Eugen Onegin. „Die Oper ist der Spiegel unserer Seele.“

Eugen Onegin. „Die Oper ist der Spiegel unserer Seele.“

Eng geschnürte Korsette und einengende Traditionen: In dieser Welt begegnen sich Tatjana und Onegin und werden einander zum Schicksal. „Achtzig“ sprach mit der Regisseurin Jetske Mijnssen sowie der Dramaturgin Marlene Hahn über die Inszenierung Eugen Onegin.

 Text: Julia Braunecker

Vor Ihrer Tätigkeit als Regisseurin haben Sie Literaturwissenschaften studiert. Welchen Einfluss nimmt das literarische Studium auf Ihre Regiearbeit?

Mijnssen: Es stimmt, dass ich erst mit 25 Jahren mit meiner Regieausbildung begonnen habe. Mit dem Literaturstudium in der Tasche war ich auf die Opernwelt jedoch bestens vorbereitet. Schließlich haben viele Komponisten literarische Texte als Grundlage für ihre Opernstücke gewählt.

War für Ihre Inszenierung ­Tschaikowskis Werk ausschlaggebend oder der Vers­roman Puschkins in seiner ursprünglichen Form?

Mijnssen: Für mich war es die Oper von Tschaikowski. Seine Figuren sind unfassbar reich an psychologischer Tiefe.

Wie viel Spielraum bleibt für Ihre Interpretation der einzelnen Figuren?

Mijnssen: Immer wieder bin ich darüber verwundert, dass die Menschen im Gegensatz zu einem Schauspielstück sehr oft eine vorgefasste Meinung über die Protagonisten einer Oper haben. Während beispielsweise ein Hamlet alt oder jung, männlich oder weiblich, Täter oder Opfer sein kann, gibt es eine fixe Vorstellung einer Madame Butterfly. Meiner Meinung nach ist diese Herangehensweise falsch. Eigentlich haben wir keine Ahnung, wer diese Menschen sind, und müssen sie daher mithilfe der uns zur Verfügung stehenden Musik und Texte ganz genau beobachten.

Jetske Mijnssen
Foto: Marco Borggreve

Die Oper spielt Ende des 19. Jahrhunderts. Zu dieser Zeit besaßen Frauen kaum Mitspracherechte. Welches Frauenbild zeichnen Sie in Ihrer Inszenierung?

Mijnssen: Tatjana lebt mit ihrer Mutter und ihrer Schwester Olga auf dem Landsitz der Familie. Am Beginn der Oper unterhalten sich die verwitwete Landgutbesitzerin und die alte Amme über die Träume vergangener Zeiten und die Gewohnheit als Ersatz für versäumtes Glück. Olga ähnelt für mich einer kleinen ­Lolita, die mit den Männern spielt und ein unbeschwertes Leben an der Seite ihres Verlobten führt. Die schüchterne ­Tatjana vertieft sich hingegen in ihre Bücher und träumt von romantischer Liebe – bis sie sich Hals über Kopf in den Charmeur ­Onegin verliebt. Das „naive Frühlingserwachen“ der jungen Mädchen steht im Kontrast zu den desillusionierten Erfahrungen der älteren Frauen. Am Ende vollzieht Tatjana für mich die faszinierendste Entwicklung. Sie verwandelt sich nach Onegins Zurückweisung von einem verträumten und naiven Mädchen in eine mutige und selbstbewusste Frau.

Wie kann man sich grundsätzlich Ihre Herangehensweise an eine neue Inszenierung vorstellen?

Mijnssen: Zuallererst stelle ich mir die Fragen: „Was höre ich?” und „Was will mir diese Musik vermitteln?“ Gemeinsam mit meinem Team entwickle ich dann Bilder für die Gedanken, die beim erstmaligen Hören der Musik entstehen. Meine Aufgabe ist es, die Charaktere neu zu beleben und ihr innerstes Wesen zu offenbaren. Die Figuren sind letzten Endes Menschen wie wir, ein Spiegel unserer Seele. Alles, was in ihnen vorgeht, kann auch uns selbst widerfahren. Sie sollen uns daher in ihrem gesamten emotionalen Spektrum, von ihrer Eifersucht und Liebe bis zu ihrem Verlangen und ihrem Schmerz, so nahe wie nur möglich kommen.

Marlene Hahn

In welcher Zeit haben Sie die Oper verankert?

Hahn: Die Welt des Eugen Onegin ist die Welt der Uraufführung der Oper 1879, also circa um 1880 herum, gleichzeitig ist die Inszenierung ein Spiegel unserer Seele von heute.

Wie sind Bühnenbild und Kostüme konzipiert?

Hahn: Die Bühne ist reduziert und abstrakt. In diesem zeitlosen Raum begegnen sich die Figuren in Kostümen aus der Zeit von 1880: hochstehende, einengende Krägen und eng geschnürte Korsette, die kaum Luft zum Atmen lassen. Die gesellschaftlichen Konventionen, Traditionen, die Vorstellungen, wer sich wie zu verhalten hat, sind stets präsent. In dieser Welt begegnen sich vier junge Menschen – ­Tatjana, Olga, Lenski und Onegin – und werden einander zum Schicksal.

Tschaikowski hat ausdrücklich keine Oper, sondern einen neuen Operntypus namens „Lyrische Szenen“ geschrieben. Wie wurde diese Interaktion zwischen Gesang und Orchester umgesetzt?

Mijnssen: In gewisser Weise ähnelt ­Eugen Onegin einem Kammerspiel, das in der Regel sehr viel Wert auf die einzelnen Charaktere legt. Für mich ist dieses Werk eine wunderbare Verschmelzung von ­Puschkins Versroman mit der berührenden und spannenden Musik von Tschaikowski.

Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit der neuen Chefdirigentin ­Oksana Lyniv?

Mijnssen: Unsere Herangehensweisen sind sehr ähnlich: Wir versuchen das, was die Figuren bewegt, auf eine klare und berührende Art zu zeigen.

Chefdirigentin Oksana Lyniv
Foto: Wilfried Hösl

Premiere: Samstag, 16. Dezember 2017, 19.30 Uhr

Weitere Vorstellungen bis Mittwoch, 25. April 2018

Nachgespräch: Samstag, 3. Februar 2018, Galeriefoyer

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