Ballett an der Oper Graz: Meine Seele hört im Sehen

Ballett an der Oper Graz: Meine Seele hört im Sehen

Meine Seele hört im Sehen. Foto: Laurent Ziegler

Jörg Weinöhl ist seit der Spielzeit 2015/16 Ballettdirektor der Oper Graz. Im Interview mit „Achtzig“ spricht er über seine neue Ballettaufführung, gibt Einblicke hinter die Kulissen und erklärt, warum Ballett die beste Ausdrucksform von Glück ist.

Text: Julia Braunecker

Das Stück „Meine Seele hört im Sehen“ dreht sich um die pure Daseinsfreude. Gibt es dafür eine bessere Ausdrucksform als das Ballett?

Tanz steht in all seinen Formen für die Lebensfreude. Tanzen ist das, was wir tun, wenn wir glücklich sind. Ob das nun im Rahmen einer Ballettaufführung passiert oder ob es Jugendliche sind, die abends tanzen gehen. Oder ob ich selbst zu einem tollen Lied in der Küche tanze. Freude an sich wird durch Bewegung ausgedrückt.

Weshalb haben Sie gerade dieses Stück ausgewählt?

Bereits der Titel war ausschlaggebend. Mich fasziniert das Kreisen um den Begriff „Seele“, also um etwas Unsichtbares, das wir gar nicht fassen können. Seele hat für mich sehr viel mit „in Bewegung sein“ zu tun. Das Stück selbst ist kein Handlungsballett, weist aber sehr viele narrative Momente auf. Es ist, wie wenn man durch einen Park spaziert und einzelne Stimmungsmomente wahrnimmt. Plötzlich funkelt die Sonne im Wasser oder man hört einen Vogel zwitschern.

Die Aufführung steht auch für Ihre Liebe zum Barock. Was macht die Faszination dieser Epoche für Sie aus?

Der Reiz dieser Epoche bezieht sich für mich auf sämtliche Bereiche: von der Architektur über die Malerei bis zur Musik. Die Barockmusik hat immer schon zu mir gesprochen. Sie drückt im Vergleich zur Renaissance eine ganz andere Lebensfreude aus. Bereits bei meiner ersten Ballettaufführung in Graz kombinierte ich modernen Tanz mit barocker Musik. Dieser Abend wurde vom Grazer Publikum begeistert aufgenommen. Daher beginne ich die neue Spielzeit mit einem solchen Stück. Damit schließt sich für mich der Kreis. Im Frühling des nächsten Jahres steht dann der Sommernachtstraum nach William Shakespeare auf dem Spielplan. Ein Ballettstück zu den Klängen Felix Mendelssohn Bartholdys, der als einer der bedeutendsten Musiker der Romantik gilt.

Jörg Weinöhl
Foto: Thorsten Lönneker

Als Choreograph übersetzen Sie Sprache in Tanz. Haben Sie dafür eine Art Transformationsformel?

Wesentlich ist für mich, dass es im Tanz nicht nur um das Ausführen schöner Bewegungen geht. Vielmehr müssen die Tänzer spüren und wissen, was sie da gerade tanzen. Diese Bewegungen müssen vom Publikum allerdings nicht 1:1 übersetzt werden können.

Ist es eigentlich möglich, jedes Stück in eine Ballettproduktion zu verwandeln?

Prinzipiell kann man sich im Tanz für alles öffnen, aber ein Stück muss zu mir sprechen, damit ich mit dem Herzen dabei bin.

Wie gehen Sie bei der Konzeption einer Aufführung vor?

Ich lese viel, und in diesem Fall habe ich mir auch alte Architekturzeichnungen, etwa aus der Barockzeit, angeschaut. Ich beginne um ein Thema zu kreisen, erst für mich alleine, dann im Gespräch mit dem engen Team, den Dramaturgen und der Ballettmeisterin.

Bevorzugen Sie als Choreograph das klassische Ballett oder das moderne Tanztheater?

Ich selbst wurde an der Staatlichen Ballettakademie Stuttgart klassisch ausgebildet und tanzte danach für das Stuttgarter Ballett. Hier an der Oper lassen wir uns von verschiedenen Einflüssen inspirieren. Zugleich behalten wir aber als Grundlage unserer Arbeit ein klassisches Training.

Clara Pascual-Marti & Simon Van Heddegem.
Foto: Werner Kmetitsch

Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre Tänzer aus?

Wir wählen unsere Tänzer sehr sorgfältig aus. Wenn sich jemand hier vorstellt, bleibt er mehrere Tage bei uns und nimmt an den Proben teil. Es ist sehr wichtig, dass es für beide Seiten stimmt. Die berufliche Laufbahn eines Tänzers ist schließlich so kurz.

Wie lange dauert eine Karriere als Balletttänzer?

Ich selbst habe bis 45 aktiv getanzt. Meine Direktorin in Stuttgart tanzte sogar, bis sie 60 Jahre alt war. Das ist allerdings eher die Ausnahme. In Graz möchte ich es den Tänzern ermöglichen, bis mindestens Ende 30, Anfang 40 zu tanzen. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen sie für ihre Körper gut sorgen.

Wie wichtig ist für einen Balletttänzer die Fitness?

Tanz ist Höchstleistungssport und hat sehr viel mit Eigenverantwortung zu tun. Wir proben am Tag sieben Stunden. Davor und danach ist jeder selbst dafür verantwortlich, was er leistet. Jeder Körper reagiert anders, was einem guttut, ist oft eine individuelle Geschichte. Alle unsere Tänzer können bei John Harris trainieren. Sie werden auch von Physiotherapeuten betreut. Denn Krafttraining ist das eine, seinen Körper wieder zur Ruhe zu bringen das andere. Für Profifußballer ist das Training ja auch nicht mit dem Verlassen des Spielfeldes beendet.

In Mehrspartenhäusern hat es der Tanz nicht immer leicht. Wie können Sie in Graz agieren?

In Graz erlebt der Tanz gerade eine Aufwertung. In der Vorsaison war der Nussknacker erstmals seit 30 Jahren als eine Tanzvorstellung wieder ausverkauft. Das nehme ich als beglückendes Zeichen wahr, dass es viele Menschen gibt, die sich für den Tanz begeistern können. Alle Abteilungen des Hauses unterstützen unsere Arbeit.

Planen Sie, Ihre Tänzer auch in anderen Sparten, wie zum Beispiel in Musicals, einzusetzen?

Ja, ich empfinde das als wichtig. Wenn das Publikum ein Musical besucht, kommt es ein anderes Mal auch zu einem Ballettabend. Das Verhältnis der Kunstformen und der Ausgewogenheit im Spielplan muss stimmen.

Meine Seele hört im Sehen.

Im „Nussknacker“ tanzten Kinder der Opernballettschule mit auf der Bühne. Wie wichtig ist Ihnen die Arbeit mit den Kleinsten?

Mit Kindern zu arbeiten ist sehr erfüllend. Wenn man sie ernst nimmt, können sie Großes leisten. Wenn Kinder mit ihren Großeltern gemeinsam in die Vorstellung kommen, findet etwas ganz Besonderes statt. Sie teilen eine Vorstellung miteinander und erleben etwas zusammen. Später erinnern sie sich gerne an solche Momente zurück. In Zukunft planen wir ein eigenes Stück für Kinder.

Der Nachwuchs ist Ihnen sehr wichtig. Ab dem 4. November bieten Sie die offene Klasse an.

Für Ballettschüler, freischaffende Profitänzer und erwachsene Hobbytänzer ist es sehr wichtig, einmal wöchentlich die Möglichkeit zu haben, im Haus ein Training zu machen. Die Klasse wird abwechselnd von mir oder der Ballettmeisterin Jaione Zabala unterrichtet.

Wer sind Ihre persönlichen Koryphäen?

Wenn es um das Tanzen geht, erst mal alle Tänzer hier im Haus, die so gewissenhaft und aufrichtig an ihre Arbeit gehen. Das ist die größte Inspiration für mich.
In der Choreographie habe ich ganz unterschiedliche Vorbilder, von William Forsythe bis Pina Bausch. Und ganz persönlich gefragt? Wenn Anja Harteros singt, berührt sie mich als Sängerin zutiefst.

Pflegen Sie als Ballettdirektor eher den strengen (salopp gesagt, den russischen) oder den europäischen Führungsstil?

Ich sehe mich ganz klar als dialogorientierte Führungskraft. Als Tänzer ist es anfangs aber gar nicht immer so leicht zu verstehen, wenn man um seine Meinung gefragt wird. Der sogenannte „russische Führungsstil“ geistert wohl immer noch umher.
Eine Kunstform des 21. Jahrhunderts braucht aber jedenfalls das dialogorientierte Arbeiten und die Eigenverantwortung.

Jörg Weinöhl
Foto: Werner Kmetitsch

Zwei Vorstellungen pro Tag:
So 5.11.: 15 – 16.30 Uhr und 20 – 21.30 Uhr; So 4.2.: 15 – 16.30 Uhr und 20 – 21.30 Uhr

Weitere Termine: Sa, 10.2., Sa 17.2. und So 18.2.; jeweils von 20 – 21.30 Uhr

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