Dramatiker|innenfestival 2018: „Die gewaschene Sau wälzt sich wieder im Dreck“

Dramatiker|innenfestival 2018: „Die gewaschene Sau wälzt sich wieder im Dreck“

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Werden im Zuge des DramatikerInnen Festivals in Graz zu sehen sein: Voodoo Jürgens und Stefanie Sargnagel. Foto: Ingo Pertramer

Von 6. bis 10. Juni verwandelt das Festival die Stadt zum bereits dritten Mal in ein Zentrum für Gegenwartsdramatik. Das Motto: Rede! Wir baten Chefdramaturgin Karla Mäder zum Interview.

Text: Wolfgang Pauker

Nach „Grenzen“ und „Privatsache“ gilt heuer das Motto „Rede!“. Was steckt dahinter?

Es geht darum, dass man das gesprochene Wort, das im Theater wie auch in der Politik und in der Demokratie eine wichtige Rolle spielt, ins Zentrum des Bewusstseins rückt. Der inhaltliche Ausgangspunkt ist die Fragestellung, wo­rüber heute geredet werden muss. Und zwar mit dem Ziel, eine große Öffentlichkeit zu erreichen: sich eben nicht auf eine kleine Studiobühne zurückzuziehen, sondern wirklich ein großes Publikum zu ­adressieren. Das ist natürlich ein hehres Ziel, aber eines, dass man als Autorin und Autor nicht außer Acht lassen sollte. Und in diesem Festival geht es auch darum, ganz unkompliziert, niederschwellig und amikal miteinander ins Gespräch, ins Reden zu kommen.

Was fehlt an gesellschaftlichem Diskurs?

Was man mit Sorge konstatieren kann, ist, dass zunächst einmal immer mehr ein „middle ground“ verschwindet, auf dem sich sozusagen Freund und Feind früher zum Reden getroffen haben. Wir verschanzen uns heute in unseren Lagern und hinter unseren Bildschirmen, ganz bildlich gesprochen, und haben wenig Interesse mehr, jenseits von Meinungen Argumente auszutauschen und zuzuhören, was ein anderer zu sagen hat und uns selbst zu hinterfragen. Das Theater kann ein Ort sein, an dem sich Menschen treffen, die aus verschiedenen Gesellschaftsschichten, politischen Lagern, Altersgruppen kommen und die gemeinsam einen Ort schaffen, wo man miteinander über Themen, die uns im Moment bewegen, reden kann. Das ist etwas, was uns im Schauspielhaus und auch unseren Festivalpartnerinnen von uniT sehr am Herzen liegt.

Karla Mäder
Foto: Lupi Spuma

Warum passt das Festival so gut zu Graz?

Graz ist eine Stadt, die sich rühmt, eine Literaturstadt zu sein, und tatsächlich ist es bemerkenswert, wie viele Autorinnen und Autoren von hier kommen und weiter nachwachsen. Wir wollen den Standort für Dramatikerinnen und Dramatiker stärken und sie auch leibhaftig hierher bringen, um sie miteinander, mit dem Publikum, mit Theaterleuten zu vernetzen. Als Schauspielhaus legen wir einen starken Schwerpunkt auf internationale zeitgenössische Dramatik und Graz hat mit uniT eine wunderbare Institution, die großartige Autorenarbeit für den gesamten deutschsprachigen Raum leistet. Gemeinsam arbeiten wir daran, diesen starken kulturellen Standortfaktor weiterhin auszubauen, und durch die Internationalität des Festivals ist das natürlich umso spannender.

Welche Highlights sind zu erwarten?

Ich persönlich freue mich auf die holländische Autorin Lot Vekemans, deren Judas wir dank einer Zusammenarbeit mit der katholischen und evangelischen Kirche Steiermark bald 50 Mal in Kirchen gespielt haben werden – in der gesamten Steiermark und auch in Wien und Salzburg. Und auf Tomer Gardi, einen Israeli, der auf Deutsch schreibt und der ein kluger und witziger Kopf ist. Sehr freue ich mich auch auf die Autorin Ebru Nihan Celkan, die in der Türkei unter unglaublich schwierigen Bedingungen lebt und arbeitet und in Istanbul dafür kämpft, ihr Land durch ihr Schreiben zu verändern. Ca. 50 Dramatikerinnen und Dramatiker werden während des gesamten Festivals anwesend sein; viele davon wurden in ihrer künstlerischen Karriere von uniT begleitet und wir freuen uns natürlich auf jeden und jede, der oder die wiederkommt.

Auf welche besonderen Spielorte darf sich das Publikum freuen?

Ganz besonders interessant, aber nicht vorhersehbar wird die Inszenierung von Reden im öffentlichen Raum sein. Hierfür haben wir Autorinnen und Autoren aus verschiedenen Ländern beauftragt, kurze Reden zu schreiben, ausgehend von einem Bibelzitat im zweiten Petrusbrief: „Die gewaschene Sau wälzt sich wieder im Dreck.“ Das wird auch als „Redemobil“ – eine Kooperation mit dem Architekturkollektiv „Studio Magic“ – sehr überraschend hier und dort im Stadtraum, in diversen Kirchen, in verschiedenen Locations aufpoppen und die Menschen mit hoffentlich einer großen öffentlichen Rede überraschen. Und uniT wird wieder sein „Interpretationszentrum“ einrichten, in der alten Druckerei in der Sauraugasse, in der wie bei uns im Schauspielhaus von morgens bis abends viel los sein wird.

Welche Gastspiele konnte man heuer verpflichten?

Wir haben drei hochkarätige Gastspiele am Schauspielhaus Graz: Das Stück Mission vom königlichen flämischen Theater in Brüssel, ein brillant gespielter, sehr berührender Monolog, in dem ein Missionar von seiner Arbeit im Kongo erzählt. Weiters den zweiten Teil eines Doppel-Projekts mit der moldawischen Autorin Nicoleta Esinencu, die in unserem Auftrag zwei Stücke über Europa für Graz und Chisinau geschrieben hat. Nachdem beide Stücke in Moldawien gezeigt wurden, werden sie nun im Zuge des Festivals hier gemeinsam aufgeführt. Und es gibt das Stück Ja eh! von ­Stefanie Sargnagel aus dem Theater Rabenhof in Wien sowie von UniT BergEINS von Gerhild Steinbuch im Dom im Berg, das gemeinsam mit dem brut produziert wurde. Und Voodoo Jürgens wird im Anschluss an die zweite Ja eh!-Vorstellung ein Konzert geben.

Szene aus „Bilder von uns“
Foto: Lupi Spuma

 

INTERNATIONALES DRAMATIKER|INNENFESTIVAL Graz 2018

Zwischen 6. und 10. Juni wird im Rahmen des Dramatiker|innenfestivals – größtenteils kostenlos – in Aufführungen, Präsentationen, Lesungen und Diskussionen nach Rede-Möglichkeiten und nach Sätzen gesucht, die es heute braucht. Zahlreiche Gäste, PerformerInnen, RednerInnen, DramatikerInnen aus dem In- und Ausland werden teilnehmen und Fragen wie „Wer darf seine Stimme erheben?“ oder „Wer wird gehört und wer überhört?“ nachgehen. Das Festivalprogramm wird sich auch in diesem Jahr in vier Kategorien gliedern: FEST | BEGEGNUNG (u. a. Eröffnung mit Fiston Mwanza Mujila und Stefanie Sargnagl); DISKURS | GESPRÄCH (u. a. „Die Leibstücke des Ferdinand Schmalz“, Lesung und Autorengespräch; „Kritikfabrik“ zu Hugo von Hofmannsthals „Der Turm“; u. v. m.); TEXT | THEATRAL (u. a. das temporäre AutorInnenhaus „SAU.RAU.“ und dem „Redemobil“, das Reden in den öffentlichen Raum bringt); THEATER | VORSTELLUNG (u. a. „Hausbruch. Ein Fragment“ von Natascha Gangl und Ivna Žic und „Der Staat“ von Alexander Manuiloff , die Gastspiele „Mission“ von David van Reybrouck; „Ja, eh! Beisl, Bier und Bachmannpreis“ von Stefanie Sargnagel, Rabenhof Theater Wien, „BergEINS“ von Gerhild Steinbuch, eine Koproduktion von Freundliche Mitte mit brut Wien und „Requiem für Europa“, teatru-spa˘la˘torie, Chisinau, Moldawien, von Nicoleta Esinencu).

www.dramatikerinnenfestival.at

 

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