Berlin: Arm, aber sexy – das war einmal

Berlin: Arm, aber sexy – das war einmal

Blick durch das Brandenburger Tor auf das legendäre Hotel Adlon. Foto: Adlon

Arm, aber sexy – so charakterisierte Ex-Bürgermeister Wowereit einst Berlin. Betörend ist die Stadt geblieben, doch der Underground-Charme der Kunstszene weicht dem großen Geld. Nur die Stadtverwaltung ist nach wie vor pleite.

Text: Wolfgang Pauker

Das eine Berlin – das gibt es so eigentlich gar nicht. Denn die wiedervereinigte Stadt teilt sich in 12 Bezirke, und wie in keiner anderen Metropole versprüht hier jeder Stadtteil seinen individuellen Charme. Dass sich die Bewohner eher ihrem jeweiligen Kiez zugehörig fühlen als „der Hauptstadt“, sorgt dabei für die Einmaligkeit des kulturellen Schmelztiegels an der Spree.

Die Installation „Molecule Men“, ein Monumentalkunstwerk des amerikanischen Bildhauers Jonathan Borofsky, in der Spree.

Was hier aber alle atmen, ist nicht nur die von Harald Juhnke besungene Berliner Luft, sondern auch reichlich Geschichte. Und hier hatten es die letzten hundert Jahre wahrlich in sich. Auf die Zeit von Glanz und Gloria der 20er Jahre folgten der totale Zusammenbruch 1945, die Teilung der Stadt 1961 und die Wiedervereinigung 1989. Nach dem Mauerfall zogen billige Mieten Kulturschaffende aus aller Welt an und machten Berlin zum Kunstmekka.

Doch die Preise in den ehemaligen Künstlerbezirken Kreuzberg und Prenzlauer Berg zogen kräftig an, vertrieben die Kunstszene und lassen heute noch Spekulanten jubeln. Nur die Stadtverwaltung muss sich weiterhin mit einem Rekord-Defizit plagen. Davon merkt man bei einem Spaziergang über den Prachtboulevard Unter den Linden aber wenig. Der ist wieder fein herausgeputzt und am Pariser Platz versinnbildlicht das Wahrzeichen – das Brandenburger Tor – die Zerrissenheit dieser Stadt zwischen Hochmut und Scham, Sieg und Niederlage, Teilung und Wiedervereinigung, Arm und Reich.

Deutschlands erste Adresse

Nur einen Steinwurf entfernt steht ein anderes Bauwerk, das Sinnbild für das Berlin der letzten hundert Jahre zwischen Aufstieg, Zerstörung und Wiederaufbau ist: das legendäre Hotel Adlon.

Hotel Adlon Kempinski A Member of the Leading Hotels of the World, Unter den Linden 77, www.lhw.com Foto: Adlon

1907 eröffnet, galt es dank seiner bahnbrechenden Ausstattung mit fließendem Wasser und elektrischem Strom binnen kürzester Zeit als bestes Hotel der Welt. Greta Garbo, Charlie Chaplin oder Thomas Mann, der im Adlon auf dem Weg nach Stockholm Halt machte, um dort den Literatur-Nobelpreis abzuholen, sind nur ein paar der berühmten Besucher, die sich als Fans des Hotels outeten. Ende des Zweiten Weltkrieges brannte es bis auf die Grundmauern nieder, um im Jahre 1997 wieder wie ein Phönix aus der Asche zu steigen. Das „neue“ Hotel Adlon Kempinski wurde dem historischen nachempfunden und schnell wieder zu Deutschlands erster Adresse. Glanzstück des Hotels: der Elefantenbrunnen in der Lobby.

 

Der Elefantenbrunnen in der Lobby des Adlon.
Foto: Adlon

Er ist dem Original aus dem historischen Adlon, einem Geschenk des Maharadschas von Patiala, nachempfunden und wie einst umgeben von ausgesuchten Antiquitäten und prunkvollen Kronleuchtern aus Murano-­Glas. Großgeschrieben wurde hier seit jeher auch der Genuss, und so machte Lorenz Adlon getreu seinem Motto „Adlon verpflichtet“ die Kulinarik bereits Anfang des 20. Jahrhunderts zu einem der wichtigsten Elemente. August Escoffier, der als Schöpfer der Grande Cuisine gilt, war hier einst Küchenchef. Nahtlos an diese Tradition knüpft auch das Adlon Kempinski an, das mit dem intimen Restaurant „Lorenz Adlon Esszimmer“ eines der besten Restaurants Deutschlands beherbergt, in dem Küchenchef Hendrik Otto seit 2011 auf dem Niveau von zwei Michelin-Sternen kocht.

Lorenz Adlon Esszimmer.
Foto: Adlon

Kunst & Kultur im Überfluss

Wer Appetit auf Kunst hat, der kommt im Stadtteil Mitte rund ums Adlon auf seine Kosten. Hier finden sich nicht nur zahlreiche Galerien, durch die man sich herrlich treiben lassen kann, sondern auch die einmalige Museumsinsel, als kulturelles und bauliches Ensemble UNESCO-Welt-­erbe, mit fünf hochkarätigen Museen wie dem Bode- oder dem Pergamonmuseum.

Zeitgenössische Kunst im KW Institute of Contemporary Art.

Wer es zeitgenössisch mag, der geht ins KW Institute of Contemporary Art oder in eines der aufsehenerregendsten Museen der Welt: die Sammlung Boros. Dort wird die Privatsammlung eines polnischstämmigen Unternehmers im spektakulären Setting des 1942 von Albert Speer für die Ewigkeit gebauten „Reichsbahnhochbunkers“ gezeigt.

Die Sammlung Boros liegt im „Bunker“ in Berlin Mitte.
Foto: NOSHE

Dieser sollte nach gewonnenem Krieg als „Kriegsehrenmal“ für den Endsieg in der Welthauptstadt Germania dienen, weshalb man großen Wert auf die Optik des Kolosses legte und den Architekten Paul Bonatz eine Minimalversion eines florentinischen Renaissancepalastes entwerfen ließ. Die Geschichte verlief dann glücklicherweise anders und 2003 kaufte Kunstliebhaber Christian Boros den Bau, in dem man nach aufwendigen Umbauarbeiten nun auf 3.000 m² Ausschnitte seiner Sammlung in wechselnden Präsentationen in Bunkeratmosphäre und nur mittels Führungen besichtigen kann.

EIne Arbeit von Katja Novitskova in der Sammlung Boros.
Foto: NOSHE

Feiern ohne Ende

Bevor dort zeitgenössische Kunst gezeigt wurde, feierte im „Bunker“ in den 1980er Jahren die Techno- und Sadomaso-Szene, und auch heute noch ist Berlin berühmt für ausgelassene Feste bis zum Sonnenaufgang. Das war in den Roaring Twenties des vorigen Jahrhunderts nicht anders als heute, kurz vor den nächsten 20er Jahren. Und die Zeiten ähneln sich frappant. Die Menschen sind in Feierlaune, auch wenn die nächste große Krise schon vor der Tür steht. Apropos Tür: Vor dieser steht man in den aktuell angesagten Clubs wie dem Kater Blau oder dem Berghain in meterlangen Schlangen an. Endlich am Türsteher angekommen, schrumpft dann auch das größte Ego schnell auf Normalmaße, wenn die in der Schlange vor einem Wartenden willkürlich abgewiesen werden. Trifft es einen selbst, bloß nicht ärgern. Weiter in den nächsten Club, Angebot gibt es genug. Oder ab ins Bett und am nächsten Tag frisch und munter in den Club der Visionäre.

 


 

Tipps für Lunch und Dinner

 

Restaurant Tim Raue – Eines der besten der Welt

Restaurant Tim Ruae, Rudi-Dutschke-Straße 26, www.tim-raue.com
Foto: Nils Hasenau

Tim Raue ist Berlins Koch-Superstar. Ausgezeichnet mit zwei Michelin-Sternen, rangiert sein Restaurant aktuell auf Platz 48 der „World’s 50 Best Restaurants“. Dort serviert er asiatisch inspirierte Küche, die als Verbindung der japanischen Produktperfektion, der thailändischen Aromatik und der chinesischen Küchenphilosophie charakterisiert werden kann. Grundpfeiler seiner Küche ist die Verwendung von tierischen Produkten, völlig verzichtet wird auf Beilagen wie Brot, Nudeln und Reis. Hier erwartet den Gast eine wirklich einzigartige Aromenvielfalt. Absoluter Hochgenuss!

Imperial Kaviar Calpico Gurke Foto: Mikuláš Gottwald

Skykitchen – Kulinarische Höhenflüge mit Weitblick

Skykitchen, Landsberger Allee 106, www.skykitchen.berlin
Foto: Georg Roske

Kreativität, gepaart mit klassischem Handwerk an einem einzigartigen Ort hoch über den Dächern der Stadt: Das bietet die Skykitchen, in der Berlins jüngster Sternekoch Alexander Koppe deutsche und Berliner Küche modern, aber bodenständig interpretiert. Saisonale, heimische Qualitätsprodukte garniert er mit internationalen Einflüssen, um sie herrlich puristisch auf die Teller zu bringen. Das Lokal ist stylish eingerichtet, eröffnet traumhafte Blicke über Berlin und bietet einen Stock darüber auch ausgezeichnete Cocktails in der Skybar. Unfassbar nettes und motiviertes Service!

Salzzitrone | wilder Fenchel | roter Chicorée
(salt lemon | wild fennel | red chicory)

 

Restaurant reinstoff – High-End-Küche in Berlin-Mitte

Restaurant Reinstoff, Schlegelstraße 26c, www.reinstoff.eu Foto: reinstoff

Das reinstoff, mit zwei Michelin Sternen ausgezeichnet, liegt eingebettet in die historischen Edison-Höfe in Berlin-Mitte, in denen einst die ersten Glühlampen Deutschlands produziert wurden. Hier geht nun dem Gast ein Licht auf, wenn Küchenchef Daniel Achilles, Gault&Millau Koch des Jahres 2014, seine Avantgarde-Menüs, begleitet von großen Weinen aus Deutschland und darüber hinaus, präsentiert. Gedimmtes, intimes Ambiente und wunderbar entspanntes, aber konzentriertes Service. Der besondere Industriecharme der historischen Höhe macht das reinstoff einmalig!

Champignon und Kaffee im Reinstoff Berlin
Foto: Goetz Schleser

 

The Grand – Restaurant & Bar in berlineskem shabby-chic

The Grand, Hirtenstraße 4, www.the-grand-berlin.com
Foto: Nils Krüger

In einem ehemaligen Schulgebäude aus dem Jahr 1842 werden im Wechselspiel aus edlem Dekor und bröckelndem Putz deutsch-französische Küche und Steaks vom original amerikanischen 800°C-Southbend-Grill serviert. Das Fleisch kommt hierfür aus Japan, Amerika oder Deutschland und reift vor Ort im Glasschrank nach. Wer nach dem Essen Lust auf Feiern hat, braucht nur in die angrenzende Bar oder in einen der auf drei Etagen verstreuten Clubräume zu wechseln und tanzt bis in die Morgenstunden. Top Steaks und Großstadtcharme mit Klasse!

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