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Gigs, Gigs, Gigs: ein Streifzug durch die Grazer Indie-Szene

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The Base Foto: Marija M. Kanizaj

Was rockt eigentlich in Graz? Norbert Wally, Frontman der Kultband The Base, plaudert mit „Achtzig“ über alte Zeiten und aktuelle Tendenzen der lokalen Indie-Rock-Szene.

Text: Pia Moser

Da bewegt sich was. Taucht man zum ersten Mal in die Grazer Indie-Szene ein, kann die Dynamik der aktuellen Bandkultur schon überraschen. Kein Wunder, denn die Rahmenbedingungen im erweiterten Independent-Genre sind gut: Neben den zwei alternativen Radiosendern „Soundportal“ und „Radio Helsinki“, lokalen Label-Ambitionen, dem Band-Contest „Local Heroes“ oder Stadtteilfesten wie dem „Lendwirbel“ existieren zahlreiche Spielstätten für die freie Szene. Graz beheimatet einerseits klassische Konzert-Locations wie das Orpheum, das p.p.c. in der Neubaugasse oder die Generalmusikdirektion. Regelmäßige Konzerte gibt es aber auch in Lokalitäten wie der Postgarage, dem Club Wakuum in der Griesgasse, im 2017 neu eröffneten Café Wolf, im altehrwürdigen Music-House oder auch im Forum-Stadtpark-Keller. Ebenso viel passiert in subkulturelleren Gefilden. Zu sehen etwa rund um das beständig sehr aktive SUb-Kollektiv, dessen alteingesessenes Vereinslokal am Kaiser-Franz-Josef-Kai aktuell mittels einer Spendenaktion vor der Schließung bewahrt werden soll.

Saint Chameleon spielen mit ekstatischem Alternativ-Pop.
Foto: Hanna Fasching

Eine bedeutende Institution der Grazer (Underground-)Bandkultur ist auch das 1988 von Jugendlichen gegründete Jugend- und Kulturzentrum Explosiv am Bahnhofgürtel, das neben einer 350 Personen fassenden Veranstaltungshalle auch Proberäume für Bands bietet. Unter der Leitung von Rene Molnar werden regelmäßig Auftritte nationaler wie internationaler Acts aus den Bereichen Rock, Ska, Hardcore oder Crossover sowie Bandcontests und Workshops organisiert. Die Integration von Jugendlichen in den Betrieb ist auch nach 30 Jahren ein Grundprinzip des Zentrums. Und nicht zu vergessen das Parkhouse als Sommerkonzert-Location Nummer eins, wo die Grazer Kultband The Base nach 20 Jahren kürzlich ein Revivalkonzert gab.

Wider den Zeitgeist

Fast fühlt es sich so an, als wären wir die letzten Gäste an der Bar nach einer durchzechten Nacht. Ein Unwetter zieht über Graz, während wir im Keller der „Scherbe“ auf Norbert Wally treffen. Der Strom ist ausgefallen. Kerzenschein und Zigarettenrauch geben die passende Atmosphäre für ein Gespräch mit dem Grazer Indie-Rock-­Urgestein. Als Bandleader von The Base gehört der 48-Jährige gewissermaßen schon zum Inventar des Kultlokals im Lendviertel, das ebenso zu den Hotspots der lokalen Alternative-Szene zählt. Auch das Trio von The Base darf man mit seiner rund drei Jahrzehnte langen Bandgeschichte durchaus als Grazer Institution in Sachen alternativer Rockmusik bezeichnen. „Wenn du es so lange machst wie wir, hast du definitiv einen Credibility-Bonus. Da wissen die Leute: Okay, die machen das jetzt nicht nur des Geldes wegen. Da muss es einen inneren Trieb geben, eine Besessenheit. Und einen gewissen Grad an Spinnerei.“  Nach jugendlichen Experimenten als mehrköpfige Schulband namens Carello Kocmoc beschlossen die Gründungsmitglieder Norbert Wally, Karlheinz Miklin jr. und Heinz Nussbaumer im Jahr 1989, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: Bass, Schlagzeug, Gitarre. The Base war geboren.

Norbert Wally, links, mit seinen Kollegen von „The Base“.
Foto: Marija-M. Kanizaj

Norbert Wallys entspannter Gestus spiegelt sich auch in der beständigen Bandgeschichte wider. „Wir waren nie Freunde vom Schmieden großer Pläne. Kalkül gibt es bei uns nicht.“ Nachdem er als Student ein Jahr in Montclair, New Jersey, verbrachte, kam der gebürtige Grazer 1992 mit einem Koffer voller Inspiration und neuer Songs zurück. 1996 erfolgte mit der ersten EP „Jet Crash Kills“ der offizielle Startschuss für The Base: Mit dem Debüt erreichte die Band österreichweit Bekanntheit und Airplay. Die erste LP „Ducks And Diners“ erschien 1999. 2002 verließ Heinz Nussbaumer die Band, Albrecht Klinger rückte als Bassist nach. Bis heute verzeichnet The Base zwölf Alben und unzählige Live-Konzerte. „Das Schöne an unserer Musik ist, dass sie nicht unbedingt dem Zeitgeist folgt“, meint der Bandleader. So landete etwa erst kürzlich die Single „Born in Devil’s Motel“ (2011) in den iTunes-Charts, nachdem sich Josef Hader den Song im Ö3-Frühstücksradio gewünscht hatte.

Crush: EIne Mischung aus Indie-Rock und Dream-Pop.
Foto: Gabriel Hyden

„Das Genrebewusstsein steigt“

Durch Wallys Aktivität in der Grazer Theaterszene ergaben sich auch Projekte für Theater und Film. 2002 im Rahmen der Zusammenarbeit mit Hubsi Kramar, als The Base Texte des Grazer Schriftstellers Gunter Falk vertonten. 2011 spielte die Band an der Seite von Element of Crime im Wiener Burgtheater. Über Schauspieler Michael Ostrowski, der wie Wally Ensemblemitglied des TiB Theater im Bahnhof ist, steuerten The Base einige Songs zum Kinofilm „Hotel Rock’n’Roll“ (2016) bei. Zuletzt erschloss man sich in einer Zusammenarbeit mit Sigi Feigl und dem Jazz Orchester Steiermark unter dem Titel „THE Big BASE Band“ ein neues kreatives Feld. Die Freude am Wandeln zwischen musikalischen Welten zeigt sich auch am letzten Album der Band. Mit „Disco Bazaar“ (2017, Konkord) ist so wieder mal kein Konzeptalbum entstanden: rockig bis balladesk, von ruhigen Nummern bis zu knackigen Sounds. Wallys sonore Stimme fungiert als markanter Fixpunkt.

Love God Chaos: euphorisch, kosmisch, tanzbar. Ein neues Album der Indie-Rocker aus Graz folgt 2019.
Foto: Una Knipsolina

Während The Base ihr musikalisches Schaffen nicht in engen Genregrenzen begreifen möchten, würden für die neue Generation andere Regeln gelten. „Die jungen Bands haben ein viel stärkeres Genrebewusstsein. Wir sind mit den Beatles großgeworden. Das ist genrelos. Heute sucht jeder seine Nische und versucht dort der Platzhirsch zu sein.“ Als Szene-Kenner will Wally den Newcomern keine Tipps geben. Das braucht er gar nicht. „Die Jungen gehen es heute intuitiv richtiger an. Ich sehe es an meinen Söhnen, die musikalisch sehr aktiv sind. In den 80er-, 90er-Jahren war es das Wichtigste, in den Printmedien präsent zu sein und auf FM4 gespielt zu werden. Heute erfährt man von neuer Musik auf Plattformen wie ‚The Needle Drop’ oder diversen Musikgurus im Internet.“ Neben der Präsenz in sozialen Medien zählen heute Authentizität und möglichst viele Live-Auftritte zu den wichtigsten Erfolgszutaten. Auch ein gut gemachtes Video kann viel ausmachen. „Wo wir vielleicht Vorbilder sein können, ist in puncto Konsequenz: Wir haben einen sehr langen Atem“, schmunzelt der Grazer. Auch nach rund dreißig Jahren spielt die Band jährlich zwischen 15 und 40 Gigs. Neben der Berufstätigkeit, versteht sich. Denn in Österreich gut von Musik leben zu können – ohne sich zu verbiegen – gelingt nur wenigen.

Hella Comet präsentieren im Juni ihre neue Single „turf“.
Foto: Hella Comet / Noise Appeal

Bands made in Graz

Graz steht für eine starke und vor allem vielseitige Bandkultur im erweiterten Alternative-Rock-Genre. Neben The Base zählen Bands wie The Incredible Staggers, die Folk-Rocker Son of The Velvet Rat oder Spring and The Land zu den prominenteren Vertretern der Grazer Alternative-Geschichte. Zu den Residents der Independent-Szene gehört auch die 2004 gegründete Band Stereoface, die 2017 ihr drittes Album in klassischer Indie-Rock-Manier veröffentlicht hat. Nicht selten sind die Grenzen zwischen Rock, Pop und weiteren Genres fließend. Die sechsköpfige Band Saint Chameleon rund um den Sänger und Songwriter Luka Sulzer konzentriert sich etwa auf „ekstatischen Alternative-Pop“, der mit Einflüssen aus Swing, Latin, Balkan und Blues spielt. „Rock meets Psychedelic meets Hippie and a little bit of everything“ lautet der Output des 2006 gegründeten und aktuell wieder sehr aktiven Grazer Quintetts The Sado-Maso Guitar Club.  Ebenso seit einigen Jahren fixer Bestandteil der Szene ist die Indie-Noise-Rock-Band Hella Comet. Mit „turf“ präsentierte die Gruppe rund um Sängerin und Bassistin Lea Sonnek im Juni wieder eine neue Single. Etwas softer mag es die fünfköpfige Grazer Band The Tiptoes: Ein Mix aus Rock, Blues und Jazz mit wunderbarem Gesang der Frontfrau Miriam Bichler. Sympathischen Dream-Pop gibt es von der jüngeren Formation Crush zu hören, die kürzlich ihr feines Debut-Album „Sugarcoat“ über das Grazer/Wiener Label Numavi veröffentlicht hat. The Base-Frontman Norbert Wally sieht die Situation für Grazer Bands jedenfalls durchaus positiv: „Das Wichtigste ist, dass wir so viele gute Auftrittsmöglichkeiten haben. Und auch Kulturförderung funktioniert, zumindest jetzt noch.“

The Sado Maso Guitar Club: Rock meets Psychodelic meets Hippie and a little bit of everything.
Foto: Iris Moustakidis

 

 

Wo die Musik spielt …

Bunker: Griesgasse 25, 8020 / www.facebook.com/bunker.graz

Café Wolf: Annenstraße 18, 8020 / www.cafewolf.at

Club Wakuum: Griesgasse 25, 8020 / www.wakmusic.com

Die Brücke: Grabenstraße 39, 8010 / www.bruecke.graz.com

Die Scherbe: Stockergasse 2, 8020 / www.scherbe.com

Explosiv: Bahnhofgürtel 55a, 8020 / www.explosiv.at

Forum Stadtpark: Stadtpark 1, 8010 / www.forumstadtpark.at

Generalmusikdirektion: Grieskai 74a, 8020 / www.generalmusikdirektion.at

Music-House: Mondscheingasse 9, 8010 / www.facebook.com/MusicHouseGraz

Orpheum Graz: Orpheumgasse 8, 8020 / www.spielstaetten.at

Parkhouse: Stadtpark 2, 8010 / www.parkhouse.at

Postgarage: Dreihackengasse 42, 8020 / www.postgarage.at

p.p.c.: Neubaugasse 6, 8020 / www.popculture.at

SUb: Kaiser-Franz-Josef-Kai 66, 8010 / www.subsubsub.at

TAMTAM: Keesgasse 3, 8010 / www.tam-tam.at