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Erste Pläne zum Kulturjahr 2020

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Die ehemalige Tennenmälzerei des neu entstehenden Stadtteils Reininghaus. Foto: Fischer

Standortbestimmung für die Grazer Kulturszene: Mit dem für 2020 geplanten „Graz Kulturjahr“ will die Stadt das heimische Kulturgeschehen stärken. Die ersten Weichen sind gestellt: Mit dem im Juli beschlossenen 5-Millionen-Sonderfonds für Kulturprojekte sowie der Bestellung eines eigenen Programmbeirats.

Text: Pia Moser

2020 wird Graz sein Kulturjahr feiern. Was bereits seit gut einem Jahr mehr oder weniger feststeht, war vor allem in den vergangenen Wochen in aller Munde. Anfang Juli wurde es nun konkreter: In der ehemaligen Tennenmälzerei des neu entstehenden Stadtteils Reininghaus präsentierte Kulturstadtrat Günter Riegler die inhaltliche Schwerpunktsetzung, das beschlossene Sonderbudget sowie Details zum weiteren Vorgehen. Der Präsentationsraum wurde nicht zufällig gewählt: „Wir befinden uns hier an einem Ort, der symbolisch ist für die nachhaltige Nutzung von Kultur “, so Riegler. Das ehemalige Industriegebäude im Westen von Graz versprüht rohen Charme und wird bereits jetzt für diverse Kulturevents genutzt. Ein klares Statement also: Das geplante Kulturjahr will sich nicht auf die klassischen Grazer Kultur-Spielstätten konzentrieren, sondern viel eher neue Räume erschließen und damit vor allem in die öffentliche Sphäre.

„Kultur für ein positiv besetztes Wir-Gefühl“

Über die Möglichkeit einer synergetischen Ergänzung und Förderung der Kräfte bestehender künstlerischer und wissenschaftlicher Institutionen und Personen im Rahmen eines kulturellen Schwerpunktjahres wird vonseiten der Stadt seit geraumer Zeit diskutiert. Die Grundidee: Eine Neudefinition des Verhältnisses von Stadt und Kultur, drängende Zukunftsfragen stellen und das Selbstverständnis von Graz in Sachen Kunst, Kultur und Kulturvermittlung weiterhin stärken. Das Kulturjahr wird so unter einen klar urbanistischen, Stadt-entwicklerischen Aspekt gestellt: „Über unterschiedlichste künstlerische Projekte sollen Zukunftsmodelle der städtischen Gesellschaft und Zukunftsmodelle eines lebendigen Kulturlebens in einer europäischen Stadt wie Graz entwickelt werden“, führt Günter Riegler aus.

Kulturstadtrat Günter Riegler.
Foto: Fischer

Vor diesem Anliegen steht das Faktum, dass die hiesige Kulturszene mehr Mittel für Programme dringend benötigt. So sollen im Schwerpunktjahr wichtige infrastrukturelle und kulturpolitische Neuerungen ermöglicht und vor allem solche Projekte finanziert werden, die in „Normaljahren“ keinen Platz finden. Nicht weniger relevant ist die Fokussierung auf die Grazer Bevölkerung. Der Plan: Über ein breitgefächertes, niederschwelliges und öffentlich zugänglich kulturelles Angebot ein „positives Wir-Verständnis“ zu stärken. Der öffentliche Raum wird so gleichermaßen zum starken Schauplatz und zentralen Thema des Kulturjahres 2020. Reininghaus und der Mur-Raum werden als wichtige Schauplätze anvisiert. In der Vorbereitungsphase und Konzeptfindung hat man sich mittels einer Intendant/innen-Konferenz, Expert/innen-
Workshops, Gesprächen mit Stakeholdern, einem Fokusgruppengespräch sowie einer Online-Befragung den Möglichkeiten und Chancen eines Schwerpunktjahres angenähert. „Die Online-Befragung hat gezeigt, dass sich 90 Prozent ein solches Kulturjahr wünschen“, sagt Otto Hochreiter, Direktor des GrazMuseums, der im April 2018 mit der Weiterentwicklung der Kulturjahr-Idee betraut wurde und das Vorprojekt leitete. „Das Kulturjahr kann einen wesentlichen Beitrag zur Gestaltung eines zukünftigen Graz leisten. Stadt ist immer auch ein Mehr an Gesellschaft. Darin gilt es sich einzubringen“, so Hochreiter.

Kein Festival zwischen den Festivals

Für 2020 wird ein mit 5 Millionen Euro dotierter Kulturjahr-Fonds für Sonderprojekte eingerichtet. Das Geld soll vor allem in die Projekte fließen. Eine Co-Finanzierung auf Landes- und Bundesebene ist erwünscht, so Stadtrat Riegler, wodurch etwa Kosten für Marketingzwecke abgedeckt werden könnten. „Für die Co-Finanzierungen sind noch weitere Gespräche mit Bund und Land zu führen“, heißt es derzeit vonseiten der Stadt. Konkret hat man sich jedenfalls darauf geeinigt, dass das Kulturjahr kein Parallelfestival oder „Festival zwischen den Festivals“ sein soll. In Sachen Organisation will man sich auf eine „schlanke Struktur“ besinnen: Die Verwaltung des Fonds liegt beim Grazer Kulturamt unter Leitung von Michael Grossmann. Statt einer Intendanz wird der „breit aufgestellte“ Programmbeirat für die Abwicklung der Förderansuchen sorgen, der im Juli vom Kulturstadtrat bestellt wurde und organisatorisch vom Kulturamt betreut wird. Der aus Expertinnen und Experten zusammengesetzte Programmbeirat hat die Aufgabe, die eingereichten Projektvorschläge entlang der programmatischen Richtlinien zu beurteilen und damit das Profil des Kulturjahres zu schärfen: „Der Beirat soll an der inhaltlichen Ausformulierung des Calls für Einreichungen beim Kulturjahr-Fonds aktiv mitwirken, um eine thematische Engführung, die stadträumliche Verteilung, die zeitliche Abstimmung innerhalb des Kulturjahres und die Balance der Medien sowie Kunst- und Kultursparten zu gewährleisten“, heißt es. Zudem wird dem Programmbeirat die Definierung von Spartenschwerpunkten wie Bildende Kunst, Theater, Musik, Neue Medien etc. obliegen. Für die operative Durchführung wird zusätzlich im Kulturamt der Stadt Graz ein eigenes Referat für das Kulturjahr eingerichtet. Bis Herbst sollen jene Persönlichkeiten feststehen, die mit dem Grazer Kulturgeschehen in Sachen Management, Kommunikation und operativer Abwicklung vertraut sind und sich in befristeter Anstellung um die entsprechenden Agenden kümmern.

v.L.: Otto Hochreiter, Armin Sippel, Günter Riegler und Michael Grossmann.
Foto: Fischer

Große Tanker und die Freie Szene

Der Call für Sonderprojekte im Kulturjahr ist mehr oder weniger offen für alle und richtet sich an Kulturschaffende unterschiedlicher Sparten und Größenordnungen. Eingeladen sind die großen Institutionen und Festivals ebenso wie Kulturinitiativen der sogenannten Freien Szene und einzelne Kunstschaffende. Die Kriterien für die Ausschreibung entsprechen im Wesentlichen jenen der aktuell vorhandenen Kultur-Fördermöglichkeiten. Jedoch mit einem ganz klaren Schwerpunkt: dem Graz-Bezug. Kulturamt-Leiter Michael Grossmann: „Wir wollen die Grundsätze der Förderung für das Kulturjahr etwas breiter begreifen. Es geht aber wesentlich um den Mehrwert für und Bezug zur Stadt Graz.“ Damit ist der Call weder streng national noch international ausgerichtet. All jene Projektvorschläge, die sich auf Themen wie Zukunftsorientierung, Urbanität oder gesellschaftliche Problemlagen im Graz-Kontext fokussieren, sind explizit eingeladen. Die genauen Förderkriterien sollen in den nächsten Wochen vonseiten des Programmbeirats formuliert werden. Bewerbungen für 2020-Sonderprojekte sind dann ab der Veröffentlichung des Calls noch im Jahr 2018 möglich. Insbesondere mit Blick auf die so ausdifferenzierte Grazer Kulturszene darf man jedenfalls gespannt sein, welche Projekte im „Graz Kulturjahr 2020“ letztendlich vertreten sein werden. Kulturstadtrat Riegler betont: „Das Programm ist nicht am Tourismus orientiert. Das Kulturjahr soll eine positive Strahlkraft entfalten, die eine Sogwirkung vor allem auf die einheimische Bevölkerung ausübt und Kunst, Wissenschaft und Diskurs noch näher an sie heranbringt.“