Galerist Helmut Reinisch über Kunst, Wert und Investment

Galerist Helmut Reinisch über Kunst, Wert und Investment

Galerist Helmut Reinisch

Rot steht für Blut, Feuer und Leidenschaft. Sie ist aber auch die vorherrschende Farbe in der nomadischen Teppichkultur, der aktuell eine umfangreiche Ausstellung in der Galerie Reinisch Contemporary gewidmet ist. „Achtzig“ nutzte die Gelegenheit und sprach mit Galerist Helmut Reinisch über den Teppich als Kultobjekt und was ein Kunstwerk wertvoll macht.

Was macht einen Teppich zum Kunst- ­beziehungsweise Kultobjekt? Wann wird er für Sammler interessant?

Er muss authentisch sein. Mit einem auf Europa zugetrimmten, dekorativen Bodenbelag hat das nichts zu tun. Vor hunderten Jahren hat der schriftlose Nomade einen Gebrauchsgegenstand geschaffen, der in das Klima, die Kultur, die Religion und die Geisteshaltung dieser Zeit eingebettet war. So wie es bei uns die Renaissance, den Barock oder die Biedermeierzeit gab, so änderte auch der Teppich der Nomaden von einem zum anderen Jahrhundert seine Farben und Muster. Solche Stücke sind nicht als Läufer in jeder Größe reproduzierbar. Als der Teppich im Zeitalter der Industrialisierung dann in Massen bestellt wurde, war seine Zeit als Kulturobjekt zu Ende. Ein heute produzierter Teppich ist von vornherein für den Verkauf bestimmt und hat seinen künstlerischen Aspekt verloren. So etwas hat für Sammler keinen Reiz.

Wie alt sind die Teppiche in Ihrer kommenden Ausstellung und aus welchen Regionen stammen sie?

Wir zeigen Exemplare im Alter zwischen 80 und 120 Jahren. Sie stammen aus klassischen Teppichursprungsgebieten, aus der Türkei, dem Iran, dem Kaukasus, ­Afghanistan und Marokko. Eben aus jenem klimatischen Streifen, der Nomaden beherbergte: Das ist Afrika im Süden und Sibirien im Norden.

Welche Funktion hatte der Teppich für die Nomaden in der Wüste?

Überall, wo Menschen sesshaft lebten, sei es im Norden durch die Wildjagd oder im Süden durch den Fischfang, brauchten sie keine Teppiche. Dort aber, wo es weder Wasser noch Bäume gab, waren die Menschen dazu gezwungen, sich stets von Neuem auf Nahrungssuche zu begeben. So entstand das Nomadentum mit flexibler und leicht transportabler Behausung. Tische, Sessel und Betten gab es nicht. Das, was wir Haus oder Tisch nennen, war beim Nomaden der Teppich. Dieser war Gebrauchsgegenstand, reflektierte aber gleichzeitig kulturelle und religiöse Vorstellungen. Und dieser Aspekt macht ihn für Sammler so unglaublich faszinierend. Der Name „fliegender Teppich“ entstammt zum Beispiel der Idee, dass die Seele nach dem Tod ins Jenseits fliegt. Es gibt unzählige Zugänge, nach denen man einen Teppich deuten kann.

Serouchen, Mitte 20. Jahrhundert aus dem Königreich Marokko.

Im Mittelalter war Rot den Adeligen vorbehalten, in der Renaissance galt sie als die schönste Kleiderfarbe. Weshalb dominiert Rot in der Teppichkunst?

Auch wenn es naheliegend wäre – ein Teppich ist nicht rot, um Schönheit und Macht zu demonstrieren. In der Vergangenheit diente diese Farbe vielmehr dazu, die kalten Wintermonate zu überleben. Stellen Sie sich vor, man würde im Winter ohne Ofen in einem Zelt übernachten. Mit einem violetten Teppich wäre man innerhalb kürzester Zeit erfroren. Die Farbe Rot erhöht hingegen die Überlebenschancen. Beim Betrachten einer roten Farbfläche denken wir an Feuer und Glut und wir empfinden sie als warm.

Neben der Teppichkultur spielt die zeitgenössische Kunst in Ihrer Galerie die Hauptrolle. Beide Bereiche haben mit Qualität zu tun. Wann wird Kunst, ob als Teppich oder zeitgenössisches Kunstwerk, für Sie zu etwas Besonderem?

Wenn sie nicht in ein Klischee passt. Und wenn Tabus aufgegriffen werden. Abstrakte Kunstwerke faszinieren mich. Die Reduktion auf das Wesentliche ist eine hohe Begabung.

Woran erkennt man als Laie „gute“ Kunst?

Im Internetzeitalter bleiben gute Künstler nicht lange unentdeckt. Ich empfehle zu recherchieren, wo jemand schon ausgestellt hat. War er mit seiner Kunst in bedeutenden Museen zu sehen, wie in der Sezession, der Albertina oder auf der Biennale in Venedig? Das ist vergleichbar mit einem Tennisspiel. Wenn ein Spieler in Wimbledon am Rasen steht, kann ich mir sicher sein, dass er tatsächlich gut ist.

Mrird aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Wenn es das Internet gibt, wofür braucht es dann noch den Galeristen?

Ein Galerist schützt und fördert seine Künstler. Künstler sollen sich auf ihre Arbeit konzentrieren können und nicht dauernd um der Verkauf oder die Organisation von Ausstellungen. Sie stehen unter dem enormen Druck, stets etwas Neues zu vollbringen. Die Kunst lebt schließlich nicht von der Vergangenheit. Auf der anderen Seite unterstützt er auch den Kunstsammler mit seinem Fachwissen und seinem Netzwerk.

Angenommen, ich möchte selbst in ein Kunstwerk investieren: Sollte ich mich auf den Sachwert verlassen oder lieber das kaufen, was mich persönlich anspricht?

Es ist nicht alles Gold, was glänzt, und das feinste Bild ist nicht automatisch das beste. Ein Kunstwerk ist mehr als nur ein Statusobjekt. Es muss eigenständig sein und Wiedererkennungswert besitzen. Dahinter muss eine Geisteshaltung erkennbar sein. Und es soll unter die Haut gehen. Kunstsammler und Museumsdirektor ­Rudolf Leopold sagte einmal: „Ich habe niemals überlegt, ob ein Kunstwerk im Preis steigt.“ Er war seinerzeit von den Eremiten von Egon Schiele so fasziniert, dass er seine Mutter dazu überredete, das Geld, das sie ihm zu seinem Studienabschluss für den Kauf eines Volkswagens versprochen hatte, in die Anzahlung dieses Bildes zu investieren. Heute sind die Eremiten unbezahlbar. Neben fachlichem Wissen spielt die Intuition natürlich eine nicht unerhebliche Rolle.

Was empfehlen Sie angehenden Sammlern?

Ohne Zeit und Wissen geht nichts! Geschmack geht nicht unbedingt mit der breiten Masse einher. Mit der Qualität verhält es sich wie mit einer Pyramide, die eine sehr kleine Spitze, aber eine breite Basis hat. Das betrifft auch diejenigen, die das beurteilen können. Man sieht nur, was man weiß. Um ein gutes von einem schlechten Kunstwerk zu unterscheiden, sollte man sich zum Einstieg sehr genau informieren. Wenn es um Wertsteigerung geht, steht natürlich fest: Es ist immer besser, ein Kunstwerk noch zu Lebzeiten des jeweiligen Künstlers zu erwerben. Und kaufen Sie lieber ein gutes Objekt als vier oder fünf durchschnittliche: Das Beste ist gerade gut genug.

Galerie Reinisch Contemporary

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag,
10–18 Uhr, Samstag 10–13 Uhr
Hauptplatz 6, 8010 Graz

www.reinisch-contemporary.com

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