Start Interviews „Man weiß nie, ob man nicht aus Besessenheit zur Übertreibung neigt“

„Man weiß nie, ob man nicht aus Besessenheit zur Übertreibung neigt“

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Foto: Nik Hunger

Zwei Gründe führten Klaus Maria Brandauer nach St. Ullrich im Greith: Sein Freund, der Schriftsteller Gerhard Roth, und dessen Lieblingsbuch Moby Dick. „Achtzig“ nutzte für ihre Leser die Gelegenheit, um mit dem weltberühmten Schauspieler über den weißen Wal, das Leben und die Kunst zu sprechen.

Text: Stefan Zavernik

Sie haben auf den bedeutendsten Theaterbühnen dieser Welt gespielt und Hollywood erobert. Was macht den Reiz einer Lesung in der Südweststeiermark aus?

Die Heimat. Heimatgefühle. Und vor allen Dingen in diesem Zusammenhang:
Gerhard Roth. Ich wurde – wie soll ich das sagen – zum Rapport gerufen (schmunzelt). „Du liest im Greith-Haus“. Und nun bin ich hier – das freut mich.

Wer Gerhard Roth kennt, weiß, dass Moby Dick sein Lebensbuch ist. Eine Lesung daraus mit Klaus Maria Brandauer klingt wie eine Wunschvorstellung des Schriftstellers – doch die Idee kam von Ihnen. Auf welche Weise sind Sie mit dem Roman von Herman Melville verbunden?

Ich wusste damals gar nicht, welche Bedeutung das Buch für Gerhard Roth hat. Für mich bietet es, wie auch andere Bücher, die mich begeistern, eine Art Anleitung zum Leben. Ähnlich der Bibel. Ich finde darin Dinge, die ich gesucht habe. Es steht einfach viel drinnen, was ich fürs Leben brauchen kann. Womöglich auch, wie es gelingen kann, ein Leben zu führen, das andere Menschen glücklich macht. Meine Begeisterung für Moby Dick hat sich allerdings erst entwickelt, als ich es wiedergelesen habe.

Klaus Maria Brandauer und Gerhard Roth.
Foto: Johnny What

Und Ihre erste Begegnung mit dem Buch?

Zum ersten Mal habe ich den Roman im Gymnasium gelesen. Unser Lehrer damals hat ihn uns wie einen Fortsetzungsroman mit verteilten Stimmen lesen lassen. Da war ich natürlich noch nicht so weit. Im Laufe der Jahre habe ich mich dann wieder damit beschäftigt.

Der Roman gleicht einem mythologischen Konstrukt, dem zahllose Deutungen zugeschrieben werden. Was sind die zentralen Themen für Sie?

Der Konflikt des Ahab zum Beispiel. Dass man so einen Wahn zu entwickeln vermag, in dem man nicht realisieren kann, dass alleinig der Zufall Regie geführt hat. Ahab muss seine Rache unbedingt kühlen – koste es, was es wolle. Das ist schon ein Thema, mit dem wir uns beschäftigen sollten. Wir alle kennen Leute, manchmal gehören wir auch selber dazu, die sich aus dem Stand heraus furchtbar aufregen können, oder einen langgehegten Zwist auskämpfen und tatsächlich mit Hass anderen Menschen, auch anderen Volksgruppen, gegenübertreten. Oft scheint es, als hätten wir diesen Hass längst überwunden, ich fürchte aber, wir müssen diesen immer neu auskämpfen. Es kommt wahrscheinlich jedem selbst einmal unter, dass man ein Vorurteil hat. Ich kann auch von mir selbst nicht behaupten, dass ich Menschen und Situationen immer vorurteilsfrei gegenübertrete. Doch es bedarf aller Anstrengungen, diese Vorurteile fallenzulassen und uns auf etwas einzulassen.

Steckt ein wenig Ahab in jedem von uns?

Für Ahab ist der Wal ein Konkurrent. Es steht für ihn fest, dass ihn der Wal niemals besiegen kann, das kann er sich überhaupt nicht vorstellen. Sein Selbstwertgefühl ist so groß, als wäre er selbst die Krone der Schöpfung. Der Schritt zum wirklichen Schöpfer ist dann nicht mehr weit. So weit treibt es uns sicher nicht so oft, aber man weiß ja nie, ob man nicht von einer Besessenheit aus für sich zur Übertreibung neigt. Für mich sind die Figuren oft Beispiele, in denen ich meine Handlungen, Gedanken, Wünsche und Sehnsüchte spiegeln kann.

Mit dunklen Charaktereigenschaften haben Sie als Schauspieler schon oft gearbeitet – zum Beispiel in der Rolle des Bösewichts im weltberühmten James- Bond-Movie „Sag niemals nie“. Was macht das Böse für Sie aus? Gibt es so etwas überhaupt?

550 Millionen Menschen haben diesen Film gesehen, da bin ich nicht beleidigt. Aber dass man so etwas einmal macht und dann gleich ein Bösewicht ist? Ich habe die Rolle nie so angelegt. Für mich war Maximilian Largo vielmehr ein etwas wahnsinniger Typ. Ich habe generell Schwierigkeiten mit dem Bösen. Es fällt mir schwer zu glauben, dass es ein Vorsatz von Menschen sein kann, böse zu sein. Eher würde ich Menschen, die anderen bewusst Schaden zufügen, als krank bezeichnen. Ich denke auch nicht, dass es Menschen gibt, die von jeher böse sind, womöglich noch, dass sie das Böse vererbt bekommen haben. Das sehe ich hier anders als meine Kirche, bei der ich aber dennoch sehr gern dabei bin.

Klaus Maria Brandauer las im Greith Haus in St. Ulrich.
Foto: Johnny What

Moby Dick erzählt auch davon, was mit dem Menschen passiert, wenn er über seine Grenzen geht. Wann zahlt es sich für Sie persönlich aus, ein hohes Risiko in Kauf zu nehmen, seine Grenzen zu überschreiten, um ein Ziel zu erreichen?

Wenn ich etwas in Angriff nehme, ist mein erster Gedanke nicht, ob und in welchem Ausmaß sich das auszahlt. Es ist die Lust, die Leidenschaft, etwas zu bewerkstelligen, sei es im Beruflichen, aber auch im Privaten. Und dann einfach daran zu feilen, daran zu arbeiten, vielleicht noch andere mit ins Boot zu nehmen, die einem helfen, um einen gewissen Fortschritt zu erfahren – ich habe aber auch nichts gegen einen Sieg. Solange ich weiß, dass dieser Sieg mich nicht dazu beflügelt, überheblich zu werden. Denn bei jedem Sieg oder Fortschritt sind immer andere Leute beteiligt. Sie erreichen nie etwas alleine – es geht immer nur zusammen.

Welche Handlungsstränge in Moby Dick haben für Sie bis heute nichts an Aktualität verloren?

Ich bin ein glühender Verehrer der europäischen Idee und ich bin gelegentlich sehr traurig, dass es damit so schlecht vorangeht. Und womit hängt das zusammen? Queequeg will aufs Schiff und ist ein Schwarzer. Er ist ein bisschen anders. Man sagt: „Nein, du gehörst noch nicht zu uns. Du musst noch ein bisschen warten.“ Also in unserer kleinen Welt ist so ein Satz nicht mehr möglich. Da muss ich lachen. Wenn ich nicht gerade weinen muss. Wir müssen uns sehr viele Dinge neu überlegen. Im Grunde wissen wir ja alle, dass wir den Nachbarn streicheln müssen und nicht hauen. Das wissen wir so genau, da braucht es keine Bibel dazu.

Welche Rolle würden Sie im Falle eines Film-Remakes gerne spielen? Und wie würden Sie den Film als Regisseur inszenieren?

Also darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Ich weiß es nicht … Ich habe zwar nicht die richtige Hautfarbe dafür, aber ich wäre gerne der Queequeg. Mir gefällt das, dass einer als Fremder kommt und von den Christen lernt, dass diese auch nur mit Weihwasser kochen. Die Inszenierung wäre wirklich schwierig. Die Themenkreise sind so faszinierend groß, dass man eigentlich einen Fünfteiler daraus machen müsste. Es gibt so viele Hauptcharaktere, denen man allen nachgehen möchte und mit ihren Augen sehen möchte, wie die Geschichte ihren Lauf nimmt. Und was der Zufall erst für eine Rolle spielt? Wenn der Queequeg nicht krank werden und daraufhin wieder gesunden würde, wäre die Boje niemals gebaut worden und Ismael hätte die Geschichte niemals erzählen können. Zufall, Schicksal, Vorsehung sind etwas, was uns in unserem Leben in die Suppe spuckt. Und interessant ist, dass Zufall, Schicksal, Vorsehung zwar drei Begriffe sind und ganz klar interpretiert werden können, aber eigentlich ein und dasselbe sind. Ich bin so froh, dass ich lesen gelernt habe und dass ich Bücher wie Moby Dick gelesen habe, denn das Lesen steigert die Bereitschaft, sich mit Dingen auseinanderzusetzen.

Sie werden in diesem Jahr 75, haben eigentlich alles gespielt, was es zu spielen gibt – gibt es Rollen, die Sie noch herausfordern würden?

Ich habe mich mit vielen Themen beschäftigt, aber nie mit einzelnen Rollen. Ich bin ein Stückespieler. Ich betrachte den Zusammenhang, und es interessiert mich, wenn ich mich darin wiederfinde. Sie können eine Rolle nicht alleine kreieren. Es sei denn, Sie machen einen Monolog. Und auch hier ist es schön, wenn Menschen Sie begleiten. Man glaubt es mir nicht immer, aber ich bin sehr fürs Ensemble. Ich bin ein Ensemblespieler.