Kulturjahr 2020: Graz blickt einem kulturellen Großereignis entgegen

    Kulturjahr 2020: Graz blickt einem kulturellen Großereignis entgegen

    Bürgermeister Siegfried Nagl und Kulturstadtrat Günter Riegler: „Die Aufgabe eines Kulturpolitikers ist es, sich einzumischen“.

    Im Interview mit „Achtzig“ präsentieren Bürgermeister Siegfried Nagl und Kulturstadtrat Günter Riegler erste Pläne für das Kulturjahr 2020. Und diskutieren darüber, inwieweit Kulturpolitik Einfluss auf künstlerische Institutionen nehmen sollte.

    Text: Stefan Zavernik / Julia Braunecker

    Die Kultur spielt auf politischer Bundesebene eine immer bedeutungslosere Rolle. Im Nationalratswahlkampf wie auch in den aktuellen Koalitionsverhandlungen war sie als Thema nicht vorhanden. In Graz hingegen war Kultur im Wahlkampf ein wichtiger Inhalt in Ihrer Partei und soll nun mit dem Kulturjahr ein neues Großereignis erhalten. Ist es für Sie nachvollziehbar, warum die Kultur in der Bundespolitik eine dermaßen vernachlässigte Rolle spielt?

    Siegfried Nagl: Es ist für mich nicht nachvollziehbar und stimmt mich traurig, dass dem so ist. Seit Beginn meiner mittlerweile 20-jährigen Politikerkarriere setze ich auf die Aufgabengebiete der UNESCO. Die Buchstaben „E-S-C“ stehen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur. Ich hoffe, dass die Bundesregierung nicht darauf vergisst, dass das „C“ unsere DNA ist, die uns in der ganzen Welt bekannt macht. Das „C“ ist für mich als Bürgermeister dementsprechend auch ein Schlüssel dafür, warum Menschen gerne in Graz leben.

    Günter Riegler: Menschen und Forschungseinrichtungen ziehen dorthin, wo es Lebensqualität gibt. Bei der Entscheidung, in Graz zu arbeiten und zu leben, ist das Kulturangebot ein zentrales Kriterium.

    Nagl: In Graz haben wir pro Tag umgerechnet 80 verschiedene Kulturveranstaltungen, die von Ausstellungen über Lesungen, Theaterstücken bis hin zu Konzerten reichen. Es sind so viele, dass man gar nicht überall sein kann, wo etwas passiert.

    Warum braucht Graz wieder ein kulturelles Großereignis? Denken Sie an ein Revival der Kulturhauptstadt 2003?

    Nagl: In gewisser Weise vielleicht. Mit dem Kulturhauptstadtjahr 2003 hat man gesehen, wie Kultur die Massen begeistern kann. Und es hat sich gezeigt, wie erfolgreich das Thema Kultur als Aushängeschild unserer Stadt im internationalen Kontext funktioniert. Schon die Vorbereitungszeit auf das Kulturhauptstadtjahr war eine spannende Phase, die der Stadt Graz und ihrer Kulturszene unheimlich viel gebracht hat. Diese Vorbereitungen liegen im Jahr 2020 genau 20 Jahre zurück. Ich empfinde es nun an der Zeit, im Kulturgeschehen wieder etwas Außergewöhnliches zustande zu bringen und den Fokus erneut auf Graz als Kulturhauptstadt zu richten. Diesmal aber nicht im Rahmen der europäischen Idee, sondern von uns selbst verordnet. Ein Revival im klassischen Sinne wird es dennoch nicht.

    Welche grundsätzliche Idee steht hinter dem „Kulturjahr 2020“?

    Nagl: In der Regel ist es die Kultur, die zur Politik kommt und uns darum bittet, das Füllhorn zur Verwirklichung ihrer Ideen auszuschütten. Umgekehrt sehe ich es als große Chance, wenn die Politik zur Lösung zukünftiger Probleme die Kunst einlädt, so wie es auch in der Wissenschaft üblich ist. Als es etwa darum ging, das Feinstaubproblem zu lösen, haben wir die Universitäten und andere Bildungseinrichtungen um ihre Ideen und Konzepte gebeten. Das Kulturjahr 2020 ist ein Call seitens der Stadt an die Kultur: Wir laden Künstler dazu ein, aktuelle Problemlagen von allen Seiten zu beleuchten und neue Ideen zu deren Lösung zu generieren.

    Welche Themen sollen von den Künstlern umgesetzt werden?

    Riegler: Das Kulturjahr ist ganz klar zukunftsorientiert. Wir möchten generell dazu einladen, Stellung zu Zukunftsthemen zu beziehen. Das ist auch die große Chance des Projektes. Für die thematischen Calls schweben mir zwei große Themenstränge vor. Zum einen die Förderung der Integration durch die Kultur und Bildung, beispielsweise durch Musikerziehung. Zum anderen die Digitalisierung und die Zukunft Europas: Wie verändern sich die Lebens- und Arbeitswelten durch den technologischen Wandel? Wie könnte das zukünftige Zusammenleben in Europa aussehen? In Zeiten des Sezessionismus und der Abschottung sind diese Fragestellungen wesentlich.

    Das bedeutet also, dass die Politik im Kulturjahr die Themen vorgibt?

    Nagl: Ich würde es anders formulieren. Die Politik soll nicht vorgeben, sondern dazu einladen, sich an Problemlösungen im öffentlichen Raum zu beteiligen. Das ist etwas ganz anderes, als ein Thema diktatorisch vorzugeben. Ich verwende gerne die Metapher der Wölfe und der Eulen. Die Wölfe, das sind die Betriebswirte, die Juristen und die Ingenieure. Künstler, Kulturschaffende und Kreative haben einen ganz anderen Blick auf die Welt als Wirtschafts­treibende und Politiker. Sie zeigen uns neue Lösungsansätze und laden uns dazu ein, nicht nur ernst und zielstrebig zu arbeiten, was oft ins Engstirnige abgleitet. Wir möchten die Kultur als Katalysator sehen, der uns dabei hilft, einen anderen Blickwinkel einzunehmen.

    Es heißt immer, Kulturpolitik soll etwas ermöglichen. Soll sie sich auch einmischen?

    Riegler: Politik sollte nicht verwechselbar sein, gerade in heutigen Zeiten, wo eine Erkennbarkeit, eine Nuancierung gefordert wird. Als Politiker sollte man Akzente setzen dürfen. Es geht ums Gestalten.

    Nagl: Politik ist Einmischen und Mitmischen. Ich sehe meine Aufgabe darin, mich aktiv einzubringen und umgekehrt auch den Rahmen vorzugeben und Dinge entstehen zu lassen.

    Inwieweit werden die Kultureinrichtungen der Stadt eingebunden sein?

    Riegler: Es geht darum, eine thematische Klammer über die verschiedenen Einrichtungen der freien Szene und jene der großen Häuser zu legen. Auch die Kunst­uni sollte eingebunden werden. Ich bin sehr viel in der Grazer Kulturszene unterwegs, dabei auch immer wieder „off broadway“ – es beeindruckt mich immer wieder aufs Neue, welche Bedeutung die KUG für unsere Stadt hat.

    Nagl: Der Gedanke des Kulturhauptstadtjahres 2003 war, alle Einrichtungen mit ihren Ideen einzuladen. So wird es auch dieses Mal sein. Der Call richtet sich an alle Kulturinstitutionen.

    Wo soll das Kulturjahr räumlich verortet sein?

    Nagl: Mein Vorschlag ist der Murraum. Ich möchte ihn zu einem Kulturraum machen, der bis zum Skulpturenpark in Premstätten reicht, und die Künstler sollen ihn mitgestalten. Als zuständiger Verantwortlicher in der Stadtregierung beschäftige ich mich im Stadtentwicklungs- und Stadtplanungsbereich ganz intensiv mit der Ausgestaltung des Murraums. Dort werden neue Bühnen und Plätze entstehen, wo die Kultur zu Hause sein kann.

    Die Murinsel
    Foto: Harry Schiffer

    Das Kulturjahr 2020 wird also vorwiegend im öffentlichen Raum erlebbar?

    Riegler: Kultur sollte generell nicht hinter verschlossenen Räumen und Mauern stattfinden. Das Thema Kunst im öffentlichen Raum bedeutet für mich auch weit mehr als frei stehende Skulpturen. Bei der Veranstaltung Klanglicht war Kunst drei Tage lang öffentlich erlebbar. Vom Opernhaus bis zum Joanneumring spürte man die Begeisterung der Menschen. Kultur soll Spaß machen und bei den Menschen ankommen. Eine besondere Rolle sollen Musik und Diskursformate spielen.

    Mit welchem Budget rechnen Sie für das Kulturjahr 2020?

    Nagl: Der ehemalige Grazer Stadtrat Helmut Strobl forderte vor 20 Jahren eine Kulturquote von vier Prozent des ordentlichen Haushalts. Aktuell fließen 45 von 900 Millionen Euro des städtischen Budgets in den Kulturbereich. Wir haben derzeit also eine Kulturquote von 5 Prozent und liegen damit weit über dem definierten Ziel von damals. Von diesen 45 Millionen soll mit dem Kulturjahr ein Teil thematisch ausgerufen werden. Darüber hinaus hat aber auch das Land Interesse daran, sich zu beteiligen und die Kräfte zu bündeln. Wir haben vor, den Zukunftsfonds zu beantragen, und befinden uns derzeit im Gespräch mit Landesrat Christopher Drexler.

    Riegler: Es wird logischerweise eine Sonderfinanzierung geben müssen, um das Projekt umzusetzen. Aber es sollen nicht nur völlig neue Mittel freigemacht werden, wie es im Jahr 2003 zum Teil der Fall war. Nach dem Prinzip von Calls sollen nicht nur Infrastrukturförderungen, sondern auch konkrete Projekte finanziert werden.

    Sind langfristige Förderverträge, die noch unter Ihrer Amtszeit bis zur nächsten Wahl abgeschlossen werden, von der Projektbeteiligung am Kulturjahr abhängig?

    Riegler: Spätestens bis Sommer 2018 werden wir dem Gemeinderat Vorschläge für neue mehrjährige Förderverträge vorlegen. Im Rahmen der Doppel­budgeterstellung 17/18 konnten und wollten wir ja nur zweijährige Verträge abschließen. Gemeinsam mit dem neu zusammengesetzten Kulturbeirat wollen wir das Förderungsmodell zwar nicht von Grund auf verändern, aber doch einen Schritt näher in Richtung Calls und Themenorientierung führen. Ich bekenne mich zur Infrastrukturförderung der freien Szene. Wir wollen aber auch Akzente setzen. So wollen wir uns in den nächsten Jahren etwa mit der Frage der Digitalisierung beschäftigen. Da sind ganz unterschiedliche Formate möglich: Diskursveranstaltungen wie das Elevate Festival, wissenschaftliche Symposien, durchsetzt mit Kunstaktivitäten, Kooperationen mit Bildungsinstitutionen.

    Nagl: Wenn wir uns über Verträge unterhalten, bitten wir die Künstler darum, einen Beitrag zu leisten, weil dieses Ereignis über das alltägliche kulturelle Geschehen hinausgeht. Dabei geht es mir auch um kulturelle Wertschöpfung.

    Was verstehen Sie unter kultureller Wertschöpfung?

    Nagl: Zum einen geht es mir um den volkswirtschaftlichen Nutzen. Ein Künstler soll nicht nur seine persönlichen Gedanken abhandeln, sondern auch zu den Problemstellungen der Gesellschaft etwas beitragen.

    Wie nachhaltig soll das Ereignis auf die heimische Szene wirken?

    Nagl: Die Stärkung unserer regionalen Künstler ist von großer Bedeutung. Künstler aus dem Ausland einzuladen und sich im internationalen Scheinwerferlicht zu sonnen ist einfach, aber wo bleibt da die Wertschöpfung für die Künstler der Region?

    Wird das Kulturjahr in regelmäßigen Abständen wieder ausgerufen werden?

    Riegler: In Münster gibt es unter dem Namen „Skulptur Projekte“ seit 1977 eine im Abstand von zehn Jahren stattfindende, international anerkannte Ausstellung von Skulpturen und Plastiken. Wir wollen zukünftig alle fünf, zehn oder zwanzig Jahre „mehr als sonst“ präsentieren und solche „Themenjahre“ wie 2020 ausrufen.

    Wann werden die Planungen für das Kulturjahr konkret? Braucht es dafür einen Intendanten?

    Riegler: Zurzeit befinden wir uns in der Vorprojektphase. Spätestens bis April 2018 wollen wir mit dem Kulturbeirat ein Vorkonzept erstellt haben und anschließend mit der aktiven Intendanzsuche beginnen. Die Betreuung eines solchen Projektes bedeutet eine große Verantwortung und braucht daher eine professionelle Steuerung. Anschließend erfolgt das programmatische Konzept.

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