz radikal: „Meine Prämisse ist, die Keramik aus ihrer Geschichte sprengen und in einen anderen Kontext stellen.“

Die Keramikarbeit „Google Sprechen“
Foto: Irmgard Schaumberger
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