Alexia Getzinger, zukünftige kfm. Direktorin des UMJ, im Interview

    Alexia Getzinger, zukünftige kfm. Direktorin des UMJ, im Interview

    Alexia Getzinger Foto: steiermark.at/Streibl

    Mit Jänner 2018 tritt Alexia Getzinger ihren Job als neue kaufmännische Direktorin des Universalmuseum Joanneum an. „Achtzig“ sprach mit ihr im Vorfeld über ihre Zielsetzungen, Ideen und Visionen. Und über ihre turbulente Bestellung.

    In naher Zukunft werden Sie für ein Budget von rund 30 Millionen und mehr als 420 Personen verantwortlich sein. Konnten Sie sich im Zuge Ihrer Bewerbung schon ein genaues Bild des Unternehmens machen?

    Um sich ein detailliertes Bild zu machen, war noch keine Gelegenheit. Meine Tätigkeit für das UMJ werde ich erst im Jänner 2018 antreten. Bis zu diesem Zeitpunkt bin ich noch Vizepräsidentin im Landesschulrat und habe mich um diese Aufgabe zu kümmern. Im Zuge des Ausschreibungsverfahrens und meiner Bewerbung habe ich mich aber natürlich mit dem Geschäftsbericht des Unternehmens und dem Bericht des Landesrechnungshofes genau auseinandergesetzt und konnte mir so einen ersten Überblick verschaffen. Das UMJ wurde bisher sehr gut geführt, verfügt über tolle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und ebenso gute Konzepte in den einzelnen Häusern. Dennoch habe ich natürlich eigene Ideen, auf deren Umsetzung ich mich schon sehr freue. Ich kenne die steirische Kulturszene aus meinen bisherigen Tätigkeiten sehr gut und bin außerordentlich glücklich, diese nun in meiner neuen Rolle weiterhin mitzugestalten.

    Um Ihre Bestellung gab es medial großen Trubel. Geschrieben wurde unter anderem von politischem „Postenschacher“. Wie sehr hat Sie die Berichterstattung persönlich getroffen? Und: War sie für Sie nachvollziehbar?

    Ich habe die Kritik nur in der zweiten Ableitung auf meine Person gerichtet betrachtet und habe versucht, mir das nicht zu Herzen zu nehmen, um mich emotional abzugrenzen. Wie man für eine Institution wie das UMJ ausschreiben sollte und wie das damit einhergehende Verfahren auszusehen hat, ist eine Frage, über die man nachdenken darf. Damit habe ich kein Problem. Die Zeitungen haben in meinen Augen das UMJ als passendes „Vehikel“ benutzt, um diese Diskussion anzuheizen. Und ich kann es auch keiner Journalistin und keinem Journalisten verübeln, meine Bestellung anders zu interpretieren als jene, die mich bestellt haben. Ich hätte mir das Ganze aber in dieser Heftigkeit nicht gewünscht, das können Sie mir glauben. Niemand hat damit etwas gewonnen.

    Nun geht es darum, sich auf die neue Herausforderung zu konzentrieren: Was sind die wesentlichen Aufgaben der kaufmännischen Direktorin des UMJ?

    Als kaufmännische Direktorin hat man sehr klare Aufgaben vor sich:  Es geht ums Geld. Oberstes Ziel dabei ist es, ausgeglichen zu bilanzieren und ein dafür notwendiges Budget zu erstellen. Und natürlich geht es auch darum, Gelder freizumachen, um neue Projekte im Haus entwickeln zu können.

    Foto: steiermark.at/Streibl

    Wie stehen Sie zum bisherigen Finanzierungsmodell des Museums?

    Es ist mir ein wichtiges Anliegen, auf der Einnahmenseite etwas zu bewegen. Ich halte nichts davon, sich ausschließlich auf die öffentliche Hand zu verlassen. Hier kann sich jederzeit etwas zum Negativen verändern. Ich hoffe zwar, dass alles positiv weitergeht, doch möglich ist alles. Das sollte man klar vor Augen haben. Was öffentliche Kunst- und Kultureinrichtungen in ganz Österreich betrifft, herrscht hier eine nicht mehr zeitgemäße Haltung. Zu glauben, aufgrund öffentlicher Subventionen von jeglicher Wirtschaftlichkeit entbunden zu sein, ist für mich kein nachhaltiges Konzept. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, öffentliche Förderungen sind weiterhin unsere Existenzgrundlage, ohne diese wäre das UMJ nicht umsetzbar, doch man sollte nach meinem Gefühl in Zukunft versuchen, unternehmerischer zu denken. Es gibt hier für mich nur einen möglichen Weg und der führt über eine verstärkte ­Akquisition von Drittmitteln.

    Wie viel Potenzial erkennen Sie für das UMJ im Bereich des Sponsorings? Gibt es schon eine konkrete Zielsetzung? Und welchen Anteil hatten Drittmittel bisher im Budget?

    Festlegen möchte und kann ich mich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Ich stelle nur fest, dass von unserem Gesamtbudget „nur“ 300.000 Euro in Form von Sponsoring hereingespielt werden. Ein Teil wird durch Erlöse und der Hauptpart durch öffentliche Förderungen finanziert. Daran soll, kann und muss man arbeiten.

    Wie kann eine solche Steigerung gelingen?

    Für diese Aufgabe braucht es gute Kontakte und ein gutes Netzwerk. Es ist hilfreich, wenn man viele Menschen kennt, auf die man direkt zugehen kann. Ich denke, dass ich diese Voraussetzung mitbringe. Das war auch ein wesentlicher Mitgrund, warum ich als neue kaufmännische Direktorin bestellt wurde.

    Blick auf das Universalmuseum Joanneum.

    Es heißt, dem Universalmuseum fehle es an einem schlagkräftigen Marketingbudget, wenn man es in Relation zur Größe der Institution stellt. Wird sich daran unter Ihrer Leitung etwas ändern?

    Hier kenne ich noch keine genauen Zahlen. Ich weiß nur, dass wir über ein wirklich gutes Marketing- und Presseteam verfügen, auf das ich mich schon sehr freue. Aber es sollte zweifellos ein Ziel sein, das UMJ im Stadtbild noch omnipräsenter werden zu lassen. Graz sollte vom zweitgrößten Museum Österreichs wesentlich deutlicher gebrandet sein. Das war auch Teil meines Konzeptes im Zuge meiner Bewerbung. Doch oft genügen dafür kleine unvermutete Interventionen im Stadtbild, um etwas zu optimieren. Im Grunde hätte man in Graz an jeder Ecke die Gelegenheit, über das UMJ im positiven Sinne zu stolpern. Nur viel zu oft übersieht man diese Gelegenheiten. Hier kann auch viel passieren, ohne dafür ein Vermögen für klassische Werbung auszugeben. Für ein Haus wie das UMJ sollte so etwas wie Guerilla-Marketing eine Rolle spielen. Erst kürzlich war ich in London und habe eine Vorstellung in einem großen angesehenen Theater besucht. Vor dem Haus stand ein simpler Aufsteller, auf dem ein riesiges Foto von Tom Cruise zu sehen war. Darunter stand: „Tom Cruise will not be appearing at this performance.“ So etwas bleibt in Erinnerung, das finde ich gut! Solche Ideen würde ich mir auch für uns wünschen. Kreatives Marketing bleibt in Erinnerung und damit auch die Marke des jeweiligen Unternehmens. Die Identität unserer einzelnen Häuser würde viel Raum für so etwas bieten. Die Frage ist nur: Wie heiter ist das UMJ? Wie heiter darf es sein?

    Ein breites Trommelfeuer, was die Werbung betrifft, braucht es in Ihren Augen gar nicht, um mehr Besucher zu generieren?

    Außenwerbung in Form von klassischen 16-Bogenplakaten wird ja bereits gebucht. Hier stellt sich nur die berechtigte Frage, wem diese auffällt. Womöglich sollte man diese Werbeform für die Zukunft generell überdenken. Denn wer nimmt sie heute noch wahr? Da erkenne ich durchaus spannendere Chancen mit unserem Institut für Kunst im öffentlichen Raum.

    Welche Rolle werden wissenschaftliche Inhalte in Ihrem Aufgabenbereich spielen?

    Ich bin nicht die wissenschaftliche, sondern die kaufmännische Leiterin des Universalmuseums. Dennoch wird es genauso an mir liegen, mich grundsätzlichen Herausforderungen in unserer Institution zu stellen. Zum Beispiel, wie es gelingen kann, neue Zielgruppen erreichen zu können. Es ist ja ein ausgeschriebenes Ziel im UMJ, Kinder und Jugendliche zu erreichen. Das freut mich persönlich, denn in diesem Bereich kenne ich mich aufgrund meiner bisherigen Tätigkeiten wirklich sehr gut aus. Wir werden hier mit dem Landeschulrat und den Schulen, aber auch mit den Universitäten und Fachhochschulen sowie den pädagogischen Hochschulen weiterhin gut kooperieren.

    Wie Sie selbst angesprochen haben, bestehen bereits Kooperationen mit Schulen und anderen Bildungseinrichtungen. Die wohl größere Herausforderung wird es sein, Kinder, Jugendliche und Studenten vermehrt in ihrer Freizeit in die Museen zu locken. Oder etwa nicht?

    Da gebe ich Ihnen recht. Das wird ein großes Thema sein. Jugendliche erreicht man oft über Eltern, die ganz Kleinen auch oft über deren Großeltern. Um sie aber direkt ansprechen zu können, und das ist das Ziel, führt kein Weg an der Digitalisierung vorbei. Kinder und Jugendliche müssen dort abgeholt werden, wo sie sich befinden. Und das ist der virtuelle Raum, woanders sind sie kaum zu erwischen. Wenn man es flapsig formulieren möchte, sind sie entweder in der Schule oder spielen in ihrer Freizeit „League of Legends“ (Computerspiel, Anm. d. Red.). Und nachdem man Kinder und Jugendliche erreicht hat, stellt sich die Frage: Was lockt einen jungen Menschen schluss-­
    endlich aus seiner perfekten virtuellen Welt heraus? Es kann sich nicht jeder für alles interessieren, das ist klar. Aber die einzelnen Häuser müssen sich überlegen, was wesentlich für junge Menschen ist, um diese auch als Besucherinnen und Besucher zu gewinnen.

    Foto: steiermark.at/Streibl

    Wie eng werden Ihre Zielvorgaben mit Direktor Wolfgang Muchitsch akkordiert sein?

    Wir werden eng zusammenarbeiten. Gerade in der Kunstvermittlung und wenn es um neue Zielgruppen geht. Es geht darum sich zu überlegen, wie man Ausstellungen gestaltet und diese vermittelt. Beide Prozesse könnten meiner Meinung nach stärker miteinander verbunden werden. Zu lange schon ist es Tradition, Ausstellungen erst zu konzipieren und dann fix und fertig der Kulturvermittlung mit auf die Reise zu geben.

    Welche Rolle soll das UMJ in Ihren Augen für die freie Szene der Steiermark einnehmen?

    Künstlerinnen, Künstler und Kulturschaffende sollen sich im UMJ stets willkommen fühlen, die Möglichkeit erhalten, an Kooperationen teilzuhaben. Eine hermetische Exklusivität innerhalb der Kulturlandschaft wäre für mich der falsche Weg. Ich denke, es geht bei erfolgreichen Museen immer sehr stark um Nähe und Bindung. Regionalität ist hier definitiv ein vielversprechendes Konzept, das Leute anzieht.

    Die Steiermark blickt zwei kulturellen Großereignissen entgegen. Zum einen möchte die Stadt Graz das Jahr 2020 zum Kulturjahr ausrufen. Und zum anderen soll noch bis 2019 ein Nachfolgeprojekt der Landesausstellung ins Leben gerufen werden. Bei beiden wird das Universalmuseum eine tragende Rolle spielen. Haben Sie schon persönliche Erwartungen an die beiden Projekte?

    Vom Kulturjahr wurde offiziell noch kein konkretes Konzept präsentiert. Ich finde die Idee generell aber schon einmal gut. Von der „Expo“ wünsche ich mir, damit die Exzellenz der Steiermark zum Ausdruck zu bringen. Alle, nicht nur das UMJ, sollten gut eingebunden werden. Also auch die Bühnen, Einrichtungen der freien Szene und heimische Künstlerinnen und Künstler. Darüber hinaus auch Unternehmen und Bildungseinrichtungen. Das Projekt soll eine große Chance für das UMJ sein, neue Kooperationen anzustoßen und nachhaltig zu nutzen.

    Tragen Sie so etwas wie eine große Vision mit sich, ein großes Ziel, wohin Sie das UMJ entwickeln möchten?

    Durchaus. Diese habe ich bereits bei meinem Hearing angesprochen: Ich würde es wünschenswert finden, wenn das UMJ zu einem fixen Bestandteil des Alltags der Menschen in der Steiermark werden könnte. Nicht nur in jenem von Kulturinteressierten, sondern für alle. Das Unternehmen ist im ganzen Land gut mit seinen einzelnen Häusern aufgeteilt, man müsste nur noch mehr Bewusstsein für diese schaffen. Letztlich, das entspricht meinem generellen Zugang zum Thema Kunst und Kultur, sollte das UMJ einen niederschwelligeren Zugang erhalten. Ideal läuft es im Schloss Eggenberg. Hier haben wir die meisten Besucherinnen und Besucher, der Park ist ein Lebensraum und Treffpunkt für sich selbst. Mein Ziel ist, das UMJ als zentralen Bestandteil im Leben der Steirerinnen und Steirer zu verankern. Auf diese Aufgabe freue ich mich.

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