Shirin Neshat in der Neuen Galerie: Frauen zwischen Orient und Okzident

Shirin Neshat in der Neuen Galerie: Frauen zwischen Orient und Okzident

Shirin Neshat, "Rapture", 1999

Werke aller Schaffensphasen der poetischen Rebellin iranischer Herkunft sowie einige aktuelle Werke erstmals in Österreich zu sehen.

Text: Natalie Resch

Traditionen des Ostens treffen auf Lebensentwürfe des Westens: Die Videos und Fotografien der Biennale-Preisträgerin Shirin Neshat kreisen um Widersprüche. Ihre scharfe Beobachtungsgabe und die Erfahrungen, im Teheran der 60er-Jahre in einer westlich geprägten Familie aufgewachsen zu sein, in Amerika studiert und gelebt zu haben, übersetzt sie kraftvoll und ambivalent in ihre Werke. Die aktuelle Schau zeigt Werke aus all ihren Schaffensphasen – ihre berühmten ikonischen Schriftfotografien der 1990er-Jahre, Mehrkanal-Videoinstallationen, monumentale Werkblöcke wie The Book of Kings (2012) und Neuproduktionen wie Roja und Sarah aus der Trilogie Dreamers (2016/2017). Bildgewaltig und in die Körper der abgebildeten Menschen schreibt sie die Rolle der Frau im Iran ein. Die Künstlerin macht die Spuren traumatischer Nachwirkungen diasporischer Erlebnisse auf Frauen sichtbar und thematisiert, wie diese über sie in der Gesellschaft fortan weiterleben. Im Diskurs zwischen Okzident und Orient nimmt die Künstlerin eine zentrale Position ein. Sie gilt als rebellische Nonkonformistin.

Shirin Neshat, „Women of Allah“

Das Mythisch-Archaische der persisch-­iranischen Tradition prägt ihre aktuellen Werke, die teilweise erstmals in Österreich zu sehen sind. Shirin Neshat bezieht sich auf feministische Dichterinnen wie Forugh Farrochzad oder Tahereh Saffarzadeh, deren Poesie von den islamischen Machthabern wegen ihrer nach Freiheit strebenden Themen zensiert wurde. Probleme kultureller Identität greift sie in der bekannten Fotoserie Women of Allah (90er-Jahre) auf, während die monumentale Fotoserie The Book of Kings (2012) Massenverhalten im Kontext des Arabischen Frühlings, aber mit einer allgemein gültigen Aussage verhandelt. Die Werke mit archaischem Grundton verbinden Vergangenheit mit aktuellem politischem Geschehen. Der 2009 auf der Biennale mit dem Regiepreis prämierte Film Women without Men erzählt die Geschichten von iranischen Frauen vor der Folie des Militärputsches 1953. Shirin Neshats Arbeiten machen deutlich, dass es beim Kontakt zwischen Kulturen immer zu einem gegenseitigen Austausch kommt. Das eine geht in das jeweils andere über.

Shirin Neshat. Frauen in Gesellschaft

Bis 22. April 2018, Neue Galerie Graz, Joanneumsviertel, 8010 Graz

www.neuegaleriegraz.at

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