Start Kunst & Kultur „Jetzt war nur die Stille … Stille und sonst nichts“

„Jetzt war nur die Stille … Stille und sonst nichts“

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Im Rahmen der Ausstellung über die iranische Exilkünstlerin Shirin Neshat in der Neuen Galerie wird an mehreren Terminen ihr 2009 veröffentlichtes und prämiertes Spielfilmdebüt „Women without Men“ vorgeführt.

Text: Vanessa Roi

Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Shahrnush Parsipur erzählt Shirin Neshat die Geschichte von vier Frauen während der Zeit des Militärputsches in Teheran 1953. Ausgelöst durch Meinungsverschiedenheiten in der Ölbranche zur Zeit des Kalten Krieges wurde der demokratisch gewählte Ministerpräsident Mohammed Mossadegh durch den von der CIA unterstützen Schah Mohammad Reza Pahlavi gestürzt.

Gesellschaftskritik aus Frauensicht

Alter und soziale Herkunft der vier Protagonistinnen sind sehr unterschiedlich, sie entstammen drei verschiedenen Klassen der iranischen Gesellschaft – der Unterschicht, dem traditionellen Mittelstand und der angesehenen Upper Class. Gemeinsam haben sie jedoch, dass sie allesamt unter der patriarchalischen Dominanz leiden und allesamt Opfer männlicher Gewalt sind, von der sie sich auf unterschiedliche Weise im Verlauf der Narration lösen. Diese Beschäftigung mit den Lebenswirklichkeiten der Frauen im Iran ist das große Thema, welches sich durch das gesamte Oeuvre Neshats zieht.

„Jetzt war nur die Stille … Stille und sonst nichts“

Mit diesen markanten aus dem Off gesprochen Worten von einer der vier Protagonistinnen namens Munis (Shabnam Tolouei) beginnt der Film. Um die Handlung perfekt einzurahmen endet er nach 96 Minuten auch wieder mit den von ihr aus dem Off gesprochenen Sätzen „Der Tod ist nicht schwer. Alles was wir gesucht haben, ist eine neue Form, der neue Weg der Freiheit.“ Thematisch beziehen sich beide Aussagen auf ihren Freitod, in dem die westlich orientierte Munis die einzige Möglichkeit sieht, wie sie sich aus ihrem familiären Gefängnis befreien kann. Sie ist politisch interessiert, kann sich aber erst nach ihrer real wirkenden, aber symbolisch gemeinten Wiedergeburt als Geist an den Protestmärschen der weiß gekleideten Kommunisten beteiligen.

Filmplakat zu „Women without Men“ (2009) von Shirin Neshat.

Innerhalb dieses Rahmens verlaufen die anderen Handlungsstränge anfänglich getrennt voneinander, verflechten sich dann aber zunehmend. Die aus der Oberschicht stammende Fakhri (Arita Shahrzad) beschließt ihr altes nicht befriedigendes Eheleben mit einem General hinter sich zu lassen und kauft ein Anwesen außerhalb der Stadt mit einem großen Garten. In diesen hat sich auch die junge Prostituierte Zarin (Orsi Tóth) geflüchtet, als sie aufgrund von Depressionen jeden Mann nur noch als gesichtsloses Wesen wahrnimmt. Nichtsdestotrotz stellt gerade sie einen spirituellen Charakter dar, der auf magische Weise mit dem Wohlergehen des Gartens verbunden ist. Auch Faezeh (Pegah Ferydoni), eine Freundin von Munis und brave keusche Muslimin, findet dort Zuflucht, nachdem sie von zwei Männern vergewaltigt wurde. Sie durchlebt eine wahre Persönlichkeitsreifung vom schüchternen Opfer hin zu einer starken Erwachsenen, die statt Tschador, dem traditionellen schwarzen und bis zum Knöchel reichenden Schleier,  nun moderne Blümchenkleider trägt. Auch wenn die drei Frauen ihr selbstbestimmtes Zusammenleben zu genießen scheinen, wird dieser harmonische Zustand nicht von großer Dauer sein.

Reißender Absatz am Schwarzmarkt

Im Vorfeld zu den Filmaufnahmen entstand eine Reihe von begehbaren Videoinstallationen über die fünf Hauptcharaktere des Romans, deren kunstvoller Anspruch im Film nicht verloren geht. Die veränderte Anzahl der Hauptcharaktere deutet bereits darauf, dass Neshat einige inhaltliche Änderungen vorgenommen hat.  Obwohl beide Werke im Iran verboten sind – oder vielleicht gerade deswegen – haben sie einen hohen Bekanntheitsgrad und sind auf dem Schwarzmarkt sehr beliebt.

Aktualität des Filmes

Zeitpolitisch relevante und heute wieder aktuelle Themen werden von Neshat geschickt mit symbolischen Elementen der traditionellen persischen Dichtung verflochten. Dadurch entsteht ein beinahe malerisch anmutendes Kunstwerk mit wohlkomponierten Aufnahmen. So spielt das vielseitige Motiv des Gartens eine große Rolle, das den inneren Zustand der Frauen wiederspiegelt – der Garten Eden als idealer friedlicher Ort der Erfüllung, aber auch als ein bedrohlicher Ort, als Zufluchtsort, als mystisches Reich voller Magie.  Angesichts der erst vor Kurzem in Österreich geführten Debatten bezüglich des im Oktober 2017 in Kraft getretenen Anti-Gesichtsverhüllungsgesetztes, weist der Film eine interessante Aktualität auf. Neshat setzt den Tschador, dessen Tragen zu dieser Zeit nicht verpflichtend war, bewusst als ikonographisches Symbol ein. Sie schafft es, entgegen der gängigen Assoziation einer gänzlich verschleierten mit einer kaum emanzipierten, unterdrückten Frau, das Bild des Tschadors als eine Art schützendes Versteck zu vermitteln, von welchem aus die Trägerin ihr Umfeld kritisch beobachten kann.

So, 18.02. 11:30 KIZ RoyalKino

So, 04.03. 11:30 KIZ RoyalKino

So, 18.03. 11:30 KIZ RoyalKino

So, 08.04. 15:00 Joanneumsviertel, Auditorium im Foyer

So, 22.04. 15:00 Joanneumsviertel, Auditorium im Foyer zum Abschluss der Ausstellung