Start Featureshome Fotografie trifft Lyrik

Fotografie trifft Lyrik

Klaus-Dieter Hartl und Andreas Unterweger

Die Frühlingsausstellung im Greith-Haus kombiniert auf sehr sinnliche und innige Weise einen Teil der Personale des Künstlers Klaus-Dieter Hartl mit einem Auftragswerk des Schriftstellers Andreas Unterweger.

Text: Lydia Bißmann

Fotografie trifft Lyrik lautet der scheinbar schlichte Titel der Frühjahrsausstellung im Greith-Haus, hinter dem sich jedoch ein dichtes Netz an komplexen Zusammenhängen, poetisch-philosophischen Assoziationen und das fokussierte Erforschen von Fremd- und Eigenwahrnehmung verbirgt. Die Ausstellung gewährt einen Einblick in das Werk des Fotografen, bildenden Künstlers, Kunstpädagogen, Kurators und kurzzeitig sogar Super-8-Filmemachers Klaus-Dieter Hartl, der Anfang der 1970er-Jahre seine künstlerische Laufbahn begann und seit den frühen 1980er-Jahren fast jedes Jahr mindestens eine Ausstellung bestritten hat. Zeichnungen, Fotografien, Digitaldrucke, Montagen und zwei Objekte sind in der Schau im Gerhard-Roth-Saal thematisch in Kapitel wie „Selbstporträt“, „Raum“ oder „Natur“ geordnet und ermöglichen den Betrachter*innen, in die Essenz der Kunst von Klaus-Dieter Hartl einzutauchen. Bereits 1987 sagte er: „Ich vertraue der Fotografie als Reproduktion der Wirklichkeit nicht mehr als der Wirklichkeit.“ Für eine seiner neuesten Arbeiten, den Zyklus Zuhören-Totentanz (2023), der 2024 im Steiermarkhaus in Brüssel gezeigt wurde, hat Andreas Unterweger einen 14-teiligen Gedichtzyklus namens Totentanz verfasst. Von dem 23-teiligen Bild-Zyklus sind in der Ausstellung etwas mehr als die Hälfte zu sehen. Text und Bilder erscheinen in einer Publikation, die bei der Eröffnung mit einer Lesung präsentiert wird. Am selben Abend wird auch Haus ohne Türen (2025), der erste Gedichtband des sonst für seine Romane bekannten Schriftstellers Andreas Unterweger, vorgestellt.

Klaus-Dieter Hartl, Raumanalysen – weiblicher Akt, 1980

Schattenrätsel und barocke Poesie

Wie in vielen seiner Arbeiten ließ sich Klaus-Dieter Hartl auch für den Zyklus Zuhören-Totentanz von einem Künstlerkollegen inspirieren: Der Mengele-Totentanz von Jean Tinguely in Basel besteht aus einer bewegten Installation aus abgebrannten Landmaschinen, die aus der Fabrikation des Vaters des berüchtigten KZ-Arztes Josef Mengele stammen. Die Schatten der monumentalen Tinguely-Skulpturen gaben den Anstoß für die stillen, kleinen fotografischen Aufnahmen, die nichts mehr über ihren Ursprung verraten und gänzlich neu gelesen werden können. „Wie durch Gucklöcher blicken wir auf Installationen und Kunstwerke, die als Schattenbilder innerhalb von runden Passepartouts erscheinen. Licht und Schatten verändern die ursprünglichen Momentaufnahmen, der Fokus auf Details verfremdet das Dargestellte und gibt Rätsel auf. „Wie in Platons Höhlengleichnis, wo die Schatten von Menschen und Objekten für real gehalten werden, wird auch bei Hartls Bildern die Wirklichkeit der Dinge in Frage gestellt“, schreibt Kunsthistorikerin und Kuratorin Tanja Gurke über diese Arbeit. Sichtbares wie Licht und Schatten und Unvorstellbares, Unbegreifliches – wie etwa der Holocaust – werden hier miteinander verknüpft und fordern sowohl die Augen als auch den Intellekt der Betrachter*innen heraus.

Andreas Unterweger ließ sich für seinen lyrischen Totentanz von den kreisförmigen Fotografien sowie der literarischen Gattung des Totentanzes mit seinen teils strengen Regeln leiten. Die Handlung ist klar: Das Lebenslicht erlischt für alle. Ein Entkommen gibt es nicht im „Modertanz als Modetanz quer durch die Schichten“ – der Tod holt alle ab. Papst und Kaiser sind hier die modern meuchelnden Massenmörder von heute; es sind die Superreichen auf ihren Jachten, die im selben Meer den überfüllten Schlauchbooten der Flüchtenden begegnen. Die Mittelschicht hat sich nach ganz rechts oder angeblich nach ganz links verdünnisiert und bildet eine Leerstelle. Frauen und Kinder befinden sich ganz weit unten im Macht- und Reichtumsranking. Trotz der düsteren Thematik bleibt Unterwegers Langgedicht durch die Mischung aus alter Form und neuem Sprachstil, beherztem Rhythmus, Wortspiele und nicht zuletzt dem sporadischen Reim lustig, leichtfüßig und bis zum Schluss spannend – auch wenn das Ende von Anfang an bekannt ist.

Gemeinsam dem Wesen der Kunst auf der Spur

Fotografie und Lyrik haben vieles gemeinsam. Beide sind direkte und unmittelbare Kunstformen, die schnell berühren können. Ob die Kunst ankommt oder nicht, entscheidet sich meist innerhalb weniger Augenblicke. Auch die beiden Künstler Klaus-Dieter Hartl und Andreas Unterweger verbindet einiges – sie leben im südsteirischen Leibnitz und betreiben mit ihrer Kunst eine Archäologie des Alltags, beschäftigen sich mit flüchtigen Momenten und den Untiefen, die sich dahinter auftun. Beide greifen gerne Gedanken, Fragmente, Zitate oder Formen anderer Künstler*innen auf, verarbeiten diese weiter und lassen sie in ihr eigenes Werk einfließen. Trotz ihrer intertextuellen und intermedialen Arbeitsweise bleiben sie barrierefrei – ihre Bilder und Gedichte sind mit Fußnoten oder Erklärungen versehen, funktionieren aber ebenso problemlos für sich allein. Im Greith-Haus, das der Schriftsteller und leidenschaftliche Fotograf Gerhard Roth ermöglichte, in einer Ortschaft, in die Wolfgang Bauer sich schon zum Schreiben gerne zurückzog, findet nun ein künstlerischer Dialog zwischen Hartl und Unterweger statt. Dieser bietet weit mehr als eine bloße literarisch-optische Symbiose.

Andreas Unterweger, Haus ohne Türen
ISBN/EAN 978-3-99059-180-2
gebunden, 128 Seiten, Literaturverlag Droschl 

Die Künstler

Klaus-Dieter Hartl war nach seiner Ausbildung an der Pädagogischen Akademie in Graz als Lehrer und Direktor tätig und etablierte sich systematisch als Künstler mit Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland. Diverse Förderungspreise und Ehrenzeichen – u. a. des Landes Steiermark sowie des Bundes – säumen seinen Weg. Er kuratierte Ausstellungen und Festivals, initiierte kulturelle Vereine und war 1998 Gründungsmitglied der Galerie Marenzi in Leibnitz mit Schwerpunkt auf zeitgenössischer Fotokunst, die er bis heute erfolgreich leitet. Andreas Unterweger ist Schriftsteller, Übersetzer und seit 2020 ­Herausgeber der Literaturzeitschrift manuskripte. Er studierte Deutsche Philologie in Graz und Nantes und lebt heute in Leibnitz und Graz. Bislang sind sechs Prosabücher von ihm im Literaturverlag Droschl erschienen, zuletzt So long Annemarie (2022) und 2025 mit Das Haus ohne Türen sein erster Gedichtband auf Deutsch. Seine Prosa und Lyrik wurde in mehrere Sprachen übersetzt, etwa Le livre jaune (Lanskine, Paris 2019) oder Nijedna pesma (Gedichte, NoRules, Beograd 2021). Er erhielt u. a. den manuskripte-Preis des Landes Steiermark (2016) und den Preis der Akademie Graz (2009).      

Fotografie trifft Lyrik
Klaus-Dieter Hartl, Andreas Unterweger
Bis 5.6.2025, jeden Do bis 18 Uhr und jederzeit gegen Voranmeldung
Greith-Haus, Gerhard-Roth-Saal

Frühlingskulturabend, Ausstellungs­eröffnung & Katalogpräsentation, Lesung & Buchpräsentation: Sa, 29.3.25, 19 Uhr
Greith-Haus
Kopreinigg 90
8544 St. Ulrich in Greith

www.greith-haus.at