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und/oder/ist – and/or/is: Das Werk von Irmgard Schaumberger

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Irmgard Schaumbergers Konzeptionen mit den Materialien Ton und Sprache hat die Steirische Kulturinitiative ein Buch gewidmet, das die künstlerische und soziokulturelle Bedeutung ihres Werks in den Blickpunkt rückt – und für eine Personale plädiert.

Text: Wolfgang Pauker

Irmgard Schaumberger war eine außergewöhnliche Kunstschaffende, die aus Keramik nicht alltägliche Kunst aus reiner Sprache und gestalteter Tonerde schuf. Geboren 1960 in Graz, besuchte sie die Abteilung Keramik der Kunstgewerbeschule, studierte in Wien, Perugia und Linz und lehrte keramische Formgebung an der Ortweinschule für Kunst und ­Design, deren Meisterschule sie bis 2017 leitete. Daneben war sie stets künstlerisch tätig, nahm an nationalen wie internationalen Ausstellungen teil und wurde unter anderem mit dem Kunstförderungspreis der Stadt Graz wie auch des Landes Steiermark ausgezeichnet. Als Keramikkünstlerin und Lehrende widerstand sie, wie es Werner Fenz formuliert hat, der Verführung des Werkstoffs Ton, interpretierte ihr Arbeitsfeld medienübergreifend konzeptuell als eines der aktuellen, zeitgenössischen Kunst und setzte damit neue Maßstäbe in Form und Inhalt. „Ein selten feiner Mensch, eine überragende Künstlerin, weit über die bisher erfahrenen Möglichkeiten der Keramik und deren heutige Einschätzung hinaus, sowie eine Kunstpädagogin als Glücksfall für Schülerinnen und Schüler der Grazer Ortweinschule“, so Herbert ­Nichols-Schweiger, Geschäftsführer der Steirischen Kulturinitiative, bei der Präsentation der eben im Verlag Bibliothek der Provinz erschienenen Publikation in der Grazer kunst.wirt.schaft (Ausstellungsdauer bis 6. Juli). Leider verstarb Schaumberger während der Arbeit an diesem – an ihrem – Buch, das die Künstlerin gemeinsam mit Evelyn Kraus, Birgit Kulterer und Michael Neubacher in vielen Facetten mitgestaltet hat.

Irmgard Schaumberger, „täglich“, 1998, Neue Galerie Graz

Verwaistes Werk

Die Prognose für eine größere Zukunft ihres nun zu früh verwaisten Werks gründet auf der Absicht, die die Künstlerin sich selbst vornahm: „Meine Prämisse ist, die Keramik aus ihrer Geschichte sprengen und in einen anderen Kontext stellen.“ Herbert Nichols-Schweiger ergänzt: „Trotz des knalligen Worts ‚sprengen‘, von dessen Radikalität nichts wegzunehmen ist, begegnet man in ihren Arbeiten einer Klarheit und Sanftheit, beiden in ihrer jeweiligen Prägnanz. Der reine, zu Ende gedachte Gedanke füllte jede einzelne Arbeit und, um diese erfühlte Klarheit nur nicht zu stören, tritt er ohne jede überflüssige Attitüde in die zu sehende, immer wieder sprachlich erweiterte Wirklichkeit.“ Und im Falle Schaumbergers geht es um ein beachtliches Werk, eines, das mit jedem anderen Kunstmaterial Schritt halten kann. Ein ebenso großes Werk, denn meist hat sie jährlich mindestens eine Ausstellung vorangetrieben, immer mit neuen Projekten bestückt – immer dem Material und dem Sprachvermögen abgerungen. Denn um diese Dualität ging es Irmgard Schaumberger. Insofern ist die vorliegende, über 160 Seiten starke Publikation in Wort und Bild bestenfalls das Sahnehäubchen auf einer Künstlerinnenkarriere, die – wie Günther Holler-Schuster in seiner Rede klarstellte – längst in einer großen Ausstellung gewürdigt werden muss.

Günther Holler Schuster vor Arbeiten der Künstlerin Shirin Neshat. Foto: UMJ N. Lackner

Ein Alltagsmaterial zur Kunst erhoben

Schaumberger gelang es, das Material Ton und Erde – gebrannt zu Keramik bei vielen Menschen jeden Tag am Esstisch – zur Kunst zu erheben. Seine gewohnte Verwendung tritt in den Hintergrund, wie viele andere Verwendungsmöglichkeiten auch. „Aber Tonkunst, also Kunst mit Ton (ohne Noten), wird nicht nur von gestaltenden Händen und rotierenden Scheiben in Form gebracht. Das Werk von Irmgard Schaumberger ist, mit aller Zurückhaltung, ein philosophischer Kanon aus reiner Sprache und gestalteter Tonerde“, so Nichols-Schweiger, der gemeinsam mit der Künstlerin die Publikation plante. Schaumberger damals über den Beginn ihrer Arbeit: „Die Erinnerung setzt ein mit Erdäpfelacker und Fensterkitt. Das war, als Himbeersaft und Wurstbrot noch miteinander harmonierten.“ Also zu einer Zeit, wo sie das knetbare Material aus den Fensterfugen kratzte und für ihre „Fingerübungen“ nützte. Ab einem nicht viel späteren Zeitpunkt musste sie nicht mehr Fenster undicht machen, dafür ­perlten die qualifizierten Projekte aus ihrer Werkstatt. Schon 1992 hielt sie fest: „Nun ist der Ton ein stummer Schrei geworden, ein ewiges Lächeln, eine Verfremdung, ein plötzliches Ahnen, eine Herberge, ein verschwundenes Dach. Ungebrannt ein Vergängliches, gebrannt ein Ewiges, wenn wir Scherben ausgraben. Er ist das Urmaterial, das sich selbst lebt und uns zulässt, ihm eine Silhouette zu geben. Keramik, weil sie alles beinhaltet: Zeichen, die Form, die Farbe, das In-sich, das Außen und das Dazwischen.“

Noch vieles zu entdecken

„und/oder/ist – and/or/is“ – diesen Titel wünschte sich Schaumberger für ihr Buch. Der neuen Publikation vorangegangen war schon einmal eine Zusammenarbeit mit der Steirischen Kulturinitiative. 2001 begleitete man ein Projekt der Keramikkünstlerin mit Heinz Etzelt und publizierte SYNCHRON. Ein schmales Bändchen, in dem sechs Frauenbildnisse in bildhaften Interpretationen von Schaumberger und Etzelt, dem in einer steirischen Kunstwerkstatt arbeitenden Autisten, vereinigt wurden. Mit Evelyn Kraus ist es Schaumberger diesmal gelungen, einen Beitrag von Bodo Hell für die aktuelle Publikation zu gewinnen: eine literarische Besonderheit. Sein Text ist eine „Verquickung aus einer Reise durchs Leben, die von einer absoluten Bedeutung der Arbeit, des Werks geprägt ist“, so Kraus. Hell ist kein Kunsttheoretiker, kein Historiker, Hell ist Schriftsteller, der imstande ist, aus der Wirklichkeit zu schöpfen und ihr eine sprachliche Gestalt zu geben. Darüber hinaus haben der vor Schaumberger verstorbene Werner Fenz und Günther Holler-Schuster von der Neuen Galerie am Universalmuseum Joanneum kunsthistorische Zugänge geschaffen. Alle diese Beiträge und die fotografische Wiedergabe ihrer Arbeiten werden helfen, das Werk Schaumbergers klarer zu sehen und produktiv in Erinnerung zu halten. Denn es gibt noch vieles zu entdecken.

Bodo Hell
Foto: amourfou

 

ISBN 978-3-7011-7729-5, € 24,90