Grazer Kulturorte: Vom Atelier in Schlachthofnähe bis zur Pessimismus-Galerie

Grazer Kulturorte: Vom Atelier in Schlachthofnähe bis zur Pessimismus-Galerie

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Büro für Pessi.mismus Foto: Rudi Ferder

Neben den öffentlichen Häusern warten zahlreiche Kultur- und Veranstaltungsorte in Graz darauf, besichtigt zu werden. Wo? „Achtzig“ präsentiert acht Plätze, in die Kulturinteressierte ihre Füße setzen sollten.

Text: Julia Braunecker

Der Grazer Kunstverein

Das Palais Trauttmansdorff ist ein ehemaliges Grazer Stadtpalais in der Bürgergasse, das in seinem Erdgeschoß den Grazer Kunstverein sowie das ESC medien kunst labor beherbergt. Der Grazer Kunstverein wurde vor über 30 Jahren von Peter Pakesch und Helmut Strobl gegründet und präsentiert seither österreichische und internationale bildende Kunst in Form von Ausstellungen, Vorträgen und Publikationen. Seit dem 16. September 2016 obliegt die künstlerische Leitung der 33-jährigen Irin Kate Strain. Diese setzte, nachdem sie Franz Fischers Buch Die Notwendigkeit der Künste gelesen hatte, das gesamte Vorjahresprogramm unter dessen Leitgedanken: Weg vom elitären Kunstbegriff, hin zu einer Kunst, die sich an jeden Einzelnen richtet. Auch im neuen Jahr wird jeder Besucher persönlich mit einem Getränk begrüßt, durch die Ausstellungen geführt und erhält anschließend noch ein kleines Souvenir für zu Hause. Mitglieder des Kunstvereins schmökern kostenlos in den Büchern der „Members Library“. In den Ausstellungsräumen sind noch bis zum 18. Februar die Arbeiten der beiden Künstlerinnen Isabel Nolan und Ola Vasiljeva zu besichtigen. Isabel Nolan, ebenfalls aus Irland, arbeitet mit Skulpturen, Textilien, Fotografien und Texten, Ola Vasiljeva (Lettland) beschäftigt sich auf spielerische Weise mit Skulpturen, Zeichnungen, Videos und Fundstücken.

Ausstellungsansicht von Isabel Nolans Curling up with Reality“ im Grazer Kunstverein.
Foto: Christine Winkler

Kunst im digitalen Raum

Das ESC-Medienlabor wurde 1993 von Grazer Künstlerinnen gegründet und setzt sich seither mit neuen Technologien und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft auseinander. Das Kürzel „ESC“ soll eine Anspielung auf die gleichnamige Abbruchtaste am Computer sein. „Wir verstehen ‚Escape‘ aber nicht im Sinne von Flüchten, sondern als eine Möglichkeit, einen Vorgang zu unterbrechen, um durch diesen bewussten Stillstand neue Sichtweisen zu entwickeln“, erklärt die Kunstorganisatorin Ilse Weber, die gemeinsam mit Reni Hofmüller das Labor als Ausstellungs- und Produktionsstätte führt. „Als Kuratorin wählt man üblicherweise Künstler aus, deren Arbeiten in ein bestimmtes Ausstellungskonzept passen“, fährt sie fort. „Im ESC drehen wir dieses Prinzip um. Wir laden Kulturschaffende bereits im Vorfeld einer Ausstellung zu einem Zusammentreffen ein und lassen sie selbst darüber entscheiden, mit welchen Themen sie sich auseinandersetzen wollen.“ In einem Think Tank werden monatelang Themen erörtert, die von einer größeren medialen Öffentlichkeit erst viel später aufgegriffen werden. In der Vergangenheit war das etwa bei der Gentechnik, der Überwachung im Netz oder bei der manipulativen Kriegsberichterstattung der Fall. Nach der kontinuierlichen Beschäftigung mit der Gegenwart und dystopischen Ereignissen wie ökonomischen und ökologischen Katastrophen machen sich die KünstlerInnen des ESC im neuen Jahresprogramm auf die Suche nach Gegenentwürfen und Utopien unter dem Titel „Ferne Welten/Distant Skies“. Ende Februar wird das Programm präsentiert.

Aussenfront des ESC Medienlabors.
Foto: Peter Purgar

Kultur im Grünen

Das Forum Stadtpark ist ein Produktions- und Präsentationsort für zeitgenössische Kunst und Literatur. Jährlich finden rund 150 Veranstaltungen statt, der Großteil davon bei freiem Eintritt. Der Name bezeichnet sowohl die Aktionsgemeinschaft als auch den Ort mit der Anschrift Stadtpark 1. Zur Gründung kam es im Sommer 1958, als Grazer Künstler gegen den Abbruch des leerstehenden Grazer Stadtpark-Cafés protestierten. Der Aufstand wurde belohnt: Zwei Jahre später öffnete das Haus erneut seine Pforten. Parallel dazu erschien auch das erste Mal die Literaturzeitschrift „manuskripte“, Herausgeber Alfred Kolleritsch war Vorsitzender des Forums bis 1995, ihm folgte Walter Grond. Seit 2011 ist Heidrun Primas Leiterin des Forums, das seit seiner Gründung immer wieder zwischen die Fronten sozialer Konflikte gerät. Primas sieht sich als Friedensstifterin und setzt sich in ihrer Position auch für eine konsumfreie und friedliche Nutzung des 22 Hektar großen Stadtparkareals ein.

Forum Stadtpark

Drehscheibe für Weltkulturen

Schon seit der Eröffnung des Afro-Asiatischen Instituts im Jahr 1964 unter der Leitung des späteren langjährigen Pressechefs der Salzburger Festspiele, Hans Widrich, bietet das Kultur- und Kommunikationszentrum 50 Studierenden aus Afrika, Asien und Lateinamerika ein Dach über dem Kopf. Kultur- und Bildungsreferentin Evelyn Tschernko unterstützt die Neuankömmlinge seit zehn Jahren bei ihrer Vernetzung mit österreichischen Institutionen. Enge Kooperationen gibt es mit UniT und InterAct. Das Kommunikations- und Begegnungszentrum dient allen weltoffenen Grazern und Grazerinnen als eine (generationenübergreifende) Anlaufstelle für Lesungen, Ausstellungen und Konzerte.

Ausstellungseröffnung „Messages for a better world“ im Afro-Asiatischen Institut.
Foto: Nikola Milatovic

Kunst in der Fabrik

Ein Schlachthof, eine Mülldeponie, ein Fernheizwerk, die Strafanstalt Karlau sowie der Zentralfriedhof bilden die eher ungewöhnliche Nachbarschaft des freien Atelierhauses „Schaumbad“ im Grazer Triesterviertel. „Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, für die (Psycho-)Hygiene der Bevölkerung Sorge zu tragen“, ist auf der Homepage der Kulturinitiative zu lesen. Hausherrin ist die Multimedia-Künstlerin Eva Ursprung, deren 2008 gemeinsam mit anderen Grazer Künstlern gegründetes Atelierprojekt fünf Jahre später in ein altes Industriegebäude in der Puchstraße am Südrand von Graz übersiedelte. Dort sind heute auf 2.000 Quadratmetern über 40 Künstler aus den Sparten Bildhauerei, Malerei, Musik, Video und Performance aktiv. Die Veranstaltungsräume können für künstlerische und kulturelle Veranstaltungen angemietet werden. Jeden letzten Sonntag im Monat treffen sich Künstler und Interessierte bei einem sogenannten Art Brunch, um aktuelle Projekte zu diskutieren und sich untereinander zu vernetzen.

Auf und neben dem Klangobjekt von Christof Neugebauer im Schaumbad stehen: (v.l.): Johannes Zmölnig, Gregor Schlatte, CEDES, Gudrun Lang, Kathrin Velik, Christoph Neugebauer, Stefan Lozar, Eva Ursprung, Elisabeth Gschiel, Stefan Schmid, Franz Konrad.
Foto: Alexandra Gschiel

Kunst auf christlichem Boden

Das Kulturzentrum bei den Minoriten in Graz setzt sich bereits seit mehr als 40 Jahren mit dem Thema der Religion in zeitgenössischen Kunstformen auseinander. Johannes Rauchenberger ist seit dem Jahr 2000 Leiter des Zentrums und scheut sich nicht vor einer kritischen Auseinandersetzung mit religiösen und spirituellen Themen. „Wir gehen ein Thema immer von zwei Seiten an“, erklärt er. Die Offenheit des Kulturzentrums gegenüber nicht kommerziellen Dingen werde auch seitens der Künstler sehr geschätzt. Neben der bildenden Kunst spielen im KULTUM auch die zeitgenössische Literatur, neue Musik und der Film eine bedeutende Rolle. So vernetzt etwa die Reihe „Literatur vor Ort“ steirische Schriftsteller mit internationalen Autoren und bei „Literatur OST >< WEST“ spiegeln Autoren aus Südost- und Mitteleuropa gesellschaftliche Entwicklungen in ihren Heimatländern wider. Beim jungen Publikum sind Poetry Slams sehr beliebt.

Die Minoriten: ein Haus für zeitgenössische Kunst, Gegenwartskultur und Religion.

Gries-Traum

Im März 2015 erblickte das „Kreativ-Wohnzimmer im Annenviertel“ (Sarah Gritsch, Annenpost) das Licht der Welt. Der Verein „Cuntra – Plattform zur Förderung von Integration, Bildung, Kunst und Kultur“ existiert bereits seit 2013 und setzt sich seither unter der Leitung von Tatjana Petrovic, die in ihrem Brotberuf als Therapeutin und Systemischer Coach tätig ist, für eine gelebte kulturelle Vielfalt in einer diversen Gesellschaft ein. Wichtigstes Anliegen ist die Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts und die Schaffung von Chancengleichheit durch Kunst und Kultur über trennende soziale, kulturelle und geografische Gegebenheiten hinweg. In der „Cuntra MachHalla“ am Griesplatz sowie im gegenüberliegenden Kulturcafé „LaCuntra“ finden regelmäßig Events zum Thema Kunst, Kultur und Unterhaltung statt.

Galerie für Pessimisten

Letzten Herbst öffnete in einer Lagerhalle in der Waagner-Biro-Straße das „Büro für Pessi.mismus“ seine Pforten. In den zwei großräumigen Betonhallen sind derzeit unter dem Titel „Böses und ARTiges“ die Arbeiten des 1965 geborenen Grazer Künstlers Nikolaus Pessler ausgestellt. Das Büro für Pessi.mismus soll ein Ort für Kunst, Aktionen, Ausstellungen und Dialog sein. „Wir begreifen Kunst als Lebensmittel, um elitäre Intellektuellenszenen aufzubrechen und zugänglich zu machen“, so Petra Lex, die als Leiterin bei der „Stadtteilarbeit EggenLend“ schon viele Ideen umsetzen konnte. „Aber leichte Kost gibt es bei uns keine.“ Pessler beschönige nichts, seine Arbeiten seien politisch und die Gesichter der Gemalten würden starke Emotionen hervorrufen. „Auf einem Bild ist zum Beispiel der türkische Präsident Erdogan in Gemeinschaft von Mickey Mouse zu sehen.“ In Zukunft soll es in der Lagerhalle nicht nur Ausstellungsmöglichkeiten geben, sondern auch einen Kulturverein. Alle Menschen, die sich für Kreativität und Kunst interessieren, sind willkommen! Zum 100-jährigen Jubiläum der Republik Österreich ist ein gemeinsames Projekt aus „Jung- und Altösterreichern“ geplant.

Günter Riegler und Pessi im Büro für Pessi.mismus.

Springfestival Graz: Das Festival für elektronische Kunst und Musik

Das springfestival ist ein jährlich in Graz veranstaltetes Festival für elektronische Kunst und Musik. Seit dem Jahr 2001 findet es traditionellerweise rund um das Fronleichnamwochenende in diversen Grazer Clubs, Hallen und Lokalen statt. Weit über 100 internationale Acts begeistern jedes Jahr über 10.000 Festivalbesucher, die aus ganz Europa in die steirische Landeshauptstadt pilgern. Neben dem abendlichen Hauptprogramm, das aus elektronischer Kunst und Musik besteht, gehen tagsüber Workshops und Podiumsdiskussionen über die Bühne.

Foto: Stefan Lind

 

Kommende Veranstaltungen

Finissage: Isabel Nolans Ausstellung Curling Up With Reality

Freitag, 16. Februar 2018, 19 Uhr im Grazer Kunstverein, Burggasse 4

Lesung und Gespräch Saras Stunde – Najem Wali anlässlich des Internationalen Frauentages (Moderation: Imogena Doderer, Kultur­redaktion ORF)

Donnerstag, 8. März 2018, 19 Uhr im Afro-Asiatischen Institut Graz, Leechgasse 24, 8010 Graz

Elevate Festival Diskursveranstaltungen und Filmvorführungen

Donnerstag, 1. März, 12–21 Uhr / Freitag, 2. März, 10–23.30 Uhr / Samstag, 3. März, 10.30–22.30 Uhr / Sonntag, 4. März, 11–20.30 Uhr im Forum Stadtpark

Ausstellungseröffnung: 80 Capriccios und die Verstörungen des Selbst

Installation in Glas und Malerei von Mark Angus

Samstag, 17. Februar, 11 Uhr im KULTUM (Galerie)

springfestival Graz – electronic art and music

13.–17. Juni

www.springfestival.at

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