Bernhard Rinner: „Kunst ist durchaus massentauglich“

Bernhard Rinner: „Kunst ist durchaus massentauglich“

Bernhard Rinner Foto: Sebastian Friedrich

Die Grazer Bühnen verzeichneten in der vergangenen Spielzeit die höchsten Auslastungszahlen in ihrer Geschichte. „Achtzig“ sprach mit dem Geschäftsführer der Theaterholding, Bernhard Rinner, über die Massentauglichkeit von Kunst und Kultur, junges Publikum und den Stellenwert der Kunst in der österreichischen Politik.

Text: Stefan Zavernik

Immer wieder heißt es, Kunst und Kultur wären nur bedingt massentauglich. Hat der Besucher-Rekord der letzten Spielzeit diese weitläufige Meinung widerlegt?

Wenn es um Besucherzahlen geht, wird die Kunst ja gerne mit dem Sport verglichen. Ich scheue diesen Vergleich nicht: Der SK Sturm hatte in der letzten Saison etwa 190.000 Gäste in all seinen Heimspielen, die Bühnen Graz durften sich über 509.000 Besucher freuen. Unsere Auslastungszahlen zeigen, dass Kunst und Kultur von den Menschen angenommen werden und ihnen etwas wert sind. Kunst und Kultur sind offensichtlich Massenphänomene. Doch bei allem Stolz auf den Rekord der letzten Spielzeit, Besucherzahlen sind nur ein Indikator von vielen. Es ist zwar wirtschaftlich entscheidend, wie viele Besucher Tickets kaufen, für den künstlerischen Erfolg zählen hingegen viele weitere Faktoren. Erfolg nur an Besucherzahlen zu messen, wäre aus meiner Sicht zu kurz gegriffen. Man könnte ansonsten ja ausschließlich auf Musicalproduktionen setzen, zum Beispiel auf Starlight Express oder den König der Löwen, und würde damit einen beachtlichen Zuschauerzulauf generieren. Das wäre aber nicht der Zugang für uns als Theater, wir wollen ja den gesellschaftspolitischen Diskurs offen halten.

Trotz steigender Besucherzahlen sind die klassischen Abos heute keine Selbst­läufer. Warum eigentlich?

Auch wenn das Interesse am Theater generell zunimmt, müssen wir im gleichen Augenblick feststellen, dass die Abo-Zahlen sogar zurückgehen. Das Individualinteresse nimmt zu, das Interesse, sich fest an gewisse Termine zu binden, ab. Das ist ein Zeichen unserer Zeit. Die Menschen wissen, was sie wollen, und wollen sich nichts vorschreiben lassen. Es gibt auch den klassischen Bildungsbürger kaum mehr, für den es zum guten Ton gehörte, ein Abo beim Schauspielhaus oder der Oper Graz zu haben.

Speziell die Oper zählt mit einem Auslastungszuwachs von 10 Prozent zu den großen Gewinnern der letzten Spielzeit. Welche Maßnahmen wurden hier gesetzt, um speziell junges Publikum zu erreichen?

Wir haben gelernt, dass wir weit mehr in Theater-Pädagogik investieren müssen. Aus diesem Grund sind in den letzten Jahren an jedem Haus mindestens zwei neue Theaterpädagogen engagiert worden. Das war eine Investition in die Zukunft. Deren Aufgabe ist es nicht, die Handlung einzelner Stücke zu erzählen oder zu erläutern, sondern den Kindern in Workshops die Emotion „Theater“ lebhaft näherzubringen. Wenn dieser Funke überspringt, setzt sich eine Bewegung in Gang. Diese Bewegung ist noch ein kleines, zartes Pflänzchen, aber einer der Gründe, warum unsere Auslastungszahlen gestiegen sind.

Foto: Sebastian Friedrich

Braucht es neue, modernere Inszenierungen, um junge Menschen zu erreichen?

Jugend ist nicht gleich Jugend. Wenn wir von Schülern sprechen, denke ich, dass diese jungen Menschen noch sehr konservative Vorstellungen in sich tragen. Sie machen Ersterfahrungen mit Texten und sind auf der Suche nach Bestätigung auf der Bühne. Sie suchen noch nicht nach Interpretationen. Je älter die Jugendlichen werden, zum Beispiel als Studierende, umso ausschlaggebender wird die Assoziationskraft eines Regisseurs für ein Stück. Die moderne Deutung von Roméo et Juliette hat junge Schulklassen da und dort irritiert, ältere Klassen aber sehr angesprochen, da es eine sehr moderne Deutung des Stücks war. Meine Erfahrung ist: Junge müssen hingeführt werden, Älteren kann man etwas zutrauen.

Gibt es eigentlich so etwas wie einen gemeinsamen Nenner, der das Publikum in seiner Gesamtheit ausmacht?

Es ist ganz sicher der Live-Charakter, der an den einzelnen Häusern zu erleben ist. Wir leben bereits in einer vollkommen digitalen Welt. In einer solchen Zeit sehnen sich immer mehr Menschen nach einem Medium, dem es gelingt, sie aus dieser Welt herauszuholen. Wenn auch nur für ein paar Stunden. Und was beim Live-­Erlebnis noch mitschwingt, ist die Emotion. Freude, Angst, Schrecken, Überraschung. Auf der Bühne findet sich all das wieder, was den Menschen zum Menschen macht.

Als eines der großen Erfolgsmodelle für Kunst im öffentlichen Raum gilt das Projekt „Klanglicht“, das Sie vor wenigen Jahren initiiert haben. Welche Rolle spielt es in Hinsicht auf das Erreichen neuer Besuchersegmente für die einzelnen Häuser?

Es bringt uns neue Zuseher, aber auch Menschen, die vor langer Zeit einmal Zuseher waren. Klanglicht steht für ein positives Erlebnis, das wir brauchen, damit die Leute sagen: Das ist ja großartig, ich muss wirklich wieder einmal ins Theater gehen! Aber es ist nur eines von vielen Zielen, denn Klanglicht war nie als klassisches Verkaufstool geplant. Es war immer als klassisches Lichtfest konzipiert, das gemeinsam mit Künstlern entsteht.

Für 2018 sind sogar drei Tage für Klang­licht geplant. Das Grazer Publikum ist bereits gespannt.

Es werden weit mehr Standorte bespielt. In Wahrheit bespielen wir bald die ganze Stadt, hoffentlich bald auch den Landhausinnenhof. Die Stadtpfarrkirche zum Beispiel kommt dazu, auch das Künstlerhaus. Mit dem Kunsthaus sind wir am Verhandeln. Wie schon 2017 ermöglichen wir den Leuten, auch einmal selbst auf der Bühne zu stehen, und öffnen hierfür das Schauspielhaus.

Foto: Sebastian Friedrich

Hinter den Bühnen Graz steht ein Budget von etwa 51 Millionen Euro. Gute 40 Millionen davon werden durch öffentliche Förderungen aufgebracht. In Zeiten, in denen die Themen Kunst und Kultur speziell auf bundespolitischer Ebene immer mehr an Bedeutung verlieren: Muss es das Ziel sein, einen Betrieb wie jenen der Bühnen Graz wirtschaftlich unabhängiger aufzustellen? Oder ist das schlichtweg unmöglich?

Natürlich ist das unser Ziel. Aber es ist wirklich schwierig zu erreichen. Selbst den Salzburger Festspielen, einem der wohl berühmtesten Betriebe Österreichs, wenn es um die sogenannte Hochkultur geht, gelingt dieses Vorhaben nicht zu 100 Prozent. Noch immer finanzieren sie 25 Prozent ihres Budgets durch die öffentliche Hand. Und das bei Ticketpreisen von 420 Euro für die erste Kategorie. Das ist für Graz undenkbar. Wir sind eben ein Stadttheater, und das sage ich, ohne uns damit provinzialisieren zu wollen. Wir können uns keine Anna Netrebko leisten. Und wir können auch keine so hohen Ticketpreise verlangen.

Stattdessen?

Stattdessen leisten wir uns die Anna Netrebko der Zukunft. Und das sollte das Bewusstsein der Bevölkerung werden. Das soll sich unser Publikum erwarten dürfen.

Sie waren selbst jahrelang erfolgreich in der Politik tätig. Folgende Frage also an einen Insider: Warum verliert das Thema Kunst und Kultur in der Bundespolitik zunehmend an Bedeutung. In einer Kulturnation wie Österreich?

Die Wahrheit ist brutal und enttäuschend. Am Ende liegt das Potenzial für ein breites Kunst- und Kulturinteresse in der Bevölkerung bei 15 bis 20  Prozent. Damit gewinnt man keine Wahlen. Diese traurige Tatsache lässt auch Rückschlüsse darauf zu, warum das Kulturprogramm der einzelnen Parteien niemals ein Wahlkampfschlager sein kann. Darüber hinaus ist Kunst und Kultur immer ein polarisierender Faktor, wenn es darum geht, Wählerstimmen zu gewinnen. Kultur weniger, denn hier geht es ja darum, ein Erbe zu bewahren. Aber Kunst sehr wohl. Hier geht es um Originäres, um Neues. Die originäre Idee polarisiert extrem. Kunst ist schwierig zu kommunizieren. Sie ruft eine hohe Gegnerschaft hervor. Die Politik will sich diesen Konflikt nicht antun, da es mit der Kunst aus ihrer Sicht ohnehin nichts zu gewinnen gibt, wenn es um Wahlen geht.

Auch wenn Sie der Politik Lebewohl gesagt haben: Gibt es kulturpolitische Ideen, die Sie beschäftigen? Zum Beispiel in Hinblick auf die Förderung von Kunst und Kultur im Allgemeinen?

Eine steuerrechtliche Absetzbarkeit von Kunstwerken wäre wunderbar. Kunstkäufe über Unternehmen müssten steuerlich begünstigt werden, das würde eine enorme Bewegung in Gang setzen. Am wichtigsten aber wäre es, positiver an kulturpolitische Herausforderungen heranzutreten, weniger zu jammern, sondern optimistischer zu werden. Das würde schon viel bewegen. Das ist wie in der Ökonomie. Wirtschaftsforscher bestätigen Entwicklungen oft als selbstgemacht, weil die Leute so viel sudern. Wären die Menschen positiver, würden viele Depressionen in der Wirtschaft verhindert werden können. Mit hohem Engagement und Begeisterung kann man viel bewegen. Die Begeisterung für Kunst sollte sich wie ein Virus verbreiten, der die Leute ansteckt.

Wäre ein bedingungsloses Grundeinkommen für Künstler in Ihren Augen eine Möglichkeit?

Nein. Das ist mir zu negativ belastet. Ich möchte nicht, dass Kunst zum Sozialfall wird. Künstler sind keine Problemfälle. Vielmehr bin ich für eine gezielte Projektförderung.

Foto: Sebastian Friedrich

Graz blickt zwei kulturellen Großereignissen entgegen: Dem Kulturjahr 2020 und der Steiermark-Expo. Was wünschen Sie sich als Kulturmacher von diesen Events?

Beide Projekte sollten auf Nachhaltigkeit ausgelegt sein, auch wenn der Begriff „Nachhaltigkeit“ schon überstrapaziert ist. Bevor man sich aber genauere Gedanken machen kann, muss von den Eigentümerschaften einmal klar entschieden werden, ob es ein Intendantenprinzip geben soll. Ich würde das gut finden. Man müsste einer künstlerischen Leitung das Vertrauen schenken, das Jahr zu kuratieren. Ab diesem Zeitpunkt muss sich die Politik dann heraushalten. Diese Entscheidung ist aber noch nicht gefallen. Ich persönlich halte nichts von Kollektivorganen, genauso wenig wie von Wünschen der Politik, die umgesetzt werden sollen. Großmütig wäre es von der Politik, einem Intendanten zu vertrauen, um tolle Dinge zu entwickeln. Da gibt es einige spannende Persönlichkeiten, die dafür in Frage kämen. Die Politik braucht hier Mut. Wenn das Kulturjahr und die Steiermark-Expo zu einem kulturellen Gesamtaufschwung in der Steiermark führen würden, wäre das nur wünschenswert.

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