Stadt der Lyrik: Ein Streifzug durch die Grazer Dichterszene

Stadt der Lyrik: Ein Streifzug durch die Grazer Dichterszene

Christoph Szalay Foto: Martin Schwarz

„Zum Schreiben brauche ich eine Stadt, in der es innerlich tobt, zum Beispiel New York oder Graz“, so einst der legendäre Wolfi Bauer. Bis heute gilt Graz als poetische Inspirationsquelle. 

Text: Julia Braunecker / Stefan Zavernik

Ein abenteuerliches Leben führen. Darüber schreiben, was einen bewegt. Seine persönlichsten Gedanken zu Papier bringen. Wer möchte nicht ein Dichter sein? Was aber macht einen solchen aus und was unterscheidet ihn vom klassischen Autor? „Peter Handke hat einmal gesagt: ‚Ich scheiß’ darauf, ob ich ein Dichter bin. Ich bin ein sprachempfindlicher Mensch.‘ H.C. Artmann hingegen hat gemeint, man müsse gar nicht schreiben, um ein Dichter zu sein. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo in der Mitte“, bringt es Alfred Kolleritsch, Gründer und Herausgeber der international renommierten Literaturzeitschrift manuskripte, auf den Punkt. Pragmatischer sieht es der Lyriker Andreas Unterweger, er unterstützt seit einigen Jahren Kolleritsch als Mitherausgeber. „Der Unterschied besteht unter anderem darin, dass ein Lyriker noch weniger von seiner Literatur leben kann als jemand, der Prosa schreibt“.

Alfred Kolleritsch (re.) und Peter Handke

Blick in die poetische Vergangenheit

Zahlreiche namhafte Lyriker fanden einst im 1960 gegründeten Forum Stadtpark ihr Zuhause. Zu dessen Eröffnung erschien auch die erste Ausgabe der manuskripte. Im Gegensatz zu späteren Ausgaben enthielt diese ausschließlich Lyrik. Alfred Kolleritsch erinnert sich an eine poetische Zeit. „Wenn ich einen Blick in die Vergangenheit werfe, fallen mir Ernst Goll, Bruno Ertler, Alois Hergouth und ­Julius Franz Schütz ein“. Alois Hergouth war Mitbegründer des Forum Stadtpark. Der 2002 im Alter von 77 Jahren verstorbene Dichter veröffentlichte zu Lebzeiten über 40 Gedichtbände, als einer seiner bedeutendsten gilt der Zyklus Slatdka Gora. Hergouth setzte sich für viele junge Dichter ein und war maßgeblich am Literaturbetrieb beteiligt. Unvergessen bleibt vielen Grazern auch der exzentrische Dichterfürst Herwig von Kreutzbruck, ein 1939 geborener und 2004 verstorbener Grazer, der seine genialen Gedichte mit Vorliebe auf Papierservietten im Wirtshaus verfasste. Erst nach seinem Tod erschien sein erstes Buch: „Trommel und Geige“, herausgegeben von Karl-Heinz Schwarzmann.

Herwig von Kreutzbruck

Die Grazer Szene heute

Und heute? Welche Poeten stehen für die Grazer Szene? Um nur einige zu nennen: Es sind Lyriker wie Helwig Brunner, Gertrude Maria Grossegger, Stefan Schmitzer oder Barbara Rauchenberger. Als Ausnahmetalent der heimischen Lyrik-Szene gilt Christoph Szalay. Der 30-Jährige wurde mit zahlreichen Preisen und Stipendien ausgezeichnet. Unter anderem mit dem „LICHTUNGEN-Lyrik-Stipendium des Landes Steiermark“ , das ihm für sein Projekt Raendern zuerkannt wurde. Es handelt sich dabei um einen Zyklus von Gedichten, an dem er seit einigen Jahren arbeitet. Zusammen mit Robert Prosser hat er eine 48 Seiten lange Bestandsaufnahme der österreichischen Gegenwartslyrik vorgenommen. Zu finden ist diese in der 151. Ausgabe der LICHTUNGEN. Warum gerade die Lyrik für Szalay zur bevorzugten Sprachform geworden ist? Er schätzt ihr Potenzial. „Ihr Potenzial, Räume nicht nur erst aufzumachen, seien es Erfahrungs-, Sprach- oder Wissensräume, sondern diese auch zu erweitern. Romantisch gesprochen: Ihr Potenzial, eine Welt in einer Zeile zu entwerfen oder aus den Angeln zu heben.“ Wie es sich anfühlt heute als Dichter in Graz sein Leben zu bestreiten? „Vom Empfinden, nicht anders, als das, anderer Menschen: man hat Angst, man verzweifelt, man lacht, man liebt, man freut sich in unterschiedlichen Intensitätsgraden und zu unterschiedlichen Zeiten, aus den unterschiedlichsten Gründen. Worin es sich vielleicht unterscheidet ist, im Wissen über und die Annahme der Möglichkeiten und der Räume, die einem zur Verfügung stehen, Dinge zu tun, die man mag, die man schätzt, die man liebt. Im Wissen über und der Annahme der Begegnungen, die man hat, die man teilt, an den unterschiedlichsten Orten, in den unterschiedlichsten Kontexten, von denen man überfordert, begeistert, verzaubert, verärgert wird. Im Wissen darüber, dass all dies nicht selbstverständlich ist. Im Hoffen, dass es so bleibt.“

Christoph Szalay
Foto: Martin Schwarz

Wo hat Lyrik in Graz heute ihren Platz?

Lyrik-Lesungen finden in Graz an den unterschiedlichsten Orten statt. Zum Beispiel im Kulturzentrum bei den Minoriten, in der Steirischen Landesbibliothek oder im Grazer Literaturhaus. Auch viele kleine Einrichtungen, Theaterbühnen und Vereine geben der Grazer Szene Raum. Die beiden Grazer Literaturzeitschriften, manuskripte und LICHTUNGEN, veröffentlichen regelmäßig Gedichte der heimischen Szene und verknüpfen diese mit internationalen Größen. Mit zahlreichen Erstveröffentlichungen sind sie maßgeblich an der Förderung junger Talente beteiligt. Auch steirische Literaturverlage wie Leykam, Droschl oder die Edition Keiper, bieten heimischen Lyrikern Möglichkeiten ihre Lyrik in Buchform zu bringen. Seit 2014 gibt es in der Steiermark sogar ein eigenes ­Lyrikstipendium, das alle drei Jahre in Kooperation mit der Literaturzeitschrift LICHTUNGEN vergeben wird.

Die Grazer Poetry Slam-Szene

Was einst als Underground-Bewegung begann, füllt heute Clubs und Konzertsäle. Beim Poetry Slam handelt es sich um einen modernen Dichterwettstreit, bei dem Poeten mit ihren Texten gegeneinander antreten. „Literaturtheoretisch ist ein Poetry Slam eine Gruppenlesung mit Wettbewerbscharakter“, sagt Mario Tomic. „Und literaturpraktisch ein Rockkonzert.“ Tomic hat den Slam nach Graz gebracht. Er ist Obmann des im Jahr 2014 gegründeten Vereins „PLuS – Performte Literatur und Slam“, Mitbegründer der „1sten Grazer Lesebühne: Gewalt ist keine Lesung“ und Veranstalter der größten monatlichen Literaturveranstaltung Österreichs: dem Hörsaal Slam, dessen internationales und hochkarätiges Line-up regelmäßig hunderte Zuhörer anzieht.

Mario Tomic
Foto: Samira Joy Frauwallner

Der Verein „PLuS – Performte Literatur und Slam“ hat es innerhalb von drei Jahren geschafft, performte Literatur in all ihren Facetten in Graz zu integrieren, darunter Poetry Slams, Lesungen, Lesebühnen und Theater. Monatlich finden vier Veranstaltungen statt. Einzigartig sind die Jazz Slams, bei denen die Texte von einer Jazzband untermalt werden. „Im neuen Jahr werden wir auch im Literaturhaus mit „Rapper lesen Rapper“ vertreten sein und im Next Liberty wieder einen Dead vs. Alive-Slam veranstalten“, so Tomic. Er selbst kommt ursprünglich aus der Rap-Ecke und ist durch einen Zufall auf den Slam gekommen. Seither dichtet er über das Leben, die Politik und die Sprache. „Damit möchte ich einen Beitrag zur Welt leisten“, erklärt er. Poetry Slam stellt für ihn eine neue Darbietungsform für Lyrik und Prosa dar. Mieze Medusa, die von Anfang an den „KULTUM Poetry Slam“ in Graz moderiert, ist ebenfalls eine Pionierin der ersten Stunde. Ihr Herz schlägt seit 15 Jahren für den modernen Dichterwettstreit: „Jeden Abend ist wieder alles möglich, die Karten werden immer neu durchgemischt.“ Die Idee eines Poetry Slams sei es, als Auftretende mit Text und Performance auf das Publikum zuzugehen und es in den Bann zu ziehen. „Ich liebe den Moment, wenn sich die Gesichter des Publikums entspannen und es selbstvergessen zuhört.“ Man werde sehr schnell ein Teil der Szene: „Wenn das erste Mal ein Text auf der Bühne funktioniert hat, dann geht die Reise los!

Mieze Medusa
Foto: Gudrun Krieger

Gute Frage: Wie wird man Lyriker?

All jenen, die selbst Gedichte verfassen wollen, rät Andreas Unterweger: „Schreiben. Und lesen.“ „Oder zuerst lesen und dann schreiben“, ergänzt Alfred Kolleritsch. Ganz ähnlich sieht das Andrea Stift-Laube von der Literaturzeitschrift LICHTUNGEN: „Stephen King hat einmal ein sehr kluges Buch zu dieser Frage geschrieben. Es heißt Das Leben und das Schreiben“, verrät sie. „Eigentlich müsste das Buch Das Lesen und das Schreiben heißen, denn genau dazu rät er angehenden Schriftstellern: Lesen und schreiben, und von beidem nicht zu knapp.“ Wer sich als Dichter mit Gleichgesinnten austauschen möchte, kann dies in der „Grazer Plattform“ tun. Diese ist ein offenes Autorenkollektiv im Literaturhaus. „Wir treffen uns regelmäßig, um unsere Texte zu besprechen, und sind immer auf der Suche nach neuen Lyrik- und Prosa-Texten“, sagt der Grazer Autor Florian Labitsch, der bereits als Student die Begeisterung fürs Dichten entdeckte. An der Runde beteiligen sich auch Valerie Fritsch, Clemens Setz und Christoph Szalay.

Grazer Plattform
Foto: Jasmin Schuller

Stadt der Dichter

Unsere schnelllebige Zeit stellt die Lyrik vor neue Herausforderungen. Es bedarf eines gewissen Grades an Belesenheit sowie Konzentrationsfähigkeit, um den Hintergrund eines Gedichtes zu verstehen. Oder sich darauf einzulassen, wie auf ein abstraktes Gemäldes. Und vor allem eben auch Zeit. „Schön wäre es, wenn Schriftstellerinnen und Schriftsteller, nicht nur, was die Lyrik, sondern auch, was die Prosa angeht, mehr mediale Aufmerksamkeit bekommen würden. Was spricht dagegen, in einer Tageszeitung ein Gedicht des Tages zu veröffentlichen, das nicht von jemandem stammt, der schon seit 250 Jahren tot ist, sondern von jemandem, der heute und jetzt davon profitiert? Graz soll wissen, auf wen es stolz sein darf“, meint Stift-Laube. Denn die Landeshauptstadt gilt auch heute noch als eine Stadt der Dichter.

Der legendäre Literat Wolfgang Bauer, geestorben im Jahr 2005. Foto: J.J. Kucek

 

Streifzug durch die Grazer Lyrik-Szene

 

 

 

KULTUM Slam mit den MCs Mieze ­MEDUSA und Markus KÖHLE

Freitag, 1. Dezember, 20 Uhr

Abendkassa von 19.15 bis 19.45 Uhr

Kleiner Minoritensaal, Mariahilferplatz 3 Eintritt: € 5,–

Wer auftreten möchte, bringt zwei Fünf-­Minuten-Texte für Vor- und Finalrunde mit. Die Anmeldung erfolgt bis 19.30 Uhr vor Ort.

 

Spoken Word Workshop

Freitag, 1. Dezember 2017, 16 Uhr

Kulturzentrum bei den Minoriten,

Mariahilferplatz 3/I

Erfahrene Spoken-Word-PoetInnen verraten, worauf es bei der gelungenen Performance ankommt.

Eintritt frei, Anmeldung zu den Workshops bis spätestens 3 Tage vorher per Mail an poetryslam@kultum.at

 

Montagsbühne – Lesung und Gespräch
Montag, 4. Dezember, 19 Uhr

Literaturhaus Graz

Mit: Stephanie Lindner, Annika Scheffel, Björn Treber

Moderation: Florian Labitsch und ­Christoph Szalay

Eintritt: € 6-

 

Grazer Hörsaal Slam Special – Länderbattle Österreich vs. Deutschland

Donnerstag, 14. Dezember, 19.30 Uhr
Karl-Franzens-Universität Graz
Eintritt: freiwillige Spende

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