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GrazMuseum setzt urbanistischen Schwerpunkt

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Shaping Human Cities Foto: Clara Mielzarek

Was macht eine Stadt zu unserer Stadt? Bis Herbst widmet sich das GrazMuseum den Möglichkeiten und Herausforderungen der Stadtgestaltung. Die große Sommerausstellung „Schau Graz!“ zeigt in 426 Fotografien den konkreten Ist-Zustand von Graz.

Text: Pia Moser

Jakominiplatz bis Karlauerstraße, Plüddemanngasse bis St. Peter Schulzentrum, Andreas-Hofer-Platz bis Dreierschützengasse. Wir kennen diese Orte. Unsere alltäglichen Wege haben uns mit ihnen vertraut gemacht, prägen unseren Blick auf sie. Doch treten wir einen Schritt zurück, können sich bei der Betrachtung dieser urbanen Räume neue Perspektiven auftun. Im Herbst 2017 dokumentierte Franziska Schurig fotografisch den Grazer Stadtraum entlang der Routen von Bus und Straßenbahn. In Dialog mit der Leitung des Graz­Museums, Otto Hochreiter und ­Sibylle Dienesch, bestand die Aufgabe der Foto­grafin darin, möglichst lakonische, neutral-­dokumentarische Aufnahmen zu erstellen. Ohne „interessante“ Perspektiven, ohne ironische „Pointen“ oder „kritische“ Kontextuierungen einer quasi „photographie parlante“. Entstanden ist die große Sommerausstellung Schau Graz!, die den Kern des diesjährigen urbanistischen Schwerpunkts im GrazMuseum bildet. Noch bis zum 10. September zeigt die Schau den gegenwärtigen Ist-Zustand von Graz als gesellschaftlich gewordenen Stadtraum: 426 Fotografien, die von allen im Stadtgebiet befindlichen Bus- und Straßenbahnhaltestellen aus aufgenommen wurden, ermöglichen neue oder alternative Sichtweisen auf vertraute urbane Orte. Und laden die Besucherinnen und Besucher dazu ein, über ihre Rolle als Stadtnutzerinnen und Stadtnutzer zu reflektieren.

Andreas Hofer Platz

Lesarten einer Stadt

Wie wirkt sich eigentlich unsere tägliche Nutzung auf das Stadtbild aus? Franziska Schurigs nüchterne fotografische Arbeiten setzen die Basis für eine theoretische Auslegung dieser repräsentativen Bilder-Samples über den aktuellen Zustand der Stadt: Durch das ruhige Lesen der in den Fotografien stillgestellten Stadträume sollen die historischen, kulturellen, ökologischen und sozialen Bedeutungsebenen der Stadt Graz zutage treten. Um Identifikationsmomente zu ermöglichen, präsentiert Schau Graz! die Fotografien nach Bezirken geordnet. So können Stadträume miteinander in Beziehung gesetzt werden. Welche Gemeinsamkeiten bestehen zwischen den Bezirken? Wie fühlt sich das Leben im Bezirk im Vergleich zu den Fotos an? Was macht einen lebenswerten Stadtraum aus? Dabei lädt die offene Ausstellungsgestaltung zum Flanieren und Lesen ein. Gezielt gestellte Fragen helfen bei der Betrachtung der stadtfotografischen Arbeiten, um sich auch einen Begriff machen zu können von den vielfältigen, real wirkenden Kräften, komplexen Strukturen und Problemlagen, die die Stadt gestalten und verwandeln.

Ausstellungsansicht Shaping Human Cities
Foto: Lena Prehal

„Die posteuropäische Austauschbarkeit der meisten Städte Europas geht mit einem Verlust des gesellschaftlichen Sinns einer Stadt einher“, so Otto Hochreiter, der die aktuelle Schau gemeinsam mit ­Sibylle Dienesch kuratiert hat. „Mit der Ausstellung wollen wir einen Beitrag zum ideellen, ethischen Diskurs, zur Verbreitung und Vertiefung von Baukultur leisten, sodass alle, die zur Anmutung der Stadt Graz beisteuern, erkennen, welche Verantwortung sie für das Gemeinwohl tragen.“ Involviert werden die Besucherinnen und Besucher von Schau Graz! nun im Rahmen des Begleitprogramms zur Ausstellung: In acht „Bezirks-Derbys“ analysieren und diskutieren Bewohnerinnen und Bewohner jeweils zweier Bezirke anhand der Fotografien Gemeinsamkeiten und Unterschiede ihrer Stadtteile. Und unter dem Titel „Graz schau’n“ werden die Fotografien mit der realen Stadt bei einem kombinierten Ausstellungsbesuch und einer Stadttour verglichen. Das Ticket für die Ausstellung gilt dabei auch als Gratis-Tagesticket für alle Grazer Linien.

Jakominiplatz

Ist das Stadtbild noch zu retten?

Als Vorbereitung für die Ausstellung diente ein Workshop mit dem Titel „Stadtauslegungen“: Entlang der Fotografien setzten sich Expertinnen und Experten mit dem aktuellen Zustand der Stadt aus städtebaulicher, kultur- bzw. raumtopographischer und stadtsoziologischer Sicht auseinander. Der kritische Konsens: In Graz herrsche „eine typisch steirische antiurbane Grundhaltung“ vor, nachdem die großstädtischen Utopien in den Jahrzehnten nach der Monarchie verloren gegangen seien. Thematisiert wurde vor allem der Kontrast zwischen dem Stadtkern mit seinem unglaublichen baugeschichtlichen Erbe und der gründerzeitlichen Bebauung einerseits und dem Mangel an gestalterischen Absichten in den (westlichen) Außenbezirken andererseits.

Foto: Clara Mielzarek

Graz sei eine extreme Ausformung der „autogerechten Stadt“, so die Expertinnen und Experten, und verfüge damit in weiten Teilen über wenig Aufenthaltsqualität. Die unterschiedlichen, vorwiegend kritischen Positionen zum Stadtraum Graz treffen nun auch im begleitend zur Ausstellung erschienenen Katalog aufeinander. „Ist das Stadtbild noch zu retten?“, fragt hier etwa Heinz Rosmann, der ehemalige Leiter des Stadtplanungsamtes, in seinem Beitrag. „Die Plüddemanngasse – eine Meile der Langeweile“, titelt Markus Bogensberger, Geschäftsführer vom Grazer Haus der Architektur, in seiner Auseinandersetzung, die für eine Verbesserung der Aufenthaltsmöglichkeiten plädiert. Auch der Leiter des Stadtplanungsamtes, Bernhard Inninger, wurde in den Diskurs rund um die Ausstellung miteinbezogen, wodurch ein konkreter Austauschprozess entsteht: Beim „Offenen Forum“ zur Finissage am 10. September setzt sich das GrazMuseum zusammen mit Expertinnen und Experten und Bewohnerinnen und Bewohnern mit den Rückmeldungen, die im Laufe der Ausstellung gesammelt wurden, auseinander. Rückmeldungen der Stadtnutzerinnen und Stadtnutzer gelangen an die Stelle der städtischen Verwaltung, die die zukünftige Stadtgestalt und Raumnutzung durch das Stadtentwicklungskonzept 4.0 und das räumliche Leitbild maßgeblich beeinflusst.

Gestalter Rainer Stadlbauer, Direktor Otto Hochreiter, Vizedirektorin Sibylle Dienesch, Gestalterin Martina Schiller, Fotografin Franziska Schurig (v. l.)
Foto: Lena Prehal

Urbane Experimente

Wie es aussehen kann, wenn Menschen tatsächlich die Freiheit haben, die Stadt nach ihren Ideen mitzugestalten, zeigt die Anfang Mai eröffnete Auftaktausstellung zum urbanistischen Schwerpunkt im GrazMuseum. SHAPING HUMAN CITIES, gestaltet von Studierenden der FH ­Joanneum, präsentiert bis zum 24. Juni urbane Experimente aus elf europäischen Städten, die Möglichkeiten eines progressiven und inklusiven Stadtverständnisses zur Diskussion stellen. Fernab der mechanischen Zweckmäßigkeit und wider kommerzielle Interessen. Die Schau ist eines der Ergebnisse des großangelegten Forschungsprojekts „Human Cities_ Challenging the City Scale“: Zwischen 2014 und 2018 wurde untersucht, wie Bewohnerinnen und Bewohner ihre Stadt neu erfinden und mitgestalten können. Das Prinzip der Ausstellung lautet „Spielen!“: Elf Minigolfbahnen, die sich über das „Offene Museum“ im GrazMuseum bis in den Innenhof erstrecken, zeigen, was machbar ist. Jede Bahn ist einer Human City und einem ihrer Experimente zugeordnet. Mit der Präsentation der urbanen Experimente zeigt sich jedenfalls: Gibt man Menschen die Möglichkeit und Unterstützung zur Mitgestaltung, ist die Bereitschaft groß, der Output faszinierend.

Ansicht Shaping Human Cities
Foto: Lena Prehal

„Kinder spielen Stadt“ heißt es zwischen 9. und 13. Juli im GrazMuseum: In Bibongo. Die Kinderstadt geht es ums Entdecken, Lernen, Gestalten und Mitentscheiden. Die Kinderstadt wird in Kooperation mit den Kinderfreunden Steiermark, dem Kunsthaus Graz und dem Haus der Architektur veranstaltet und richtet sich an Kinder von 6 bis 12 Jahren. Der Frage nach der Zukunft unserer Städte und wie diese nachhaltig, umweltfreundlich und lebenswert gestaltet werden können, nimmt sich ein weiteres Ausstellungsprojekt ab 27. Juli an: Ökotopia präsentiert Forschungsbeiträge der FH Joanneum zu den Themen Ressourcenschonung, innovative Mobilität oder regionale Lebensmittelversorgung. Die Diskussion der Stadtbewohnerinnen und Stadtbewohner steht auch hier ganz im Zentrum.

Foto: Lena Prehal

Schau Graz! 426 Standpunkte zur ­Situation der Stadt
Zu sehen bis 10. September 2018

SHAPING HUMAN CITIES: Bis 24. Juni 2018

Bibongo. Die Kinderstadt: 9. bis 13. Juli 2018

Ökotopia: 27. Juli bis 7. Oktober 2018

GrazMuseum, Sackstraße 18, 8010 Graz

www.grazmuseum.at

Trattfelderstraße