„Masse Mensch“ im TiK: Ein zeitloser Konflikt

„Masse Mensch“ im TiK: Ein zeitloser Konflikt

Nach fast 100 Jahren wird das Stück „Masse Mensch“ von Ernst Toller in neuer Fassung am TiK uraufgeführt. Sein warnender Inhalt scheint auf erschreckende Weise zeitlos.

Text: Lucas Kristan

Ernst Tollers (1893–1939) Stück beschreibt einen sich entwickelnden Krieg zwischen dem Staat und dem Volk. Der Staat, repräsentiert durch die Börse und Bankiers, feiert ausgelassen, während das Volk hungert. Eine ambitionierte, junge Frau versucht, „die Masse“ zu mobilisieren, um sich gegen dieses ungerechte Ungleichgewicht aufzulehnen, ungeachtet der Tatsache, dass ihr Ehemann Anhänger eben diesen Systems ist. Sie will dem Staat die Maske von der Mörderfratze reißen. Aber ihr Bestreben, das Problem friedlich zu lösen, eskaliert in einer blutigen Revolution. Die ideologische und intellektuelle Anführerin verliert die Kontrolle und wird schließlich von denen benutzt und eingesperrt, für die sie sich anfangs engagierte.

Dem „Der Zweck heiligt die Mittel“ stellt der Autor seine Auffassung von Menschlichkeit entgegen. Seine Abscheu gegen Kapitalismus und Kommunismus, aufgrund beidseitiger Anwendung von Gewalt, ist klar ersichtlich, auch seine linkssozialistische Gesinnung. Als Protagonist der Münchner Räterepublik wird er nach deren Zerschlagung 1919 zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt, wo er die erste Fassung in zweieinhalb Tagen niederschrieb. In einem Brief bezeichnete er das Drama in seiner Totalität als visionäre Schau. Der 1932 wegen seiner jüdischen Herkunft und politischen Haltung aus Deutschland ausgebürgerte Toller wählte 45-jährig in den Vereinigten Staaten den Freitod.

Die Inszenierung des Regisseurs Alfred Haidacher kommt mit einer Besetzung von lediglich fünf Darstellern aus. Die Hauptprotagonistin bleibt bei ihm, im Gegensatz zum Originaltext, namenlos. Für die Stimme der Masse reicht ihm anfangs nur eine Schauspielerin und ein Live-Echo. Später manifestiert sich aus diesem Echo die Gestalt des Namenlosen. Das Bühnenbild wird farblich einfach gehalten: Warnendes Rot dominiert auf schwarzem Hintergrund. Ein zentrales, drehbares Stufengebilde sorgt für Abwechslung zwischen den einzelnen Szenen. Teils surreale Traumbilder bilden den Kern des Stückes, da sie die Emotionen des Konflikts und dessen Ursprung anschaulich darstellen.

Die expressionistische Kunstsprache verleiht dem Geschehen zusätzlich etwas Groteskes, schafft aber für den Zuschauer die notwendige Distanz, um seinen eigenen Standpunkt behalten zu können. Szene für Szene findet man sich in der Handlung ohne Überleitung einen Schritt weiter, wodurch, kombiniert mit der speziellen Sprache, die Aufmerksamkeit aufrecht­erhalten wird. Für „Classics in the basement“, eines der vielen Dauer-Projekte des TiK, wählte der Regisseur das Stück aufgrund seiner nicht zu leugnenden Aktualität. Mit seinen 75 Minuten Spiellänge ist Masse Mensch keineswegs bloß etwas für hartgesottene Anarchos, sondern bietet jedermann einen intellektuell und visuell mitreißenden Abend.

Termine: 9., 14., 15., 17., 21., 23. Februar, 1., 2., März, jeweils um 20 Uhr

Schauspieler: Katrin Ebner, Laura Koch, Christian Krall, Alexander Kropsch, Bernd Sracnik

Theater im Keller, Münzgrabenstraße 35, 8010 Graz, Tel. 0316 846 190

www.tik-graz.at

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