Start Kunst & Kultur Gelungene Kooperation: Im Museum für Geschichte leben Erinnerungen auf

Gelungene Kooperation: Im Museum für Geschichte leben Erinnerungen auf

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Das Museum für Geschichte im Palais Herberstein. Foto: J.J. Kucek

Menschen mit Demenz ästhetisches Erleben möglich machen: Seniorinnen und Senioren aus dem Diakoniewerk auf einem Rundgang durch das Museum für Geschichte.

„Dieser Reichtum, den sie früher hergezaubert haben!“, schwärmt Frau P. vor der Vitrine mit den alten Truhen. Ein Besuch von Tagesgästen des Diakoniewerks Steiermark im Schaudepot, der kulturhistorischen Sammlung des Universalmuseums Joanneum, ist ein genussvolles Erlebnis. Das Schaudepot zeigt rund 2.000 historische Objekte aus dem täglichen Leben wie Möbel, Musikinstrumente oder Geschirr. Der Ausflug in das Museum hebt sich vom Alltag ab. Normalerweise besuchen die älteren Damen und Herren die Tagesbetreuung des Diakoniewerks für Menschen mit Demenz. Sie verbringen gemeinsam den Tag, erleben Abwechslung und erhalten dort Unterstützung, wo es notwendig ist. Die Aktivitäten in der Tagesbetreuung orientieren sich daran, was die Menschen immer schon gerne gemacht haben. Beliebt sind Erzählrunden über alte Zeiten: das erste Auto, das Leben in Graz oder die Familie. Es wird gesungen, gelesen oder gemeinsam gekocht. „Im Mittelpunkt steht das Erhalten der Selbstständigkeit“, so die Leiterin Ingrid Ferstl. „Die Schuhe noch selbst zu binden hat viel mit Würde zu tun.“ Abends kehren die Tagesgäste wieder in die eigene Wohnung oder zu ihrer Familie zurück.

Die Senioren schwelgen in Erinnerungen.

Menschen mit Demenz sind mit vielen Verlusten konfrontiert: Soziale Kontakte, die Sprache und andere Fertigkeiten bröckeln nach und nach ab. Genussvolles Empfinden, die Freude am Augenblick und Erinnerungen an früher bleiben jedoch. Die Ausstellungsstücke im Museum für Geschichte sorgen schon beim Betrachten für viele Gespräche. In der collagenartig präsentierten Sammlung fühlen sich die BesucherInnen in frühere Zeiten versetzt, bereichert durch die eigenen Schätze der Erinnerung. Da tauchen Gedichte auf, Lieder werden angestimmt und Anekdoten erzählt. Astrid Aschacher und Christoph Pietrucha vom Universalmuseum Joanneum ergänzen die Führung mit historischen Details und beantworten viele Fragen. Die beiden machen die Geschichte auch begreifbar: Porzellantassen oder Postkarten mit steirischen Motiven machen die Runde. „Mir gefällt die Steiermark sehr, aber das ist Ansichtssache“, meint eine Besucherin und gibt die Postkarte vom steirischen Naturjuwel Grüner See an ihre Sitznachbarin weiter.

Die beiden Kulturvermittler machen Geschichte begreifbar.

Die Gruppe schlendert durch den letzten Raum, in dem Hüte, Schuhe und Kleider ausgestellt sind. Besonders die Damen diskutieren ausgiebig Absatzhöhe und Hutkrempen. Die rund einstündige Führung mit vielen sinnlichen Impulsen ist hier zu Ende. Ein Herr aus der Runde bedankt sich noch einmal ausgiebig: „Sie haben uns eine wunderschöne Zeit beschert.“ Im Taxi zurück in die Tagesbetreuung machen sich Müdigkeit, aber auch Zufriedenheit bei den SeniorInnen breit. Die Museumsbesuche bedeuten Begegnung, Kommunikation und Entfaltung, wenn die Rahmenbedingungen auf Menschen im Alter abgestimmt sind. „Dass eine Kultureinrichtung speziell auf das Tempo und die Interessen der Menschen im Alter eingeht, zeugt von Wertschätzung und Respekt“, freut sich Claudia Paulus, Geschäftsführerin des Diakoniewerks. Was bewegt das Universalmuseum zu dieser Initiative? „Wir haben als Museum einen gesellschaftlichen Auftrag, daher fördern wir auch ganz bewusst die kulturelle Teilhabe von Menschen mit besonderen Bedürfnissen“, erläutert Angelika ­Vauti-Scheucher, zuständig für Inklusion und Partizipation im Joanneum das Ziel der Kooperation. Das Museum sieht sie als herausfordernde Schnittstelle zwischen Sozialem, Kunst und Kultur.

Das prächtige Stiegenhaus im Museum für Geschichte.

Mit diesen Museumsbesuchen, angeregt vom Verein Culture Unlimited, eröffnen das Diakoniewerk und das Universalmuseum Joanneum neue Erfahrungswelten für Menschen mit Demenz. Folgetermine in anderen Häusern und Ausstellungen des Joanneums sind geplant. „Das waren bislang unsere schönsten Arbeitstage im Museum“, ziehen Vauti-Scheucher und Ferstl auch ein sehr persönliches Resümee.

Diakoniewerk Steiermark
0316 321 608 -401
www.diakoniewerk.at

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