SHAPING HUMAN CITIES: Wanna play?

SHAPING HUMAN CITIES: Wanna play?

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Foto: Cara Mielzare

In Kooperation mit der FH JOANNEUM präsentiert das GrazMuseum urbane Experimente aus elf europäischen Städten. Auf spielerische Weise, im wahrsten Sinne des Wortes.

Text: Pia Moser

Sitzen, liegen, lungern, lernen, arbeiten, entspannen, flanieren, spielen, sich begegnen. Was machen wir in einer Stadt? Und was macht eine Stadt zu unserer Stadt? In Zeiten des rasanten urbanen Wachstums stellen sich die Fragen nach den Herausforderungen der Stadtgestaltung immer vehementer. Ein Paradigmenwechsel steht an: Die traditionelle europäische Stadt mit einem Zentrum und einer Peripherie ist längst im Verschwinden begriffen. Wie kann Lebensqualität in urbanen Räumen moderner Städte realisiert und gesichert werden? Und vor allem: Wie können Menschen, Bewohnerinnen und Bewohner, aktiv an der Stadtentwicklung teilnehmen? Bis Herbst widmet sich das GrazMuseum in vier Ausstellungsprojekten den Möglichkeiten und Herausforderungen der Stadtgestaltung. Die Schau SHAPING HUMAN CITIES, gestaltet von Studierenden der FH JOANNEUM, bildete den Auftakt zu diesem urbanistischen Schwerpunkt. Noch bis zum 24. Juni werden urbane Experimente aus elf europäischen Städten gezeigt, die Möglichkeiten eines progressiven und inklusiven Stadtverständnisses zur Diskussion stellen. Fernab der mechanischen Zweckmäßigkeit und wider kommerzieller Interessen. Das Prinzip der Ausstellung lautet „Spielen!“. Und lädt die Besucherinnen und Besucher dazu ein, über ihre Rolle als „Human Citizens“ zu reflektieren.

Ausstellungsansicht „Shaping Human Cities“.
Foto: Lena Prehal

Human Cities: Neue Formen städtischer Praxis

Die Schau im GrazMuseum ist eines der Ergebnisse des großangelegten Forschungsprojekts „Human Cities_ Challenging the City Scale“. Zwischen 2014 und 2018 wurde untersucht, wie Bewohnerinnen und Bewohner ihre Stadt neu erfinden und mitgestalten können. Initiativen und Ausbildungsstätten aus elf europäischen Städten beteiligten sich an diesem Projekt, das im Rahmen des „Creative Europe“-Programms der Europäischen Union co-finanziert wurde: Saint-Etienne, Mailand, Ljubljana, London, Cieszyn, Belgrad, Brüssel, Helsinki, Tallinn, Bilbao und Graz. Als angewandtes Forschungsprojekt analysierte, testete und implementierte „Human Cities“ Beteiligungsprozesse, in denen es darum ging, Menschen darin zu unterstützen, unterschiedliche Dimensionen ihrer Nachbarschaft und Stadt auszuloten. Das Kernstück des Projekts: der Dialog zwischen Kreativen, Stadtplaner/innen, Aktivist/innen und den Bewohner/innen. Netzwerkpartner für Graz ist die FH JOANNEUM, deren Institut für „Design & Kommunikation“ seit mehreren Jahren die Möglichkeiten der Stadtgestaltung erforscht. „Wir glauben, dass der Schlüssel für gelungene Städte in ihren menschlichen Werten, gemeinsamer Kreativität und Design-Experimenten liegt“, so Anke Strittmatter und Erika Thümmel, die das Projekt an der FH JOANNEUM leiten. Studierende der Studiengänge „Ausstellungsdesign“ und „Interaction Design“ zeichnen für die Gestaltung der Schau im GrazMuseum verantwortlich, die die „Human Cities“-Experimente im Rahmen des Designmonat Graz vorstellt.

Foto: Cara Mielzarek

Urbane Experimente

Wie sieht es aus, wenn Menschen tatsächlich die Freiheit haben, die Stadt nach ihren Ideen mitzugestalten? Elf Minigolfbahnen, die sich über das „Offene Museum“ im GrazMuseum bis in den Innenhof erstrecken, zeigen was machbar ist. Jede Bahn ist einer Human City und einem ihrer Experimente zugeordnet. Die Bahnen nehmen die räumlichen und gestalterischen Gegebenheiten der Experimente auf und stellen Fragen in den Raum. WANNA ESCAPE THE NOISY CITY? steht für ein Experiment aus Talinn: Unter Einbindung lokaler Akteur/innen wurde die Entspannungskapsel HÄLO entwickelt, die an stark belebten Orten zum Einsatz kommt. Wie durch urbane Aktionen neue Synergien in Nachbarschaften entstehen können, zeigen zwei Experimente aus Saint-Etienne: ICI-BIENTÔT sorgte mittels Erinnerungskultur, der Eröffnung einer Tauschbörse, Umgestaltung von Schaufenstern oder Investitionen in die Gestaltung von öffentlichen Plätzen für einen ganz neuen „urbanen Lifestyle“ in der „Beaubrun“-Nachbarschaft. Und die Gruppe HYPERMATIÈRE ermöglichte es den Bewohner/innen im „Neyron-Viertel“ durch gemeinsame künstlerische Arbeit, ihre unmittelbare Umgebung aktiv mitzugestalten. An der Station Helsinki spielt man mit der Idee der temporären Einnahme urbaner Areale und Gebäude für Bildungszwecke: Das Experiment SCHOOL AS A SERVICE versteht Schule als Lerndienstleister und nicht nur als physikalischen Rahmen. Damit verbunden ist ein nutzenzentrierter, interdisziplinärer und nachhaltiger Zugang, der Vielfalt fördern und die Nutzung von Räumen optimieren kann.
RECLAIMING JAKOMINI ist der Leitgedanke des Grazer Experiments, das die Frage erörtert, wie man unbequeme Durchgangsorte in Zonen mit hoher Aufenthaltsqualität verwandeln kann. Auf Basis der Kritik an fehlenden Freiflächen im Jakomini-Viertel wurden räumlich-gestalterische Interventionen und programmatische Bespielungen realisiert. Zum Beispiel das Projekt „280.000 Bankerl für Graz“, initiiert vom Kollektiv Brauchst und Studio Magic: Bei jährlichen Veranstaltungen wird an Interessierte ein Kontingent selbstgebauter Bänke frei vergeben, um nach und nach mehr Sitzmöglichkeiten im öffentlichen Raum zu schaffen.

Foto: Lena Prehal

Do It Yourself?

Auch abseits der Bahnen motiviert SHAPING HUMAN CITIES zur Eigeninitiative: Eine Share-Box im Ausstellungsraum macht auf den Mehrwert der Sharing-Economy aufmerksam. Gegenstände, die nicht mehr gebraucht werden, können vorbeigebracht werden. Mitnehmen ist erlaubt. Wie man sein urbanes Umfeld grüner gestalten kann, erfährt man im Innenhof des Museums: Eine Station gibt praktische Tipps zu Fassadenbegrünung oder sogenannten „Samenbomben“. Auch ein interaktiver, digitaler Katalog steht während der Ausstellung in Form einer App zur Verfügung. So können Fotos, Videos oder Kommentare hochgeladen, kommentiert und diskutiert werden. Im Spiel durch die Ausstellung scheitern wir hin und wieder an den Hindernissen, die sich vor uns auftun. Der Ball will einfach nicht ins Loch. Mit der Präsentation der urbanen Experimente zeigt SHAPING HUMAN CITIES jedenfalls: Gibt man Menschen die Möglichkeit und Unterstützung zur Mitgestaltung, ist die Bereitschaft groß, der Output faszinierend. Wo auch in der Realität die Grenzen der Stadtgestaltung schnell erreicht sind, sind vor allem die Entscheidungsträger einer Stadt gefragt, echte Möglichkeiten der Partizipation zu bieten, den urbanen Dialog zu fördern und die Bedürfnisse der Bewohner/innen ernstzunehmen. Dann können wir den Ball aufgreifen. Nicht nur im Experiment. Und über das Museum hinaus.

SHAPING HUMAN CITIES: bis 24. Juni 2018 im GrazMuseum, Sackstraße 18, 8010 Graz

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