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Kulturregionen im Portrait: das Murtal

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THEO Foto: Michael Traussnigg

Inseln der Emotionen – Wo nichts ist, ist alles möglich … und alles möglich ist, wo es Menschen gibt, die (sich) keine Grenzen setzen.

Text: Peter Faßhuber

Als ich vor mehr als drei Jahrzehnten damit begonnen habe, in der damals knapp mehr als eintausend Seelen zählenden Marktgemeinde Oberzeiring – heute sind es nur mehr rund 850 und Oberzeiring ist seit der sogenannten Gemeindestrukturreform keine eigenständige Gemeinde mehr, sondern in den Gemeindeverbund Pölstal eingegliedert – Theater zu machen, war ich von Peter Brooks Theorie des „leeren Raumes“ beseelt. „Ich kann jeden leeren Raum nehmen und ihn eine nackte Bühne nennen. Ein Mann geht durch den Raum, während ihm ein anderer zusieht; das ist alles, was zur Theaterhandlung notwendig ist.“ (Peter Brook). Er geht also davon aus, dass der menschliche Geist in der Lage ist, aus ein paar Gegenständen und bestimmten Hinweisen eine komplette Welt im Kopf seines Eigentümers entstehen zu lassen. Theater ist also sozusagen Kino im Kopf. Dieses „Kopfkino“ hat mich nicht mehr losgelassen und welcher Ort wäre besser geeignet gewesen als das ehemalige Kino von Oberzeiring, um dort Welt­theater in die Köpfe der Menschen zu bringen. Das war die Idee. Anfangs Spinnerei, heute Wirklichkeit. Das Theater Oberzeiring, kurz THEO, kann als guter Beweis dafür herhalten, wie zeitgenössische Kunst im ländlichen Raum funktioniert: 6 Eigenproduktionen pro Spieljahr, Tausende Besucher, die aus der ganzen Steiermark, ja ganz Österreich nach Oberzeiring ins Thea­ter fahren, internationale Künstlerinnen und Künstler, die hier auftreten und die „Welt ins Dorf“ bringen – wie zum Beispiel beim WERKSTATT-Festival im September, wo es 11 internationale Theaterprojekte, 9 davon Uraufführungen, zu bestaunen gibt. Schon vorher, am 25. Juli, hat aber Georg Büchners LEONCE UND LENA Premiere: „Der Mensch ist die Substanz an sich. Der Mensch muss denken. Doch sie denken nicht, sie denken nicht …“

Von Oberzeiring sind es keine 30 Kilometer über „den Berg“ – gemeint ist der Hocheggersattel – ins Schloss Lind in St. Marein bei Neumarkt.

NAHVERSORGUNG – REGIONALENTWICK­LUNG – HEIMAT ANDERS: Ein Ort wie Schloss Lind, der von 1942–45 eine Nebenstelle des KZ Mauthausen war, hat die gesellschaftliche Verpflichtung, sich der Auseinandersetzung mit der jüngsten Geschichte zu stellen (die Bemühungen darum wurden heuer mit dem HANS MARSALEK-PREIS ausgezeichnet). Auf rund tausend Quadratmetern umfasst das ANDERE heimatmuseum die Dauerausstellung „das eigene & das fremde“ (KuratorInnen: ULI VONBANK-SCHEDLER und WERNER KOROSCHITZ), eine Gedenkstätte und zahlreiche Galerien und Performance-Räume.

Die KuratorInnen Britta Sievers und Andreas Staudinger verstehen Schloss Lind darüber hinaus als einen pulsierenden Ort des gesellschaftlichen Austauschs, als Kommunikations-Pool, an dem der ­HEIMATbegriff ­­kritisch/zeitgemäß/lustvoll hinterfragt werden kann. Darum arbeitet man seit Jahren mit vielen relevanten Institutionen und Vereinen der Region zusammen. So gibt es in Kooperation mit der Holzwelt Murau ab 30. September das Festival STUBENrein. Von Andreas Staudinger konzipiert, werden in 14 Gemeinden der Region Privaträume innovativ besetzt. Das Programm 2018 zeigt aber auch ortspezifische Fotografie (Erwin Polanc mit 8820+-, einer Serie über seinen Geburtsort Neumarkt), Literatur (Heimo Halbrainer, Clio), Musik (Madame Baheux, Endrina Rosales Group, Bartholomey/Bittmann, Mario Roms Interzone), Theater und ortspezifische Performance: Inner Soundcapes, ein Projekt des GEHmuSEHums.

Rund 40 Minuten Fahrzeit sind es vom Schloss Lind nach Stadl an der Mur, ganz im Westen der Steiermark, hart an der Grenze zum salzburgerischen Lungau. Denkt man an Stadl an der Mur, so fällt einem das Munitionslager des österreichischen Bundesheeres ein, schon weniger, dass 1944 Marina Seiller-Nedkoff hier geboren wurde. Eine österreichische akademische Malerin, die in Wien, Zürich, St. Petersburg oder New York ausgestellt hat, meines Wissens aber nie in Stadl an der Mur.

„Zwischen anpassen und nix scheißen“ –wie weit können, dürfen, müssen Kulturarbeiter gehen, die sich mit zeitgenössischer Kunst am Land auseinandersetzen? Wie weit müssen Publikumserwartungen erfüllt werden? Welchen Einfluss hat es auf die Arbeit, dass deren Familien hier gemeinsam mit dem Publikum leben und außerhalb der Kulturarbeit noch alle möglichen Berührungspunkte und unter Umständen Abhängigkeiten haben? Ferdinand Nagele und sein Kunstverein Stadl-Predlitz stellen sich diesen Fragen.

„Ich glaube, dass wir am Land (versus Stadt) viel größere Verführer sein müssen, speziell wenn wir mit zeitgenössischer Kunst arbeiten. Bei diesem Gedanken gehe ich davon aus, dass wir Publikum erreichen wollen, das Eintritt bezahlt, und wir nicht einfach ein „Kunstding“ durchziehen. Wir müssen überraschen – auch immer wieder mal was präsentieren, das näher dran am „Gewohnten“ ist. Einen breiten Bogen spannen. Und uns dabei aber nicht billig ranschmeißen …“ (Zitat ­Ferdinand ­Nagele). Und er kommt zum Schluss, dass es da gut funktioniert, wo Menschen vor Ort direkt in Projekte miteinbezogen werden. Wo die Leute für voll genommen und keine Schranken im Denken und Tun eingebaut werden. HEIMAT KUNST RADIKAL auf diese zentralen Begriffe baut der Kunstverein Stadl-Predlitz seine Aktivitäten auf. Mit dem Griessner-
stadl hat man einen sehr schönen Spielort zur Verfügung, wo heuer im Sommer die Ortsbäuerin in der Regie eines Hamburger Regisseurs komisch düster das Gretchen in Goethes FAUST gibt, David Siebenhofer virtuos charmant eine Konzertreihe spielt und Elena Karner & Groove Aid lässig groovig auf einen Streifzug durch die Jazzclubs des 20. Jahrhunderts laden.

Bergbau, Schwer- und Metallindustrie waren bis in die 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts die Lebensadern des Murtals. Mit dem Niedergang der Industrie entwickelte sich die Region zur „Krisenregion“ mit starker Abwanderung und Arbeitslosigkeit. Vor allem junge Menschen und sogenannte höher gebildete Schichten suchten in Scharen ihr Heil in Graz, Wien und anderswo. Die Region war und ist gefordert, Gegenrezepte zu entwickeln. Manches ist gelungen, manches weniger. Vielerorts wiegt man sich in Beliebigkeit, erst recht auch in der Kulturarbeit. Dabei geht es gerade darum, dieser zu entkommen, speziell in unserer heutigen „Alles-ist-verfügbar-Zeit“. Da tut es gut, dass es sogenannte „Inseln der Emotionen“ gibt. Keine beliebigen Veranstaltungszentren, die um die Gunst der Massen heischen, sondern Orte, an denen produziert und nicht reproduziert wird. Orte, an denen man sich mit den Menschen in verantwortungsvolle Konflikte begibt, sie mit Ereignissen konfrontiert und schlussendlich den Dialog sucht. In einer Zeit der „kapitalistischen Verblödung und Verrohung der Menschheit“ – wie sie Nikolaus Harnoncourt in einer Rede in Salzburg sehr drastisch und kritisch beschrieben hat –braucht es solche Inseln mehr denn je.

Wo nichts ist, ist alles möglich. Und alles möglich ist, wo es Menschen gibt, die (sich) keine Grenzen setzen. Auch Lore Schrettner hat sich nie Grenzen gesetzt, wie sonst wäre es möglich, bei der von ihr künstlerisch geleiteten und organisierten internationalen Kulturwoche in Großlobming bedeutende Größen der internationalen Musikszene auftreten zu lassen. Das Musikfestival zählt zu den klassischen Konzerthöhepunkten der Steiermark.

Liebe Besucherinnen, liebe Besucher, überwinden auch Sie Grenzen, fahren Sie hinaus. Machen Sie Entdeckungen. Lassen Sie sich ein und verändern Sie sich. Und denken Sie dabei an Bertold Brecht, der da gesagt hat: „Das Theater (die Kunst) darf nicht danach beurteilt werden, ob es die Gewohnheiten seines Publikums befriedigt, sondern danach, ob es sie zu ändern vermag.“

Peter Faßhuber lebt in Oberzeiring, ist Regisseur und künstlerischer Leiter von theaterland steiermark, die steirischen theaterfeste der regionen.