Rüstige Ritter und optische Illusionen: Kunst im öffentlichen Raum in Graz

Rüstige Ritter und optische Illusionen: Kunst im öffentlichen Raum in Graz

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Duchamp an der Wand in einem Hinterhof in der Reichengasse. Foto: Ingrid Högler

Für Kunstgenuss muss man nicht unbedingt ins Museum. Der Grazer Außenraum ist voll mit Kunstobjekten und Fassaden, die Geschichten erzählen, zum Nach- und Mitdenken anregen oder zur Interaktion einladen.

Text: Lydia Bißmann

Ein Schneemann im Sommer, eine eigene Freiheitsstatue, Lenins Füße in Beton, eine Kirche mit einem Lichtschalter oder zwei überdimensionale riesengroße Ringhälften, die daran erinnern, dass vorwiegend Männer auf Büsten und Statuen geehrt werden. Graz ist voll mit unzähligen Kunstwerken, die sich mit der Stadt, ihren Bewohnern und der Frage nach der Bedeutung des öffentlichen Raums beschäftigen. Öffentlicher Raum sind Flächen, die für alle Menschen frei zugänglich sind und der Allgemeinheit gehören. Die Kommune verwaltet, pflegt und betreut Parks, Plätze, Verkehrs- und Grünflächen. Wer etwas auf Gemeinflächen aufstellen möchte, muss um eine Genehmigung ansuchen, damit kein Chaos entsteht.

Altbekanntes neu entdecken

Die Emanzipation des Bürgertums im 19. Jahrhundert und der Demokratisierungsprozess brachten auch das Verlangen nach öffentlich zugänglicher Kunst mit sich. Der Kunstgenuss sollte für alle zugänglich werden und nicht mehr hinter verschlossenen Türen stattfinden. So kann man heute in den Hof des Priesterseminars spazieren und Manfred Erjautz Schneemannskulptur dabei zusehen, wie er sich in einer ewigen Pfütze selbst betrachtet. Im Zugang zum Landhaus findet man einen riesige Spiegelinstallation mit Botschaft. Der Lichtschalter von Valentin Ruhry an der Andräkirche ist auch in der Nacht sichtbar. Im LKH-West kann man neben riesigen Erythrozyten-Skulpturen auf seine Befunde warten. Kunst im öffentlichen Raum ist barrierefrei. Sie ist für alle zugänglich und kostenlos für den Betrachter. Man kann die Kunst in Graz sogar selbst mitgestalten: In der Sackstraße hat Erwin Wurm eine Skulptur errichtet, die nach Belieben inszeniert werden kann. Die Sockel one ­minutes für Graz laden zur Interaktion ein. Man kann sich draufstellen und nach Anleitung Skulptur spielen. Die Selfie-­Kultur gibt dem Werk, das seit 2004 vor dem Domenig-­Spitz steht, eine ganz neue Dimension. Viele Kunstwerke werden im gewohnten Raum gar nicht mehr bewusst wahrgenommen. Wie selbstverständlich sind sie Teil des Alltagspanoramas und fallen oft nur auf, wenn sie plötzlich fehlen.

Erwin Wurms „one minutes fuer Graz“ in der Sackstrasse.

Raum für die Kunst

Für Markus Wilfling ist Kunst Allgemeingut. Er wünscht sich mehr Platz und Aufmerksamkeit für Kunsterziehung an den Schulen. Dann wäre die Bevölkerung möglicherweise zugänglicher für Kunst im öffentlichen Raum. Der Grazer Bildhauer unterrichtet selbst an der Ortweinschule Graz. Er hat die Stadt in den letzten Jahrzehnten mit mehreren Objekten versehen und wurde dafür unter anderem mit dem Förderpreis der Stadt Graz ausgezeichnet. Seine Installation Strange ­Allibert ist aktuell am Zaha-Hadid-Rohbau in der Einspinnergasse zu betrachten. „Meine Kunstwerke sind vielleicht nicht so leicht zu verkaufen wie ein Bild”, meint er. Bildhauer wie Wilfling haben es nicht immer leicht im Kunstbetrieb. Ihre Werke nehmen viel mehr Raum ein als ein kleines Tafelbild: Raum, der sich ständig verändert und neu gestaltet wird, wie eben der öffentliche. Auch mithilfe von Kunst. 2003 verpasste Markus Wilfling dem Grazer Wahrzeichen, dem Uhrturm, einen Schatten in Originalgröße. Am Andräplatz lud seine Installation Welcome Anrainer und Besucher dazu ein, die Parkatmosphäre unter einem stilisiertem Zirkuszelt an einem großen Tisch gemeinsam zu genießen. Beide waren temporär geplante Installationen.

Zwölf Stunden mühevolle Klebearbeit verwandelten einen Zweckbau am Lendplatz in Kunst.

Kunst mit Benefits

Öffentlich zugängliche Kunst hat die Funktion, den öffentlichen Raum interessant, lebenswert und lebendig für alle Betroffenen gestalten – sowohl für die ansässigen Bewohner als auch für Touristen, die auf der Suche nach regionalen Informationen und dem sinnlichem Erleben einer Stadt sind. Tourismus als wirtschaftlicher Nebeneffekt zu öffentlich geförderter Kunst ist durchaus gewünscht. Installationen wie gegen-wart von Gustav Troger oder das Lichtschwert von Hartmut Skerbisch sind längst zu Hotspots und Geheimtipps für Städtetouristen geworden. Kunstwerke im öffentlichen Raum werden aber nur für bestimmte Zeit aufgestellt. Nur in Ausnahmefällen bleibt ein Objekt länger oder für immer stehen. Sonst wäre die Stadt nach einiger Zeit vollgestellt mit Werken und sie würden ihren besonderen Charakter verlieren. Das Kulturamt der Stadt Graz steht Künstlern als Clearingstelle bei Projekten im öffentlichen Raum zur Verfügung. Nach einer Begutachtung der Machbarkeit werden die für die Genehmigungsverfahren zuständigen Dienststellen der Stadt einbezogen. Für die künstlerische Qualitätsbeurteilung ist der „Fachbeirat Kunst im öffentlichen Raum“ der Stadt Graz zuständig.

Über den Dächern von Graz ruht The Unknown Knight von Nasan Tur.
Foto: kiör

Angewandte Hilfe für bildende Kunst

Das Abbauen und Entfernen von Denkmälern und die damit verbundenen Machtwechsel sind auch Thema der Skulptur MONUMENT TO A DESTROYED MONUMENT der russischen Künstlerin Anna Jermolaewa. Ihre Arbeit, ein Betonabdruck eines unvollständigen Lenindenkmals, hat vor dem Institut für Geschichte an der Karl-Franzens-Universität ein Zuhause gefunden. Bei der Standortsuche geholfen hat das Institut für Kunst im öffentlichen Raum (KÖR). Es unterstützt, berät und begleitet Kunstschaffende bei der Konzeptionierung, Vermittlung und Realisierung ihrer Projekte im öffentlichen Raum. Netzwerke, Kommunikationskanäle und organisatorisches Know-how werden als Ressourcen zur Verfügung gestellt. Für Institutsleiterin Elisabeth Fiedler hat Kunst unmittelbar mit dem Leben zu tun. Sie soll mit dem Aufstellungsort historische und politische Anknüpfungspunkte finden und in lebendigem Austausch dazu stehen. So hat sie auch durch hartnäckiges Engagement einen Dauerplatz für Nasan Turs The Unknown Knight gefunden: Am Dach und im Foyer des Landeszeughauses. Die Bronze­skulpturen eines Ritters mit ungewöhnlich pazifistischer Biografie brachten zuvor in der Griesgasse und am Schloßberg Passanten zum Staunen. Jetzt ruht sich einer der drei Ritter auf den Giebeln des Daches der größten historischen Waffensammlung Europas aus und seine Geschichte gibt es darunter als Kinderbuch zu kaufen.

Ein Denkmal für ein Denkmal: Anna Jermolaevas Werk vor dem Geschichteinstitut der Uni Graz.
Foto: Jermolaeva

Kunst im Hinterhof: Streetart und Graffiti

Streetart und Graffiti sind spätestens seit Banksy salonfähig geworden. In Micro-Galleries in der Rosenkranz- und der Niesenbergergasse finden sich gesprayte und gemalte Werke internationaler und heimischer Street-Art-Künstler. Alte und moderne Ikonen begegnen sich hier: Die heilige Elisabeth ist neben Kinderhelden wie den Fischen Nemo und Dori zu sehen. Am Griesplatz hat man Marcel Duchamps Fountain malerisch seinen Respekt erwiesen. Ein andere Form von Street­art ist am Lendplatz zu finden. In mühevoller Kleinarbeit wurden die Lamellen der Außenseite eines Stromkasten-Häuschens vom Kollektiv zweintopf mit grauem Isolierband so beklebt, dass sich daraus das Wort Monument ergibt. Es lässt Gedanken daran aufkommen, dass sich schlagartig alles ändern kann, wenn das große Blackout kommt. Der beklebte Stromkasten ist ein Geheimtipp des Verfechters von Spontankunst und der Wirkung auf den zweiten Blick, Markus Wilfling. „Ich würde manchmal gerne etwas wegnehmen, statt hineintun in den öffentlichen Raum. Es ist alles so vollgestopft mit Monitoren, Kameras und Dingen. Und wenn es nur für kurze Zeit der Strom ist.“

Spiegelinstallation von Michael Schuster im Durchgang zum Landhaushof.
Foto: UMJ / Lackner

 

Noch mehr öffentliche Kunst

 

Anna Jermolaewa: MONUMENT TO A DESTROYED MONUMENT, 2016,
Institut für Geschichte, Universitätsplatz 3

Barbara Baur-Edlinger: Ehrenring, Denkmal für Oktavia Aigner-Rollett, 1997/2008, Vorklinik, Harrachgasse 21 und Stadtpark, Paulustor

Bruno Gironcoli: Soax Lup, 1992,
TU Graz, Inffeldgasse 25

Erwin Wurm: one minutes für Graz, 2004, Sackstraße 29

Gustav Troger: gegen_wart, 2010,
Kernstockgasse 9

Hans Kupelwieser, Erythrozyten, 2001, LKH West, Göstinger Straße 22

Hartmut Skerbisch: Lichtschwert, 1992, Oper, Opernring

Manfred Erjauz: Das Erforschen der Dauer, 2005, Hof des Priesterseminars, Bürgergasse 2

Markus Wilfling: Strange Allibert, 2017, Einspinnergasse

Michael Schuster: Es gibt auch Spiegel, in denen man erkennen kann, was einem fehlt, 2015, Landhaus, Herrengasse 16

Nasan Tur: Der unbekannte Ritter, 2011, Zeughaus, Herrengasse 11

Richard Kriesche: Friedenswand, 1995, NMS Graz-Fröbel, Fröbelgasse

Valentin Ruhry: Rocket Switch, 2010, Pfarrkirche St. Andrä, Kernstockgasse 9

Viktor Kröll: Opus Magnum 13, 2013, Justizanstalt Graz-Karlau, Triester Straße

zweintopf: noneventeventmonument IV, 2010, Lendplatz

Streetart und Graffiti: Kunstfreiraum Papierfabrik, Ungergasse 24 / Niesenbergergasse / Rosenkranzgasse / Reichengasse / Tagger-Areal, Puchstraße 23

Graffiti in Graz.

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